Noch 'ne Frage?

chili-Autorin Linda.

Verden - Neulich (gestern) stand ich im „Plus“. Der ja jetzt „Netto“ heißt. Und in dem alle Mitarbeiter den „Hallo! Ich bin freundlich!“-Button am knallroten Hemd tragen. Das „Hallo!“ darf man in diesem Fall auch als „Nein!“ interpretieren. Und das „Ich bin freundlich!“ als „Ich weiß auch nicht, wie dieser Button dahingekommen ist“.

Es war jedenfalls frühmorgens, also so gegen halb zehn. Mein Anliegen war eine Flasche Volvic mit Erdbeer-Plastikgeschmack. Ich stürmte durch die schmalen Reihen und erreichte in Rekordzeit das Getränke-Regal. Das Volvic-Plastik mit 89 zusätzlichen Vitamin-Ersatzpräparaten war ausverkauft. Während ich versuchte, zwischen „Viva Vital Birne-Malve-Zucchini“ mit nur 8,34 Gramm Fett und „Vittel Sahne-Vanille-Kartoffel“ mit echten Tee-Teilprodukt-Extrakten abzuwägen, überkam mich eine Vorahnung. Das passiert mir häufig.  An diesem Morgen im Supermarkt überkam mich das Gefühl, jemand würde mich gleich ansprechen.

Ich verdächtigte den Verkäufer. Doch der saß zufriedenen Grinsens an seiner Kasse. Ich registrierte den Mann hinter mir keine fünf Sekunden später. Wäre auch kaum möglich gewesen, ihn nicht zu sehen, denn sein Gesicht klebte quasi an meinem. Er sprach schon, während ich genervt meinen Kopfhörer aus dem Ohr pulte. Sein Haar war fettig, niedere-Klasse-Alkohol-Geruch. Er hielt einen Einkaufszettel in der Hand, auf dem nichts stand. „Schulligung, der Bio-Sekt is ausverkauft, was kann ich ‘n stattdessn nehm?“

Ich schaute vorsichtshalber an mir herunter. Möglich ja, dass ich mir heute morgen aus Versehen einen „Hallo! Ich bin freundlich!“-Button an die Lederjacke geheftet hatte. Fehlanzeige. „Was Teures, passt dann schon – ich ärwarte nämich heute Damn-Besuch der etwas gehobneren Klasse“, grinste er. „‘Ne Edel-Nutte?“, dachte ich. „WAS?!“, schnaubte er. Scheiße. Hatte ich das gerade gesagt? „Verdammter Mist!“, schrie meine linke Gehirnhälfte. Der Typ sah aus, wie einer, der erst zuschlägt und dann Fragen stellt. „Äääh“, stotterte ich und wog meine Möglichkeiten ab: Außer einer Liter-Flasche Apfel-Malve-Artischocke hatte ich nichts, um mich wehren zu können. Ich spannte also sämtliche Muskeln an und legte mich in Verteidigungshaltung, als er den Mund öffnete: „Hähä. Hähähä. Hab’ leida keine Ahnung von Sekt“, geiferte er.

Ob ich ihm sagen sollte, dass ich seine Masche durchschaut hatte? Er brauchte vor mir nicht vorzugeben, dass er diesen Sekt für eine Dame kaufte. Welcher Spinner kauft denn hochwertige Getränke bei „Netto“? Aber da war noch mehr: Er wollte sich eigentlich nicht für den Kauf entschuldigen. Eigentlich wollte er mich fragen, ob ich nicht Lust hätte, mit zu ihm zu kommen. „Sorry“, pflaumte ich und ging zur Kasse. Ich knallte meine Sachen aufs Band, und schon stand der Prolet wieder hinter mir. „Ich glaub, ich nehm jetz den“, flötete er. Mit zitternden Händen warf ich einen Fünf-Euro-Schein auf das Laufband und dem Mann giftige Blicke zu. Dann flüchtete ich.

Beim Überqueren der Straße sah ich ihn aus dem Laden hasten und mit den Armen fuchteln. Noch am selben Abend habe ich mir einen Boxsack gebastelt. Aus einem stabilen Sofakissen, einer leeren Getränkekiste und etwas Kordel. Eine notwendige Art, Aggressionen abzubauen. Sollte ich dem Typen oder seinen unehelichen Kindern demnächst wieder begegnen, bin ich gewappnet. Tut gut, das zu wissen. Denn an manchen Tagen, da möchte auch ich keine Fragen stellen.

Linda Remer (23 Jahre) aus Verden

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Der Renault Captur zeigt Sinn fürs Praktische

Der Renault Captur zeigt Sinn fürs Praktische

Israel tötet Dschihad-Militärchef - Beschuss aus Gaza

Israel tötet Dschihad-Militärchef - Beschuss aus Gaza

„Eine Legende besagt: Hätte Herrmann nicht abgeschlossen, würde Friedl immer noch rückwärts laufen“

„Eine Legende besagt: Hätte Herrmann nicht abgeschlossen, würde Friedl immer noch rückwärts laufen“

Wer hat wie benotet? Die Werder-Noten gegen Gladbach im Vergleich

Wer hat wie benotet? Die Werder-Noten gegen Gladbach im Vergleich

Meistgelesene Artikel

Kinderwunsch ist keine Pflichtveranstaltung

Kinderwunsch ist keine Pflichtveranstaltung

Feuerwehrmann wird gefeuert - wegen einer Melone

Feuerwehrmann wird gefeuert - wegen einer Melone

„Kann deine Sprachnachricht nicht abhören“ – *bekommt Sprachnachricht*

„Kann deine Sprachnachricht nicht abhören“ – *bekommt Sprachnachricht*

Kommentare