Moment mal: „Ich bin dagegen – warum ist doch egal“

Linda Schult (24 Jahre) aus Helzendorf

Helzendorf – ... sang schon die „Beste Band der Welt“ und schuf damit eine Hymne für unsere Generation. Zumindest für einen gebildeten Teil unserer Generation.

Es gibt die Massenmenschen, die auf alles, was im Internet gepostet wird und halbwegs cool zu sein scheint, sofort Kommentare wie „Gefällt mir“, „lol“ und „Jo, hast voll Recht“ schreiben.

Und es gibt Generationsgenossen, die immer in der Lage sind, zu allem eine Gegenposition einzunehmen.

Diese Angewohnheit ist wie ein ungezügeltes Tourette-Syndrom, das sich durch alle Foren und Netzwerke schreit. Wer sich für klug und kritisch hält, sieht die Kontra-Position als seine Pflicht an. Im realen Leben funktioniert das nicht so gut, denn die meisten neigen dazu, den Schwanz einzuziehen, wenn sie ihre Meinung vor anderen ausbreiten und durchhalten müssen. Aber in sozialen Netzwerken ist das Dagegensein so allgegenwärtig wie Löcher in Socken. Und genauso anstrengend und nutzlos. Die Themen sind dabei so beliebig wie egal.

Ein unschuldiges Beispiel: Alle finden Schnee scheiße. Alle merken, dass alle Schnee scheiße finden und wettern gegen alle, die Schnee scheiße finden. Alle merken, dass alle Schnee nicht mehr scheiße finden und finden Schnee wieder scheiße, während die, die Schnee immer schon scheiße fanden, überlegen, ob sie Schnee jetzt nicht (angesichts der unausgeglichen Lage auf dem Meinungsmarkt) doch nicht mehr scheiße finden.

Genauso beliebt: Einer postet ein Video von einer Band. Drei finden das toll. Der Vierte findet das auch toll, findet es aber scheiße, dass alle es toll finden, und findet das Video deshalb scheiße. Der Fünfte findet es scheiße, dass es drei toll finden, und schließt sich der Minderheit an. Der Sechste findet es scheiße, dass es drei toll und zwei scheiße finden und enthält sich. Einer postet das nächste Video.

Warum ich diejenigen, die „ehrlich“ sind und das sagen, was sie wirklich meinen, einfach unter den Tisch fallen lasse? Weil sie keinen interessieren. Denn das sind die, die es gar nicht nötig haben, eine Gegenbewegung auszulösen. Es sind übrigens auch die, von denen man in Netzwerken am wenigsten liest. Denn das Streben nach Opposition ist nicht nur ein Auswuchs der Langeweile.

Es dient vorrangig der Persönlichkeitsbildung: Wer gegen etwas ist, ist was Besonderes. Er tut sich hervor, nicht nur durch seinen „Mut“, sich gegen eine Gruppe zu stellen, sondern auch durch seine Andersartigkeit. Wer nichts Markantes an sich hat, sich nicht ungewöhnlich gibt, redet oder atmet, der fällt bei Milliarden von Menschen ganz schnell durchs Raster. Es geht also um Aufmerksamkeit. Wie immer.

Unsere arme, politisch korrekte Anti-Demo-Generation braucht wohl das bisschen virtuelle Rebellion, um sich aufzubäumen. Schlimm ist nur die Art und Weise dieses „Widerstands“. Denn in dieser Form, unpersönlich im Internet, ist sie heuchlerisch und feige. Wo es cool ist, uncool zu sein, ist es schon wieder cool, cool zu sein. Was ist jetzt eigentlich noch cool? Ewige Rebellen sind schon lange nicht mehr trendy, sondern nur verbitterte Nein-Sager.

Die andere Seite hat sich als langweiliger Ja-Sager-Clan erwiesen – auch nicht viel besser. Warum gibt es so wenig Vielfalt, so wenig Echtheit? Folgerichtig sollte ich jetzt also dafür sein. Für das Dagegensein und gegen das Dafür. Aber wenn das alle so sehen, muss ich meine Meinung wieder ändern. Oder kann ich es einfach lassen und in Frieden weiterleben? Mit meinen Überzeugungen und einer in ihren Grundfesten nicht zu erschütternden Ehrlichkeit? Ich kann es ja mal versuchen und bin einfach mal dagegen. Damit habe ich nichts besser gemacht und keinem geholfen. Aber das tue ich ja nie, und das macht mich glücklich.

Also leben wir alle weiter wie bisher, hassen oder lieben den Winter und rebellieren gegenseitig in unserer Kommentarfunktion herum. Cool!

Linda Schult (24 Jahre) aus Helzendorf

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