Moment mal: Bambi macht Abi

Malin Müller

Rehden – Eine Horde junger Rehkitze steht im Wald, mit eingezogenen Köpfen, zitternden Knien und verängstigt starrenden Augen, und fühlt sich allein. Nur, dass der Wald in dem Fall unsere Schule ist, und die Rehkitze sind die Mädchen und Jungs, die Angst vor den Abiprüfungen und das Gefühl haben, ganz klein und hilflos und allein zu sein.

Als wir damals aufs Gymnasium kamen, wurde uns irgendwann zugetragen, dass einmal der Tag kommen würde, an dem wir sechs Stunden lang eine Arbeit schreiben werden. Mein erster Gedanke bei der Vorstellung einer sechsstündigen Mathe-Klausur war: „Ich muss auf der Stelle sterben!“, aber im Nachhinein kann ich sagen, dass mir sechs Stunden Mathe deutlich lieber waren als die mündliche Abi-Prüfung, die insgesamt gerade mal 40 Minuten dauerte.

Ich erinnere mich noch immer mit einem Schauer an das Szenario: Im „Rehkitz-Sammelraum“ – dem Wartezimmer für die mündliche Abiprüfung– sitzen drei weitere Exemplare meiner Sorte, mit ebenso ängstlichen Augen, und zittern. Wir warten auf einen Lehrer, der uns in den Vorbereitungsraum bringt. Wobei „warten“ das falsche Wort ist. Am liebsten würden alle schnell wegrennen. Aber mit einem gemeinen Trick werden wir gefangen gehalten: Wer am Prüfungstag fehlt, der muss nachschreiben. Und wer nachschreibt, der kann nicht mit auf Abifahrt. Tja. Und so sitzen die Kitze verängstigt in ihrem Raum und… warten.

„Okay, Ihr könnt jetzt in den Vorbereitungsraum“, klingt in etwa so wie „So, der Tod ist nahe – ab auf die Schlachtbank“, und trotzdem gehorchen wir. Meine Knie sind ganz weich. Erst mal ein Glas Wasser. Dann wage ich einen vorsichtigen Blick auf mein Aufgabenblatt. Erleichtert lasse ich mich in meinen Stuhl sinken. Ich habe sowas von Glück! Meine Aufgabe ist fast die gleiche, die ich gestern zur Vorbereitung geübt habe. Und meiner Lehrerin danach zur Korrektur geschickt habe. Und mit Anmerkungen zurückbekommen habe. Und … verdammt! Und: In meinem Abistress habe ich vollkommen vergessen, mir die Korrektur noch mal anzusehen!

Ich fange an zu schreiben. Nach gefühlten drei Minuten wird das erste Rehkitz aus dem Raum geholt. Ab in die Höhle des Löwen. Mahlzeit. Weg ist es. Wow, wow, wow – war nicht mal die Rede von 20 Minuten, die man hat, um sich auf die mündliche Prüfung vorzubereiten?! Ich gucke auf die Uhr. 20 Minuten. Mein Zeitgefühl scheine ich zu Hause vergessen zu haben. Kurz danach werde ich auch aufgerufen. Noch nicht ganz fertig mit den Aufgaben – mit den Nerven dafür schon lange.

„Bonjour.“ Ich weiß nicht genau, was ich da rede. Es sollte auf jeden Fall Französisch sein, aber den Blicken meiner Lehrerin zufolge ist das nicht so ganz sicher. Die französischen Wörter für „müde“, „farbig“ und „nett“? Ich hab keine Ahnung mehr. Aber das Wichtigste kann ich noch, und das habe ich „Arthur“, dem Papagei aus unserem Schulbuch (das ist die französische Version von Trundle, der Schildkröte aus dem Englisch- Buch) zu verdanken: „Au secours! Au secours!“, was soviel heißt wie: „Hilfe, verdammt noch mal!“.

Nach ein paar Minuten – 40 waren es, die mir vorkamen wie sechs – bin ich wieder aus der Hölle entflohen. Und zu meinem Erstaunen immer noch nicht aufgefressen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es die 40 schlimmsten Minuten meines Lebens waren. „Egal“, denkt das Rehkitz in mir, „ich hab’s hinter mir. Das war’s, ich hab mein Abi geschafft – egal, wie!“. Und damit springt Bambi abgekämpft, aber erleichtert wieder zu seiner Mami zurück. Ab auf die Couch mit einer Schachtel Pralinen! Gut gemacht, kleines Reh! Der nächste Sprung geht in die große Freiheit da draußen.

Malin Mueller (19 Jahre) aus Rehden

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