Moment mal: Der machtlose Mensch

Julian-Daniel Albrecht (22 Jahre) aus Uelzen

Uelzen – Pripyat ist ein Mahnmal. Die Geisterstadt zeigt, dass Menschen Fehler machen. Dass es falsch ist zu glauben, dass wir über alles die Kontrolle haben können. Pripyat liegt in einer von Menschen geschaffenen, unbewohnbaren Mondlandschaft auf Erden.

Es ist die Stadt, die am nächsten am Atomkraftwerk Tschernobyl lag und vom Super-GAU im Jahr 1986 unmittelbar betroffen war und es auch heute noch ist. Wir alle kennen die Bilder aus dem Fernsehen.

Die Menschen in Pripyat hatten keine Zeit zu packen. In der Stadt verfallen Wohnungen, voll mit persönlichem Hab und Gut. Auf den Straßen sieht es auf den ersten Blick aus, als ob alle Einwohner nur kurz übers Wochenende weggefahren wären und bald wieder zurückkehren würden, um die Stadt erneut mit Leben, Lachen und Stimmengewirr zu füllen. Aber niemand kommt zurück, und man hört nur den Wind um die Ecken pfeifen und einige Vögel zwitschern.

Die Stadt wird wahrscheinlich nie mehr bevölkert werden können. Die Reaktorkatastrophe hat alles Leben in der Region nachhaltig zerstört. Die Helfer, die als erste am Ort des Geschehens waren, haben zumeist die darauf folgende Woche nicht mehr erlebt. Wer in unmittelbarer Nähe den tödlichen Strahlen ausgesetzt wurde und die erste Woche überlebt hat, ist trotzdem nicht mehr alt geworden.

Frauen haben noch Jahre später missgebildete Kinder zur Welt gebracht, und viele natürliche Lebensmittel wie Beeren und Waldpilze sind für lange Zeit auf den Index gewandert. Noch heute wird davor gewarnt, etwas aus der Region zu verzehren.

Mittlerweile gibt es Touren für abenteuerlustige Touris, die für eine begrenzte Zeit in Begleitung von Militär-Angehörigen Pripyat erkunden können. Gegen entsprechende Bezahlung, versteht sich. Sie sehen sich die tote Stadt an, die einst für 50.000 Einwohner der Lebensmittelpunkt war.

Heute erkämpft sich die Natur dieses von Menschenhand verwundete Stückchen Erde zurück. Pflanzen brechen durch den Asphalt, Tiere lassen sich nieder und werden zur neuen Bevölkerung. Seit dem Super-GAU am 26. April 1986 in Tschernobyl sind mittlerweile fast 25 Jahre vergangen, ein Vierteljahrhundert ist es her. Und trotzdem ist und darf dieser Unfall nicht in Vergessenheit geraten!

Die furchtbaren Nachrichten und Bilder aus Japan, das mit dem Erdbeben und dem Tsunami scheinbar noch nicht genug gestraft wurde, sollten uns allen auf ein Neues verdeutlichen, dass der Mensch für sich selbst eine große Gefahr ist. „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, heißt es – und: „Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.“

Auch in deutschen AKW gibt es Pannen. Man denke nur an den Reaktor in Brunsbüttel: Er musste 2007 wegen Mängeln am Bau heruntergefahren werden. Oder an Krümmel. Dort kam es 2009 wegen einer Störung zu einer Reaktorschnellabschaltung – und das war nicht der erste Vorfall. Der Unfall in Tschernobyl wurde zunächst geheim gehalten. So extrem ist die Informationspolitik in Japan nicht, aber auch hier hatte man in den letzten Tagen immer wieder das Gefühl, dass die Bevölkerung nur unzureichend informiert wurde.

Geben die Betreiber von Atomkraftwerken Fehler immer erst zu, wenn man sie ihnen ohnehin schon nachweisen kann? Wie ist es sonst zu erklären, dass der Stromerzeuger „Vattenfall“ die Vorfälle in Brunsbüttel und Krümmel meistens erst auf Drängen der Atombehörde des zuständigen Kieler Sozialministeriums eingeräumt hat?

Japan ist weit weg von uns. Trotzdem habe ich Angst vor der Gefahr, die von der Atomkraft ausgeht. Besonders fürchte ich mich vor Unfällen, die durch menschliche Unfähigkeit oder höhere Gewalt verursacht werden – der vermeintlich allmächtige Mensch, der über alles und jeden die Kontrolle halten möchte, ist dann nämlich nur noch eines: machtlos. Zum Zuschauen verdammt.

Ich hoffe inständig, dass das von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Konsorten beschlossene Moratorium nicht nur dem Zweck dient, die CDU möglichst schadlos über die anstehenden Landtagswahlen hinwegzuretten! Die Atomkraft darf nicht länger als Brückentechnologie bezeichnet werden!

Ich bin davon überzeugt, dass der Strom aus den regenerativen Energiequellen reicht, um den deutschen Energiebedarf zu decken. Es muss nur endlich etwas geschehen! Oder muss so etwas wie in Japan erst auch bei uns passieren?

Julian-Daniel Albrecht (22 Jahre) aus Uelzen

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