Beim Radballtraining des TSV Barrien

Ich kam, sah – und fiel nicht auf die Fresse

Rafael Kaluza (19 Jahre) aus Göddern (rechts) beim Radballtraining.

Ich kam, sah – und fiel nicht auf die Fresse  ... das war beim Radballtraining des TSV Barrien gar nicht so leicht. Denn der Sport ist verdammt schwer! Eigentlich ist Fußball spielen doch ganz einfach. Zumindest in der Theorie.

Man hat seine Füße und tritt mit ihnen gegen einen Ball. Das sollte eigentlich jeder irgendwie hinkriegen. Wem das aber schon zu viel ist, der sollte mit einer anderen Ballsportart lieber gar nicht erst anfangen: Dem Radball. Nein, das ist keine paralympische Disziplin und keine Zirkusnummer. Tatsächlich ist Radball sogar ein bisschen wie Fußball – nur dass man auf Rädern spielt.

Noch nie davon gehört? Kein Wunder, denn allein in Niedersachsen gibt’s nur drei Vereine, die diesen Sport anbieten. Einer davon ist der TSV Barrien.

Ohne jeden Schimmer zu haben, wie das Ganze funktioniert, melde ich mich einfach mal zum Training an und unterziehe mich dem Selbsttest. Von Neugierde gequält, schaue ich mir vorher erst mal die Regeln an. Die klingen auch gar nicht so schwer: Beim sogenannten „2-er Radball“ besteht jede Mannschaft aus zwei Spielern. Eine Partie findet auf einem etwa 14 mal elf Meter großen Feld in der Halle statt, und Ziel des Spiels ist es selbstverständlich, den Ball in das Tor des Gegners zu transportieren.

Aber dann wird’s kompliziert. So muss man, wenn man den Ball spielen will, Hände und Beine am Lenker beziehungsweise auf den Pedalen lassen. Im Klartext: Man muss die Kugel wohl irgendwie mit dem Vorderrad spielen. Nur im Tor darf man, um einen Treffer des Gegners zu verhindern, den Ball mit den Händen abwehren. Klingt für mich schon mal unvorstellbar und ich bin gespannt, was noch kommt.

Die anderen Regeln kommen mir als Fußballspieler bekannt vor. Es gibt Fouls, Freistöße, Ecken, und Strafstöße – nichts, was mich weiter stutzig machen könnte. Aber dann lese ich : „Im Spiel erreicht der Ball bis zu 70 km/h“ (wikipedia). Ich traue meinen Augen nicht. Wie soll das denn gehen? Die Frage muss ich erstmal im Raum stehen lassen.

Beim Training angekommen, bin ich einer der ersten. Sehr gut, denn so ist Zeit genug, mich einzufahren. Das ist nämlich dringend nötig, weil sich ein Radballrad von einem gewöhnlichen Fahrrad ein wenig unterscheidet. Der Sattel ist dort, wo sich normalerweise ein Gepäckträger befindet, sodass man während des Spiels eigentlich ständig im Stehen fährt und eben auch spielt. Tatsächlich ist sitzen nur zum Ausruhen da. Nach kleinen Startschwierigkeiten läuft das Fahren nach wenigen Minuten schon einigermaßen ordentlich, aber die nächste Hürde – das Schießen – ist schon zu hoch für mich. Ich krieg’s einfach nicht hin, das Vorderrad leicht anzuheben, dabei eine Schussbewegung zu vollziehen, und dann auch noch auf dem Rad stehen zu bleiben. Trotz mehrerer Versuche habe ich keine Chance. Ich muss es leider zugeben: Das Experiment „Radball“ ist für mich bereits nach wenigen Minuten gescheitert – das sei aber ganz normal, werde ich beruhigt. Nun bin ich aber gespannt: Wie machen die fünf Profis vom TSV Barrien das denn? Wie spielen sie den Sport, der für mich (noch) im Bereich des Unmöglichen liegt?

Was ich daraufhin sehe, ist schon beeindruckend. Die Spieler bewegen sich auf ihren Rädern sehr schnell, vor allem das Umschalten von Abwehr auf Angriff muss innerhalb kürzester Zeit passieren. Aber es geht nicht immer nur schnell zu. Mal taktieren die Gegner, stehen an der Bande sekundenlang nebeneinander im Kampf um den Ball. Was aber noch imposanter ist, das ist das, was mein Körper mir verwehrt hat: Die Spieler sind tatsächlich in der Lage, blitzschnell und irgendwie ansatzlos den Ball mit dem Vorderrad Richtung Tor zu schießen. Und das nicht flach und lasch, sondern sogar richtig hoch und mit Power. Schwer beeindruckt wende ich mich nach dem Spiel an die drei Jugendlichen im Team. Kris Ole Nienaber, Björn Klostermann und Eike Wieczorek sind seit Jahren begeisterte Radballer. Alle drei sind 17 Jahre alt und kommen aus Barrien. Ihre Geschichten, wie sie zum Radball gekommen sind, versprühen aber wenig Spektakuläres und zeigen auch das Problem des Sports. Kaum ein Junge würde sich wohl einfach so für diesen Sport entscheiden – denn dafür ist er einfach nicht populär genug. Viele kennen ihn ja vermutlich nicht mal. „Ich bin durch meinen Vater zum Radball gekommen, der macht das bestimmt schon seit 50 Jahren. Ich habe dann mit sechs Jahren angefangen und habe Björn irgendwann mitgenommen“, erzählt mir Kris Ole. Auch Eike kam durch seine Familie zum Radball. Sowohl sein Onkel, als auch sein Vater sind beim TSV Barrien aktiv. Heute spielen Kris Ole und Eike sogar mit ihren Vätern zusammen in der Herrenmannschaft, denn in der Jugend, in der die drei Jungs normalerweise alle noch spielen würden, sind zu wenig Spieler.

Eine Erklärung dafür hat Kris-Ole parat: „Wir haben schon oft Freunde gefragt, ob sie nicht mal Bock hätten mitzukommen. Aber die meisten machen ja schon Sport und spielen dann halt Fußball oder so. Radball ist eben ein Exotensport.“ Um überhaupt zum Radball zu kommen, müsse man daher schon möglichst früh anfangen – so wie er selbst.

Nun werde ich aber ein bisschen stutzig. Hatte ich nicht gerade demonstrativ unter Beweis gestellt, dass ich mich mit meinen 19 Jahren gerade mal so eben auf dem Rad halten kann. Wie um alles in der Welt haben die Jungs das als Sechsjährige schon geschafft? „Ich denke, in jungen Jahren lernt man einfach schneller und hat vor allem mehr Lust, was zu lernen. Man lässt sich auch nicht so schnell entmutigen. Manche Jugendliche haben einfach schon nicht mehr den Mut und die Überzeugung, zu lernen“, meint Kris Ole. Irgendwie nachvollziehbar, denke ich im Stillen. Aber gleichzeitig auch nachvollziehbar, dass man, wenn man’s erst mal drauf hat, damit nicht wieder aufhören kann. Denn was ich hier gerade von den Jungs gesehen habe, war nicht nur absolut faszinierend, sondern man konnte auch erkennen, welchen Kick ein solcher Sport bei guter Körperbeherrschung bringen kann.

Kris Ole, der auch Fußball spielt, bestätigt das: „Wenn ich Radball spiele, ist da einfach extrem viel Adrenalin im Körper, weil man immer auf hoher Geschwindigkeit ist und einfach unbedingt gewinnen will. Das ist noch stärker als beim Fußball.“ Björn und Eike stimmen ihm zu. Deswegen wollen die Jungs damit auch noch lange nicht aufhören, sondern erst mal im Herrenbereich für Furore sorgen. Vor Verletzungen braucht man – auch wenn mich das ehrlich überrascht – übrigens keine große Angst zu haben, sagt Stefan Wieczorek, Trainer der Truppe und Eikes Onkel: „Radball ist definitiv nicht so gefährlich wie Fußball. Wir haben fast nie Muskelverletzungen. Klar fällt man mal hin und hat blaue Flecken, aber sonst ist alles sehr fair.“ Auch deswegen könnte Radball eine echt Alternative zu den bekannten Volkssportarten sein. Mal sehen, wann ich meinen zweiten Anlauf nehme. Rafael Kaluza (19 Jahre) aus Göddern

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