Moment mal: Wie aus Protest PR wird

Benni Wellmann

 Bremen – „Wir übernehmen den Markt hier / Guck mal, ich sag’s Dir / Du spürst es, es liegt einfach in der Luft wie ein Fakir / Veni, vidi, vici – ich kam, sah und siegte...“, tönt es aus den Boxen. Der Rapper „Kollegah“ steht auf der Bühne und performt einen Song aus seinem Album „Alphagene“.

Die Fans wippen im Beat mit. So ähnlich sieht’s wahrscheinlich morgen im „Modernes“ in Bremen aus, wenn „Kollegah“ zusammen mit „Favorite“ die volle Ladung Gangsta-Rap auf die Bühne bringt. Ein Bild, das viele Leute in Bremen gar nicht gerne sehen wollen. Verschiedene Verbände – und zwar nicht nur ältere Leute, sondern zum Beispiel auch das „Mädchenkulturhaus Bremen“ – haben versucht, das Konzert zu verhindern. „Kollegah“ heißt eigentlich „Felix Antoine Blume“, ist 27 Jahre alt, 2004 machte er Abitur. Sein Battle-Rap besteht vor allem aus frauen- und schwulenfeindlichen Worten. Und diese Provokationen verkaufen sich – sein aktuelles Album „Bossaura“ schnellte im Oktober von Null auf Platz Fünf der deutschen Charts. Zitat gefällig? Bitte: „Nutte, was? Ich komm mit ‘ner Horde Hunde plus Zuhältern, die Dich ermorden, Tunte!“ Oder: „Kid, ich würde lügen, wenn ich sagen würde: Nein, ich hab nie ‘ne minderjährige Bitch missbraucht!“

Ich verstehe Jugendschützer, die solche Texte kritisieren. Aber die Art des Protests gegen das Konzert in Bremen kann ich nicht nachvollziehen. Erst mal ist die Kritik – gerade von Frauenverbänden – oft unsachlich. Da wird sich aufgeregt: „Der Typ hat ein minderjähriges Mädchen missbraucht!“ Also, Leute, ehrlich – keiner würde sich doch mit sowas in der Öffentlichkeit brüsten. Hier spielt uns ein prolliger Abiturient den bösen, harten Ghetto-Typen vor. Und er benutzt dafür eine Stilrichtung des Hip-Hop (Gangsta- beziehungsweise Battle-Rap), in der es nur darum geht, möglichst beleidigend und geschmacklos aufzutreten und sich ein rohes, aggressives Image zu verpassen. Hauptsache, immer auf die Fresse.

Ein Rapper wie „Kollegah“ wird nie Zeilen wie „Ich leg mir zwei Scheiben Käse aufs Brot und helf ein paar Grundschülern über die Straße“ rappen. Viel entscheidender aber ist: Mit großflächig angelegten Flyer- Aktionen, einer Artikel-Flut in allen Bremer Zeitungen und dem lauten Geschrei nach einem Konzertverbot bewirken die Aktivisten genau das Gegenteil: Sie verhindern den Auftritt nicht, sie machen nur noch mehr darauf aufmerksam. Bessere und billigere Werbung kann ein Gangsta-Rapper gar nicht haben. Außerdem muss einem doch klar sein, dass man so ein Konzert nicht einfach mal eben auf die Schnelle verbieten lassen kann. Rechtzeitig im Vorfeld hätte der Protest vielleicht noch was gebracht, aber ein paar Tage vorher ist sowas sinnlos. Ist doch klar, dass spätestens, wenn der Vorverkauf nach so viel PR angeheizt wurde, der Tour-Manager und der Veranstalter auf „künstlerische Freiheit“ pochen und sagen: „Wir ziehen das jetzt aber durch.“

Also, was hat diese ganze Konzertverbot-Aktion im Namen des Jugendschutzes gebracht? Inzwischen hat jeder die Songs gehört oder darüber gelesen. Wenn es darum ging, die Leute vor diesen Texten zu schützen, ist es jetzt definitiv zu spät.

Benni Wellmann (22 Jahre) aus Barrien

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