Kino

„Motherless Brooklyn“ von Edward Norton: Ein neuer Klassiker wird nicht daraus

Edward Norton hat Jonathan Lethems Detektivroman „Motherless Brooklyn“ als Hommage an den Film Noir verfilmt.

  • Motherless Brooklyn“ im Kino
  • Bruce Willis als Privatdetektiv
  • Edward Norton: Zwei Jahrzehnte Werbung für den Film

Der französische Neurologe George Gilles de la Tourette fand das Thema seines Lebens um 1884. Auch wenn er die Erkrankung des Nevensystems nicht entdeckte, die bei manchen Patienten zu unerwünschten Äußerungen führt, trägt sie bis heute seinen Namen. Wirklich bekannt wurde das Tourette-Syndrom freilich erst mehr als hundert Jahre später.

Ohne dass es häufiger geworden wäre, häuften sich plötzlich Fälle in Literatur und Film. Noch bevor „Vincent will Meer“ und „Ein Tick anders“ im deutschen Kino Erfolge waren, wählte Jonathan Lethem 1999 das Krankheitsbild für den Helden seines Detektivromans „Motherless Brooklyn“*. Was für ein Kunstgriff für ein Sprachkunstwerk: Eine sich durch den Tic des Protagonisten verformende Sprache, die diesen gleichzeitig isolliert und charakterisiert. Und zugleich besondere intellektuelle Fähigkeiten motiviert.

„Motherless Brooklyn“: Edward Norton macht daraus einen film noir

Verfilmte Literatur nimmt ihre sprachlichen Besonderheiten naturgemäß häufig ein gutes Stück zurück neben dem, was sich leichter illustrieren lässt. Für den Schauspieler und Regisseur Edward Norton bietet der Stoff noch etwas Reizvolleres als die darstellerisch interessante Rolle eines sprachgestörten Protagonisten. In der Genre-Anbindung dieser klassischen Spurensuche eines Ermittlers, der den Mord an seinem Chef und Mentor aufklären möchte, betont er eine Qualität des klassischen Hollywood: Aus einem „Neo-Noir“-Thriller macht er einen klassischen film noir, indem der die Spielzeit zurückverlegt ins New York der 1950er Jahre. Wie als Reverenz vor einem Noir-Klassiker jüngerer Zeit besetzt er die kleine Rolle des ermordeten Privatdetektivs spektakulär mit dem Darsteller des Detektivs aus „Sin City“, Bruce Willis.

„Motherless Brooklyn“: Der Schurke im Rathaus

Das Herz der sündigen Stadt New York schlägt in ihrem Rathaus. Dort hat Stadtplaner Moses Randolph (Alec Baldwin) sein Büro und betreibt unter dem Vorwand der Stadtteilsanierung eine ethnische Säuberung: Straßenzüge, die mehrheitlich von Afroamerikanern bewohnt werden, sollen abgerissen und neu gebaut werden – auf dass sie sich die früheren Bewohner nicht mehr leisten können. Heute gibt es ein Wort dafür: Gentrifizierung. Offensichtlich ist Bruce Willis’ Filmfigur den korrupten Machenschaften auf die Schliche gekommen.

Das historische Vorbild ist einer der einflussreichsten Stadtplaner der Moderne, Robert Moses. Von den 30er Jahren bis in die 60er veränderte er das Gesicht New Yorks entscheidend. Den Abriss alter Stadtviertel wie Teilen von Greenwich Village nahm er für eine autogerechte Stadt billigend in Kauf. Doch ob ihn wirklich Rassismus motivierte, seine Brücken so niedrig zu bauen, dass sie von Bussen nicht mehr befahren werden konnten, um somit Schwarzen der Weg in die Naherholungsgebiete zu versperren?

„Motherless Brooklyn“: Edward Norton spielt Detektiv Lionel Essrog

Auch der von Norton gespielte Detektiv Lionel Essrog wird von diesem finsteren Plan erfahren, während er sich in eine Aktivistin aus Harlem (Gugu Mbatha-Raw) verliebt. Norton webt in seine Romanadaption Motive aus Robert A. Caros kritischer Moses-Biographie „The Power Broker“ ein – und findet so neben der Nähe zum film noir auch eine inhaltliche Motivation für die Verlegung der Spielzeit in die 50er: Sein Film schwelgt nicht nur in rekonstruierten Schauplätzen wie der abgerissenen Penn Station, er vermittelt auch ein Stück Architekturgeschichte. Daneben bestimmt der Cool Jazz seinen Rhythmus. Kein Geringerer als Wynton Marsalis interpretiert die von Daniel Pemberton geschriebene Filmmusik.

„Motherless Brooklyn“: Edward Norton warb zwei Jahrzehnte für den Film

Jede Szene dieses Films, für den Norton zwei Jahrzehnte warb, verrät seine Leidenschaft. Ein neuer Klassiker aber wird nicht daraus. Sein Irrtum beginnt vielleicht schon damit, den film noir für ein Genre zu halten. Tatsächlich war der verbindende Stil dieser Filme, die Liebe zu harten Schatten, cooler Musik und noch cooleren Helden aus den Geschichten motiviert und keine Regel, die es zu erfüllen galt.

So aber nähert sich Norton dem Genre: als eine Art Malen-nach-Zahlen-Gemälde, das es nur noch auszufüllen gilt. Großartige Schauspieler wie der zur Zeit omnipräsente Willem Dafoe in der Rolle eines zwielichtigen Informanten füllen Leerstellen aus, die das Genre scheinbar festgeschrieben hat. Zwei Stunden und zwanzig Minuten erlebt man die liebevolle Nachstellung von etwas, das in der klassischen Zeit des film noir in 80 Minuten erzählt worden wäre.

Motherless Brooklyn.  USA 2019. Regie: Edward Norton. 144 Min.

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Rubriklistenbild: © (c) Warner Bros. Pictures

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