Moment mal: Eine Welt voller Wörter

Jessica Bräulich (21 Jahre) aus Leeste

Leeste – Worte finden. Das ist das Schwierigste. Worte finden in einer Welt, in der tausend Sprachen durch die Luft schwirren und Millionen von Wörtern sich im Duden drängen. Hunderte von Menschen, denen wir jeden Tag begegnen, wenn wir zur Schule oder Uni fahren. So unendlich viele Eindrücke auf den Straßen, in den Cafés.

Und so viele rauschende und berauschende Ausdrücke jeden Tag. Versteht einer da noch die Welt? Tausend Farben, tausend Lichter in unseren Augen, tausend Laute in unseren Ohren.

Für alles gibt es ein Wort. Für alles und jeden eine Norm. Und einen Wert. Jeder Joghurt im Supermarktregal hat seinen Platz, seinen Preis. Jeder Apfel kommt nur genormt in die Kiste. Jede Kuh bekommt ihre Identifikationsnummer, bevor sie zum Schlachthof gefahren wird. Jedes Tier, jedes Lebensmittel, jedes hergestellte Produkt auf dieser Welt muss einer Norm entsprechen, die der Handel festlegt, bevor es zur Handelsware wird.

Jedes Kind wird überprüft, bevor es in die Schule darf. Embryonen können auf Trisomie 21 getestet werden, Behinderungen durch Abtreibung verhindert werden. Wer behindert eigentlich wen? Jeder Schüler bekommt eine Bewertung, einen Wert, der seinen späteren Platz auf dem Arbeitsmarkt festlegt. Noch ein Markt! Ist das zu fassen? Entsprichst Du nicht der Norm in dieser Welt, wirst Du rausgeworfen. Aus der Schule, aus dem Job, aus der Gesellschaft. Werte bestimmen unsere Welt.

Die Frage ist: Wer bestimmt diese Werte? Werden wir nicht gewollt zu etwas gemacht? Und warum gibt es unter so vielen Wörtern nicht eins, das all diesem Wahnsinn einen Ausdruck verleihen kann? Eine traurige Welt, in der wir nicht wissen, wer wir sind. Dabei haben wir so unendlich viele Möglichkeiten, zu werden, was wir sein wollen.

Das Rad der festgelegten Normen dreht sich weiter. Der Motor ist unsere Angst, eine schlechte Bewertung zu bekommen, nicht perfekt zu sein. Zu dick, zu dumm, zu arbeitslos, zu zappelig, zu behindert. Und trotzdem steht jedem von uns täglich ein unfassbares Überangebot an Möglichkeiten zur Verfügung. Nicht nur im Supermarkt, sondern auch: Schul- und Berufswahl; Kleidung, die wir tragen, und Wörter, die wir wählen können; Streit- und Erziehungsmethoden; Orte und die verschiedensten Images, die unser Leben gestalten können. Möglichkeiten, die unser Herz höher schlagen lassen, denn wir können ja selbstbestimmt wählen und handeln!

Ein großartiges Gefühl der Freiheit, ein erholsamer Luftzug, während wir hilflos auf dem Meer des Perfektionismus’ herumirren. Immer von der Angst begleitet, in diesem unüberblickbaren Ozean aus Möglichkeiten unterzugehen und zu ertrinken.

Mein Text endet an dieser Stelle, und wie am Anfang ist es schwer, die richtigen Worte zu finden. Trotzdem hoffe ich, dass die Frage, die ich mir für das Ende aufgespart habe, ein Appell an Euch alle ist, weitere Fragen zu stellen. Ziel ist keine perfekte Antwort, denn viel wichtiger als Antworten sind Fragen. Und meine ist: Wählen wir selbst, was wir sind?

Jessica Bräulich (21 Jahre) aus Leeste

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