Morgens Schule, mittags Uni: Neele (18) ist Frühstudentin

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Neele Piepjohn

Bremen – Zwischen den anderen Studenten an der Bremer Uni falle sie gar nicht auf, vermutet Neele. Einige seien ja auch erst 19, so groß sei der Altersunterschied da nicht.

Und so wissen ihre meisten Kommilitonen gar nicht, dass sich zwischen ihnen in den langen Stuhlreihen des Hörsaals eine ganz besondere Jurastudentin befindet. Denn Neele Piepjohn ist gerade 18 geworden, macht ihr Abi erst 2012 – und sitzt trotzdem in der Vorlesung „Bürgerliches Recht“. Sie ist Frühstudentin.

Zwei-, manchmal dreimal pro Woche tauscht sie das Klassenzimmer gegen den Hörsaal. Neele wirkt bescheiden und ruhig. Die blonden Haare sind über den Kopf zurück gekämmt und sammeln sich in einem dicken Pferdeschwanz, sie trägt silberne Ohrringe, eine silberne Kette hängt über dem lila Shirt.

Neele ist eine von zwölf Schülern an der Uni

Sie wirkt, als würde sie es selbst gar nicht so besonders finden, Frühstudentin zu sein. Aber sie ist nur einer von zwölf Schülern, die sich unter die 19.000 Studenten der Bremer Uni mischen. Neele weiß schon seit der zehnten Klasse, dass sie später, in ihrem Beruf, ganz genau nach den deutschen Gesetzen arbeiten möchte.

 Seit einem Praktikum in einer Rechtsanwaltskanzlei ist sie sicher, dass sie Juristin werden möchte. Dass sie allerdings schon vor dem Abitur die ersten Scheine fürs Staatsexamen sammeln würde, damit hätte sie nicht gerechnet. Erst mal wollte sie ganz normal ihr Abi machen. „Das große Problem war, dass ich zum Doppeljahrgang gehöre. Es haben also doppelt so viele Schüler nach einem Platz für die Oberstufe auf dem Gymnasium gesucht wie sonst“, sagt sie. An ihrer Wunsch-Schule bekam sie nach der zehnten Klasse keinen Platz.

Dann hörte Neele vom Beluga-College, einem beruflichen Gymnasium, das vom Bremer Bildungssenat als Ersatzschule anerkannt ist. Nur knapp 50 Schüler absolvieren hier die Oberstufe. Das Lernen ist ganz anders als in einem klassischen Gymnasium. Am Montagmorgen steht „Recht“ auf dem Stundenplan, eines von Neeles Leistungskurs-Fächern. Vorher hatte sie eine Teambesprechung mit einer Gruppe anderer Schüler, die Woche wurde durchgeplant. Jetzt sitzt sie in einem kleinen Klassenraum, nur wenige Tische und Stühle stehen hier im Rechteck. Viele Möbel werden aber auch nicht gebraucht, denn nur fünf Schüler bereiten sich hier gemeinsam aufs Abitur vor.

Vor Neele auf dem Tisch liegt ein dicker Ordner, daneben ein gelber Wälzer, das Buch „Öffentliches Recht“. Jura steht nicht nur in der Uni an, sondern auch in der Schule. „Recht“ ist in Bremen ein normales Abi-Prüfungsfach. Das heißt für Neele: In der Abiklausur muss sie ein Gutachten zu einem bestimmten Fall anfertigen, der Sachverhalt wird auf Paragraphen angewandt. Das fällt der 18-Jährigen leicht, erzählt ihre Lehrerin Dr. Patricia Grashoff, und deshalb kam ihr die Idee, dass Neele schon während der Schulzeit studieren könnte.

Einen Klassenlehrer gibt es nicht

Wie gut sich die Schüler mit den deutschen Gesetzen auskennen, beweisen sie auch an diesem Montagmorgen. Moral oder Ethik zählen nicht, nur die Paragraphen. Die Schüler – drei Jungs, zwei Mädchen – kennen sich durch den „Recht“-LK mittlerweile aus mit den deutschen Gesetzen. Das, meint Neele, ist für sie an der Uni hilfreich. „Die Vorlesungen sind zwar ausführlicher“, sagt sie, „aber durch die Grundlagen, die ich an der Schule bekomme, habe ich Vorteile.“

Rücksicht müssen Kommilitonen und Professoren nicht auf sie nehmen – sie schafft die Prüfungen, oder eben nicht. Ein weiterer Vorteil für Neele ist, so vermutet sie, dass der Schulablauf am Beluga-College anders ist als an normalen Gymnasien. Die Schüler lernen nicht im Klassenverbund, sondern jahrgangsübergreifend in kleinen Gruppen. Anstelle eines Klassenlehrers haben sie einen Supervisor, mit dem sie einmal die Woche darüber sprechen, wieviel sie für welches Fach gearbeitet haben.

Jeder Schüler hat – ähnlich wie in einem Büro – einen Arbeitsplatz mit Computer. Kernzeiten in der Schule sind von 9 bis 16 Uhr, offen ist sie von 8 bis 18 Uhr. Neele braucht zu Hause keine Hausaufgaben mehr zu machen – alles, was erledigt werden muss, tut sie in der Schule. Was sich toll anhört, fordert einiges: Organisations- und Planungstalent muss Neele haben, um den Schulalltag zu meistern. Sie ist selbst verantwortlich für ihre Erfolge. Und: In den kleinen Lerngruppen hat sie keine Chance, sich zu verstecken. „Klar, es fällt schneller auf, wenn man etwas nicht weiß, wenn man nur mit fünf Leuten hier sitzt“, weiß Neele. „Ich finde das aber im Grunde gut, wenn es auffällt, weil die Leute dann auch gefördert werden können.“ Und: In der hinteren Reihe habe sie sich auch an ihrer alten Schule nicht versteckt. „Ich habe in keinem Fach Probleme und nie wirklich ein schlechtes Zeugnis.“

Es bleibt auch Zeit für Hobbys

Die selbstständige Organisation ist nicht für jeden etwas. Neele aber hilft diese Fähigkeit auch an der Uni: Da gibt es schließlich auch niemanden, der ganz genau vorgibt, wo es langgeht. Die Vorlesung „Bürgerliches Recht“ macht Neele seit Beginn des Wintersemesters im Oktober mit, außerdem ist sie noch in den Arbeitsgemeinschaften „Bürgerliches Recht“ und „Strafrecht“ dabei. Dienstags ist sie von 16 bis 20 Uhr bei den Studenten, mittwochs von 10 bis 12 Uhr und – wenn keine Langzeitklausuren in der Schule anstehen – auch noch mal von 16 bis 17.30 Uhr.

Zu Hause, sagt sie, müsse sie nicht mehr all zu viel für die Uni machen, pro Woche arbeitet sie dafür vielleicht eineinhalb Stunden. „Und ich habe auch noch Zeit für Freunde und Hobbys – Handball und Klavier spielen.“ Denn nicht jeder Tag ist so gefüllt wie der Mittwoch bei Neele: Um acht kommt sie zum Beluga-College, gegen 9.15 Uhr geht’s los Richtung Uni, um die Mittagszeit ist sie wieder in der Schule. Gegen 15 Uhr setzt sich Neele dann noch mal in die Straßenbahn und fährt zur Uni zur Arbeitsgemeinschaft „Strafrecht“. Ist die um 17.30 Uhr vorbei, trägt sie noch Zeitungen aus.

Neele hat Glück, dass ihre Vorlesungen recht günstig liegen und die Schule sie für die Uni-Zeit freistellt. Gerne will sie auch in den nächsten drei Semestern, bis zum Abi, Vorlesungen besuchen und Scheine machen. Damit könnte sie im Studium dann ein Jahr sparen. „Aber ich muss gucken, wie die Vorlesungen liegen und wie stressig die Abivorbereitungen sind“, sagt die 18-Jährige. „Wenn mir das Frühstudium zu viel wird, kann ich immer noch abbrechen.“

Charlotte Steenken (24 Jahre) aus Borwede

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