„Mit Kotzepulver ärgert man die Jungs am besten!“

+
Helfen als Hobby: Franziska, Phil und Fabian sind Schulsanitäter

Verden - Ein ganz normaler Schultag: Nicht ganz ausgeschlafen verfolgt Phil Glückselig den Unterricht. Der Mathelehrer schreibt gerade eine Gleichung an die Tafel, als plötzlich laut ein Handy klingelt. Stress mit Lehrern oder der Schulleitung gibt’s in diesem Fall nicht.

Denn es ist Phils Handy, das darf im Unterricht klingeln. Und er muss sogar rangehen. Denn Phil ist in Bereitschaft. Der 17-Jährige leitet den Schulsanitätsdienst des Gymnasiums am Wall (GAW) in Verden.

Phil ist sofort hellwach, und während er den Anruf annimmt, ist er auch schon auf dem Weg zum Krankenzimmer, wo ein Notfallrucksack auf ihn wartet – und in den meisten Fällen auch schon der Patient. Bei Sportunfällen, Ohnmachts- oder Übelkeitsanfällen und anderen plötzlich auftretenden Krankheiten sind die Schulsanitäter die ersten, die benachrichtigt werden. Jeder von ihnen hat eine umfangreiche Erste-Hilfe-Ausbildung absolviert. „Wir leisten die Erstversorgung und entscheiden dann, ob ein Rettungswagen gerufen wird oder ob wir den Patienten versorgen und danach unbesorgt nach Hause schicken können“, erklärt Phil.

Vor elf Jahren rief die Verdener Ortsgruppe der „Johanniter“ den Schulsanitätsdienst ins Leben. Schon ab der fünften Klasse können Schüler mit der Sanitäts-AG beginnen. Die Arbeitsgemeinschaft wird von erfahrenen Schulsanis geleitet, Phil koordiniert alles, ist der Ansprechpartner und erledigt Papierkram. Sein Mitschüler Fabian Puchter steht ihm dabei beratend zur Seite, „und auch auf das restliche Team kann ich mich hundertprozentig verlassen. Das ist mir sehr wichtig“, sagt Phil.

In diesem Jahr macht Phil Abitur. Ab Sommer wird er nicht mehr an der Schule sein. Dafür, dass der Dienst weiterläuft, hat er aber schon gesorgt: „Den Nachwuchs haben wir: Mein Bruder wird den AG-Teil machen.“ Und der Koordination wird die 15-jährige Franziska Schult übernehmen. Beide Teenager arbeiten jetzt schon mit. Und egal, wo die „Johanniter“ im Umkreis den Sanitätsdienst organisieren, ob bei einem Volksfest wie der Domweih oder einer Autogrammstunde bei Dodenhof – die Schüler vom GAW sind mit dabei. „Die Einsätze sind ganz unterschiedlich – das geht vom Pflasterkleben bis zur Wiederbelebung“, sagt Fabian. „Am schlimmsten ist es für mich immer, wenn Mitschüler oder Bekannte betroffen sind. Zum Beispiel, als sich ein Mitschüler neulich ganz heftig an einem Bonbon verschluckt hat. Da wurde aus einer Lappalie plötzlich eine lebensbedrohliche Situation. Zum Glück ist alles gut ausgegangen. Aber man denkt dann natürlich darüber nach, was hätte passieren können.“

Auch Phil fühlt sich am stärksten betroffen, wenn er die Patienten kennt – „Unbekannten versucht man so gut wie möglich zu helfen, aber die Gesichter vergesse ich danach schnell wieder. Man muss lernen, seine Distanz zu wahren. Sonst kann man einiges gar nicht verarbeiten.“

Helfen zu können, ist für ihn einfach ein gutes Gefühl: „Am schönsten ist es, wenn ich mitbekomme, wie diejenigen, die ich verletzt ins Krankenhaus reingerollt hab, gesund wieder rausgehen. Das ist leider nicht immer der Fall. Es kam auch schon vor, dass ich die Namen von Patienten später in den Todesanzeigen entdeckt hab.“

„Genau aus dem Grund ist es wichtig, dass die Sanitäter erst ab einem bestimmten Alter auf richtige Einsätze mitdürfen“, wirft Felix von Guionneau, der Verdener Ortsbeauftragte der „Johanniter“, ein. „In einem Rettungswagen ist ein Sanitäter auch immer nur zusätzlicher Helfer und darf nicht den viel intensiver ausgebildeten Rettungsassistenten ersetzen.“ Egal, wie alt man ist – „wichtig ist, den Ernstfall immer wieder zu proben und sich ständig weiterzubilden“, findet Phil. Deshalb treffen sich die Johanniter in Verden jeden zweiten Donnerstag.

Auch die drei Schüler, mit Abstand die jüngsten Mitglieder, sind dann dabei. „Wir tauschen Erfahrungen aus, und jeder referiert mal über ein medizinisches Thema“, erzählt Fabian. „Das ist fast wie in der Schule – nur lockerer, und es macht mehr Spaß“, meint Phil. Er will später Medizin studieren. „Und dann Chirurg werden. Oder besser noch: Notarzt im Rettungshubschrauber. Allerdings ist der Weg bis dahin hart und weit. Und erst mal muss ich den NC fürs Studium knacken.“

Um die Wartezeit zu überbrücken, macht er nach dem Abi ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Rettungsdienst Stade. Neben dem medizinischen Wissen ist praktische Erfahrung für Sanitäter unentbehrlich. Dazu gehört auch, sich in die Rolle der Patienten zu versetzen. In dieser „Opferrolle“ ist Franziska Expertin: „Ich spiele gerne die Verletzte bei den Übungen. So richtig mit schauspielen und schminken – da bin ich Perfektionistin, alles muss echt aussehen.“

Franziska holt ihren Schminkkoffer raus. Der ist nicht klein und rosa, sondern sieht eher aus wie ein Werkzeugkasten. Mit wenigen Handgriffen zaubert sie sich eine blutige Platzwunde auf die Stirn und schockt mit einem „abgehackten“ Finger. Auch „Kotzepulver“ hat sie in petto. „Mit Ankotzen kann man die Sanitäter bei den Übungen immer am besten ärgern! Das ist dann meine kleine Rache – als Opfer muss man sich nämlich immer ganz schön was gefallen lassen.“ Die 15- Jährige grinst. „Spaß macht’s auch, wenn ein Sanitäter, der mich bei der Übung versorgt, was falsch macht.“ Dann muss Franziska als Patient nämlich jede Menge Theater machen, rumschreien und um sich schlagen. „Den Fehler macht derjenige dann in seinem ganzen Leben nicht noch mal!“

Die sogenannte „realistische Unfalldarstellung“ hat Franziska schon gelernt, bevor sie zu den „Johannitern“ kam – bei der DLRG. Da ist sie nämlich nebenbei auch noch aktiv – als Rettungsschwimmerin, Trainerin und im Jugendvorstand. Keine Ahnung, wie sie das macht, aber außerdem findet die Schülerin nebenbei noch irgendwie Zeit, Klavier und Klarinette zu spielen und zum Ballettunterricht zu gehen. Am wichtigsten ist ihr aber der Sanitätsdienst, Menschen zu helfen und sogar Leben zu retten. Wie Phil möchte sie später Medizin studieren.

Einen etwas anderen Weg will Fabian gehen: „Ich mache nach dem Abi eine Ausbildung zum Industriekaufmann“, überrascht der 17-Jährige. „Trotzdem bleibe ich bei den ,Johannitern’ und bilde mich als Sanitäter weiter, um helfen zu können.“ Und helfen – das macht auch Fabian nicht nur im Rettungs-Outfit der „Johanniter“, sondern auch in Feuerwehruniform. „Das ergänzt sich beides super“, findet er. „Als Feuerwehrmann ist man ja auch einer der ersten an einer Unfallstelle. Wenn der Rettungswagen mal länger brauchen sollte, kann ich mit meiner umfangreichen Erste-Hilfe-Ausbildung, auf die die Feuerwehr ja nicht den Schwerpunkt legt, die Erstversorgung leisten.“

Wenn Fabian gerade keine Brände löscht oder Wunden versorgt, spielt er Gitarre in drei verschiedenen Bands. Neben dem Leben retten ist die Musik sein großes Hobby. Für Phil ist die zweite Leidenschaft der Fußball. Zum selbst spielen bleibt im Moment leider keine Zeit mehr. Aber: „Mal beim Sanitätsdienst im Stadion dabei zu sein und die verletzten Profis vom Rasen tragen dürfen“, sagt er, „das wäre ein Traum!“

Anja Nosthoff (25 Jahre) aus Heiligenfelde

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

iPhone 13 jetzt schon sichern – zu diesen Hammer-Konditionen

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Angela Merkel: die wichtigsten Momente ihrer Karriere

Meistgelesene Artikel

Brustkrebs: Es sind nicht nur Knoten – diese Anzeichen solltet ihr ernst nehmen

Brustkrebs: Es sind nicht nur Knoten – diese Anzeichen solltet ihr ernst nehmen

Brustkrebs: Es sind nicht nur Knoten – diese Anzeichen solltet ihr ernst nehmen
„X-Factor: Das Unfassbare“: Aber ist diese Geschichte nun wahr?

„X-Factor: Das Unfassbare“: Aber ist diese Geschichte nun wahr?

„X-Factor: Das Unfassbare“: Aber ist diese Geschichte nun wahr?
Studie beweist: Frauen schlafen besser, wenn der Hund mit im Bett liegt

Studie beweist: Frauen schlafen besser, wenn der Hund mit im Bett liegt

Studie beweist: Frauen schlafen besser, wenn der Hund mit im Bett liegt
„Mein Freund folgt mir überallhin“

„Mein Freund folgt mir überallhin“

„Mein Freund folgt mir überallhin“

Kommentare