Nach Mord an Britin Sarah Everard

Die Angst der Frauen: Meld dich, wenn du angekommen bist

Der Mord an einer jungen Britin wühlt viele Menschen nicht nur in Großbritannien auf. Mit dem Hashtag #textmewhenyougethome werden Frauen in den sozialen Medien laut. Sie wollen mit ihren Ängsten ernst genommen werden und fordern ein Umdenken in der Gesellschaft.

Der Hashtag #textmewhenyougethome geisterte in den vergangenen Tagen durch die sozialen Medien. Nach dem Mord an Sarah Everard thematisierten Frauen Ängste, die sie schon ihr ganzes Leben lang begleiten.

Sarah Everard war am Abend des 3. März in Südlondon spurlos verschwunden, als sie von einer Freundin nach Hause ging. Vermutet wird, dass ein tatverdächtiger Polizist auf dem Rückweg von seiner Schicht sie von der Straße entführte und tötete. Mittlerweile wurde ihre Leiche in einem Waldstück in der südostenglischen Grafschaft Kent gefunden. Der mutmaßliche 48 Jahre alte Täter sitzt in Untersuchungshaft und erschien am Dienstag per Videolink vor Gericht. Der Prozess soll Ende Oktober beginnen, zuvor ist im Juli eine Anhörung angesetzt.

Seit Tagen gibt es eine Debatte zu Männergewalt an Frauen. Auslöser ist der Mord an Sarah Everard, der auch die Menschen in den sozialen Medien in Deutschland beschäftigt.

Forderungen nach mehr Schutz für Frauen in der Nacht

Auch in Deutschland sorgte der Fall für Entsetzen und rief Forderungen nach mehr Schutz für Frauen hervor. „Was uns tatsächlich fehlt, ist Licht in der Nacht“, sagte die Vorsitzende des Vereins „Heimwegtelefon“, Conny Vogt, der Deutschen Presse-Agentur. Sie sprach sich dafür aus, Straßenlaternen entweder nachts nicht auszuschalten oder sie mit Bewegungsmeldern auszustatten.

In der Debatte über männliche Gewalt gegenüber Frauen zog besonders ein Instagram-Post der britischen Influencerin lucymountain Aufmerksamkeit auf sich. Darin schreibt sie über Maßnahmen, die Frauen auf ihrem Heimweg ergreifen, um sich sicherer zu fühlen. Etwa, einen Schlüssel zwischen den Fingern zu halten, um sich vor potenziellen Angreifern zu schützen. Oder die langen Haare im Mantel zu verstecken oder schon längst Fluchtwege durchdacht zu haben.

Mord an Sarah Everard: Verhalten der Polizei steht in der Kritik

„Text me when you get home“ („Schreib mir, wenn du zu Hause bist“) – diese Worte hat wohl so gut wie jede Frau schon einmal gelesen. Der Post wurde millionenfach geteilt. „Ich wünschte, mehr Männer würden verstehen, dass wir nachts nicht alleine mit Kopfhörern laufen können. Dass jedes Mal, wenn wir in einen Uber steigen, der Gedanke mitschwingt, das könnte es gewesen sein. Dass, wann immer wir an Gruppen von Männern vorbeigehen, unser Herz ein bisschen schneller schlägt. Dass wir jedes Mal, wenn wir bei sexueller Belästigung auf der Straße zurückschreien, ein weiteres Mal unsere Sicherheit aufs Spiel setzen“, schreibt sie in ihrem Post.

Laut einer Studie von „Plan international“ hat jede vierte Frau in ihrer Stadt sexuelle Belästigung erlebt, jede fünfte wurde in ihrer Stadt schon Opfer von Verfolgung und Bedrohung.

Die Debatte verschärfte sich durch das Eingreifen der Polizei während der Mahnwache in London für die ermordete Sarah Everard. Mehrere anwesende Frauen wurden gewaltsam vom Platz gezerrt. Die Verhaftung von mehreren Demonstrantinnen zeigten auch Videos in den sozialen Netzwerken. Weil es sich beim mutmaßlichen Täter um einen Polizisten handeln soll, steht das Verhalten der Polizei besonders stark in der Kritik.

Nach einer nicht repräsentativen Studie von „Plan international“ hat jede vierte Frau in ihrer Stadt sexuelle Belästigung erlebt, jede fünfte wurde in ihrer Stadt schon Opfer von Verfolgung und Bedrohung. Auch Umfragen von deutschen Kommunen geben an, dass Frauen ein stärkeres Gefühl von Angst und Unsicherheit haben als Männer.

Kommentar von Maria Sandig: Angst auf der Straße

Wenn das Tageslicht verschwindet, dann verschwindet bei mir auch das Gefühl von Sicherheit. Es gab Zeiten, in denen ich mich im Dunkeln nicht alleine aus dem Haus traute. Weil ich Angst davor hatte, dass es der letzte Abend sein könnte. Wenn ich auf der Straßenseite gegenüber einen Mann sah, breitete sich Hektik in mir aus. Wenn ich vor meiner Haustür stand, ein Mann in der Nähe war, zitterten meine Finger beim Versuch, die Tür aufzuschließen. Nicht wenige Frauen in meinem Umfeld haben Erfahrungen mit sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch machen müssen.

Wünschenswert wäre, dass sich Männer über dieses Problem bewusst werden. 

Maria Sandig, Autorin

Diese Angst ist nicht mehr allzu präsent. Ich traue mich wieder vor die Haustür. Denn auch, wenn Gefahren lauern, ist in meinen Augen die größte Gefahr, sich aus Angst vor dem Leben zu verschließen. Und trotzdem fühle ich mich mit Schlüssel zwischen den Fingern, Haaren im Mantel und auf meinem Fahrrad sicherer, als ohne all diese Mechanismen.

Wünschenswert wäre, dass sich Männer über dieses Problem bewusst werden. Dass sie die Straßenseite wechseln und nicht ich. Dass sie einen Moment lang warten oder eher abbiegen und nicht mehrere Minuten hinter mir laufen, wenn es dunkel ist. Dass sie uns Frauen Verständnis entgegenbringen, zuhören, unsere Ängste wahrnehmen und sich ihre Privilegien bewusst machen.

Von Maria Sandig mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © picture alliance

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