Moment mal: „Keine Ahnung“

Katrin Rossmann (23 Jahre) aus Cluvenhagen

Cluvenhagen – Es spielt sich jedes Mal gleich ab: Ich rede mit meiner Freundin über irgendein Thema – den Film von gestern Abend, die anstehende Wahl, das Mensa-Essen… Und irgendwann holt sie Luft und spricht die beiden Worte aus: „Keine Ahnung“.

Damit ist das Thema in der Regel beendet. Keine Ahnung, keine Ahnung, keine Ahnung – ich kann’s nicht mehr hören! So ein Spruch bereichert doch kein Gespräch! Im Gegenteil, er ist völlig kontraproduktiv. Und noch schlimmer: Er ist einfach falsch. Ich halte meine Freundin für smart und intelligent. Für jemanden, der sehr wohl Ahnung hat. Sie kann viel, sie weiß viel. Warum macht sie dieses Bild durch solche Aussagen kaputt? Ist es nur eine dumme Angewohnheit oder steckt mehr hinter diesem Spruch?

Vermutlich würde mich dieser Satz gar nicht so aufregen, wenn ich nicht vor einigen Jahren eine Nachhilfeschülerin gehabt hätte, die auch so eine typische „Keine Ahnung“-Kandidatin war. Nettes Mädchen, etwas schüchtern und eben mit deutlichen Schwächen in Mathe. Verständlich, dass sie nie die Miss Selbstbewusst war, wenn wir gelernt haben. Aber wenn ich an sie zurückdenke, ärgert mich dieses leichtfertig ausgesprochene „Keine Ahnung“ immer noch.

Typische Situation: Wir schauen uns eine Aufgabe an. Ich frage sie, wie sie da rangehen würde. Und ihre erste Reaktion? „Keine Ahnung...“ Nicht eine halbe Minute hat sie sich Zeit gelassen. Nicht eine halbe Minute hat sie sich eine Chance gegeben. Ich erwarte ja gar nicht, dass sie von jetzt auf gleich eine Mathegöttin ist. Ich erwarte keine Wunder. Aber ich erwarte die Bereitschaft, seinen Kopf wenigstens mal anzustrengen.

Bei meiner Nachhilfeschülerin war es wohl eine Mischung aus Unsicherheit, Desinteresse und Faulheit. Ihr wäre es am liebsten gewesen, wenn ich ihr die Aufgaben immer komplett vorgerechnet hätte. Aber so funktioniert Lernen nun mal nicht! Man kann nicht immer alles wissen. Muss man auch nicht. Von Chemie verstand ich in der Schule kaum was. Mit Kunst kann ich nur selten was anfangen. Wenn’s um wirtschaftliche Themen geht, halte ich lieber meinen Mund. Ich bin hilflos, wenn mein Laptop nicht das macht, was er soll, oder meine Fahrradkette rausgesprungen ist. Ich weiß nicht, wer und wo ich in 20 Jahren sein werde. Manchmal weiß ich nicht mal, was ich jetzt gerade möchte.

Ich fasse zusammen: Ich habe von verdammt vielen Sachen keine Ahnung. Aber muss man das ununterbrochen der ganzen Welt erzählen? Wenn ich mich verlaufe und keine Ahnung habe, wo ich bin, bleibe ich doch auch nicht einfach stehen und hoffe auf ein Wunder. Ich frage einen Passanten oder versuche, irgendwie anders an Informationen zu bekommen, um ans Ziel zu kommen. Und so ist es doch im ganzen Leben. Wie will ich weiterkommen, wenn ich ein schnelles „Keine Ahnung“ als ernsthafte Alternative zum Nachdenken ansehe? „Keine Ahnung“ ist doch keine Einstellung, um durchs Leben zu gehen! Als ich meiner Freundin vorhin sagte, was ich von ihrem „Keine Ahnung“-Spruch halte, hat sie mir versichert, in Zukunft darauf zu achten. Ob das wirklich klappt? Keine Ahnung.

Katrin Rossmann (23 Jahre) aus Cluvenhagen

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