Kino-Wundertüte

"Mommy" geht mitten ins Herz

Erst 25 Jahre alt ist Xavier Dolan, aber schon jetzt zum Meisterregisseur gereift. „Mommy“ ist eine bewegende und berauschende Kino-Wundertüte, die mitten ins Herz trifft.

Die resolute, prollig-flippige Witwe Diane liebt ihren schwer erziehbaren 15-jährigen Sohn Steve über alles, ist aber mit dessen Wut- und Gewaltausbrüchen überfordert. Unerwartete Hilfe bekommt sie von ihrer Nachbarin Kyla, einer traumatisierten Lehrerin mit Sprachstörung: Steve fasst Vertrauen zu ihr, und in Diane keimt Hoffnung auf ein bisschen Glück zu dritt. Ein brillantes, bildgewaltiges Drama, das mitten ins Herz trifft: Mit seinem in Cannes prämierten fünften Spielfilm „Mommy“ ist der erst 25-jährige Frankokanadier Xavier Dolan endgültig vom Wunderknaben zum Meisterregisseur gereift.

In strahlenden Bildern und mit Mut zu explodierenden Emotionen erzählt er von drei außergewöhnlichen Außenseitern in der Vorstadt-Hölle von Montreal: Sie haben vielleicht nicht alle Tassen im Schrank, doch Dolan zeichnet sie keineswegs als Verlierer, sondern als liebeswerte Überlebenskünstler. Und die sensationellen Darsteller spielen sich förmlich die Seele aus dem Leib. Dank ihrer kraftvollen Auftritte fegt „Mommy“ wie ein Hurrikan über die Leinwand – furios, radikal und mit umwerfender Wucht.

Dolan, erneut Autor, Regisseur, Produzent, Kostümdesigner und Cutter in Personalunion, zieht vom klug ausgewählten Soundtrack bis hin zum gezielten Einsatz von Zeitlupe eine Fülle von Registern, um seine herzzerreißende Geschichte so zu erzählen, dass sie einen unwiderstehlichen Sog entwickelt. Zudem hat er diesmal in einem fast quadratischen Bildformat gefilmt, das sich plötzlich weitet, wenn die Protagonisten einen Ausbruch aus der gesellschaftlichen Enge in die Freiheit wagen.

So findet sein originelles, politisch unkorrektes Drama zu einer beglückenden Balance aus Stil und Substanz, Zärtlichkeit und Brutalität: „Mommy“ ist eine zutiefst bewegende, bezaubernde, berauschende Kino-Wundertüte.

Marco Schmidt

Rubriklistenbild: © Shayne Laverdiere/Weltkino Filmverleih GmbH

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