Erinnerungen an den nostalgischen Messenger

"Kommst du nachher bei ICQ on?"

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Den ganzen Tag bei ICQ abhängen - gab es was Besseres?

Von Mara Schumacher. Facebook, WhatsApp, Snapchat – es gibt mittlerweile so viele Wege, um online zu kommunizieren. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wir vermissen ICQ und das unverkennbare „Ah- oh“.

Der 1996 gegründete Instant-Messenger ist zwar noch aktiv und auch mobil verwendbar, aber so richtig viele Menschen sind dort nicht mehr zu finden. Die Konkurrenz hat den Chat-Dino fast aussterben lassen und das ist Grund genug, ICQ ein paar nostalgische Gedanken zu widmen.

Grundsätzliches

„Wann kommst du heute bei ICQ on?“ war eine wichtige und alles entscheidende Frage, deren Antwort mit Bedacht zu geben war. Es gab schließlich nix Schlimmeres, als nach der Schule um Punkt 14 Uhr vor dem PC-Monitor zu hocken und vergebens darauf zu warten, dass der Chat-Partner endlich „on“ kommt. Verspätungen und dazugehörige Ausreden ("Sorry, das Internet ging nicht") wurden nur ungern in Kauf genommen und akzeptiert. Manchmal half eine SMS mit den Worten "Komm mal on!".

Ab drei Gesprächen wurde ICQ zum Fulltime-Job. Bloß keine Nachrichten in die falschen Chats senden, bloß jedem zeitnah antworten. Wenn sich dann der zehnte Chatpartner mit dem nervtötenden „AH OH“ und dazugehörigem bunten Blinken ankündigte, fühlte man sich manches Mal wie eine gestresste Sekretärin oder Manager einer Spielothek.

Die große Frage war immer: Anschreiben oder angeschrieben werden? War ein heißes Eisen. Ständig zwischen on- und offline wechseln war ein beliebter Tipp, um auf sich aufmerksam zu machen. Denn jedes Mal tauchte unten rechts im Bildschirm dieses kleine Kästchen mit seinem Namen und Avatar auf. Übersehen zu werden war quasi unmöglich, Sätze wie „Aaach, hab gar nicht gesehen, dass du on warst.“ waren also komplett überflüssig.

Eine gern und oft gestellte Frage an den Chat-Partner war: "Guck mal eben, wie lange ich schon on bin!" ICQ dokumentierte nämlich fein säuberlich die Stunden, die wir gebannt vor dem Bildschirm saßen. Natürlich war es schon etwas unangenehm, wenn jedermann lesen konnte, dass man bereits seit 10 Stunden online ist. Als super ICQ-Suchti wollte auch niemand abgestempelt werden. Da half nur schnell ausloggen und dann wieder einloggen!

Es gab viele Dinge, die das alltägliche ICQ-Vergnügen zunichte gemacht haben: Internet-Verbot, der Bruder saß ewig vorm Computer, die streng limitierte "PC-Zeit" von zwei Stunden war vorbei oder Muddi zwang einen, bei der Hausarbeit zu helfen. Natürlich hatte jeder seine cleveren Tricks, um doch den ganzen Tag bei ICQ rumzuhängen. Trotzdem: Es war nicht leicht.

ICQ-Nummern

Sie waren heilig und natürlich war jeder in der Lage, sie auch im Halbschlaf auswendig aufzusagen. Wenn jemand nach der ICQ-Nummer fragte, stand fest: „Der Typ will was von mir!“ Meistens waren es leider nur die Hausaufgaben, die der Angebetete von einem wollte. Besonders aufregend und mysteriös wurde es, wenn bislang unbekannte Nummern im Chat aufleuchteten. Das Rätsel wurde in der Regel mit der forschen Frage „Wer ist da?“ gelöst – wie in einem schlechten Horrorfilm.

Status-Blumen

Die grüne Blume bedeutete: online und erreichbar. Die rote Blume signalisierte: Ich bin nicht bei ICQ angemeldet und erlebe stattdessen draußen vor der Tür etwas. Dazwischen gab es noch gefühlte 24 andere Blumen, die irgendetwas zwischen „online“ und „offline“ bedeuteten, zum Beispiel, dass der Chat-User gerade nicht anwesend oder nicht verfügbar ist. Das konnte so vieles heißen. Manche Leute waren den ganzen Tag abwesend, antworteten aber trotzdem innerhalb von Sekunden. Wiederrum andere waren offiziell erreichbar, antworteten erst Tage später. Das war immer dann besonders ärgerlich, wenn Donnerstagabend um 23.30 Uhr noch schnell in Erfahrung gebracht werden musste, welche Themen in der Klassenarbeit am Freitag drankamen. Die größte Katastrophe bahnte sich jedoch an, wenn plötzlich alle Blumen rot waren, denn das bedeutete: Entweder ist ICQ oder das Internet kaputt. Hektische Neuverbindungs-Versuche und Fast-Nervenzusammenbrüche bestimmten fortan den weiteren Tag, bis endlich die erlösenden grünen Blumen wieder auftauchten.

Abwesenheitsnotizen

Seine Status-Blumen wurden oft mit eigenen Abwesenheitsnotizen geschmückt. Der Großteil hat da „Bin lernen“ reingeschrieben. Als ob! Scherzkekse haben in ihre Notiz natürlich irgendeinen Blödsinn geschrieben. Beliebt war auch die Notiz „Weg“. Das konnte alles heißen: eingeschlafen, aufm Klo oder ausgewandert. Die Abwesenheitsnotizen wurden im ICQ-Slang auch gerne "Away" genannt: "Hast du meine Away nicht gelesen?". Voll lässig.

Chat-Konferenzen

Auch hier galt: Pünktlichkeit hatte oberste Priorität. An einer im Schulbus beschlossenen und bis ins Detail geplanten ICQ-Chat-Konferenz zu unwichtigen Themen am Nachmittag hatte man pünktlich teilzunehmen! Was gar nicht funktionierte: Gruppenarbeiten aus der Schule innerhalb der Konferenz zu koordinieren. Es gab immer einen, der nicht mitgemacht, ständig andere Themen angezettelt oder wirklich unpassende Smileys in den Chat geworfen hat. Die anderen Konferenzteilnehmer fanden das meistens lustig, nur der überambitionierte Organisator der Konferenz schäumte vor Wut.

Gespräche

Die fingen oft so an: „Da?“ „Jo.“ „Okay.“ Irgendwie musste ja sichergestellt werden, dass der Chatpartner auch wirklich mental am Start ist, die Statusblumen sagten ja nicht sehr viel aus, wie wir jetzt wissen. Meistens drehte sich sämtliches Gequatsche um schulische Themen: Hausaufgaben, neue Idee zum effektiven Schwänzen, Klassenarbeiten. Oder es wurde im Grunde über nichts geredet und bedeutungslose Smileys wurden hin und her geschickt, damit der restliche Chat-Tag noch irgendeinen (Un-)Sinn hatte. Wenn das Gespräch völlig abzubrechen drohte, war eine Spieleanfrage für Slide-a-Lama oder Zoopaloola hilfreich. Toll war, dass Schriftarten und -farben innerhalb des Chats immer wieder geändert werden konnten. Das ging nur den Chatpartnern massiv auf den Geist, wenn das Chatfenster plötzlich mit neongelber Schrift in Größe 96 zugekleistert wurde. Sich ohne Verabschiedung aus einem Chat zu verpieseln, war übrigens ein ganz großes Vergehen, wenn nicht sogar die unhöflichste Geste, die es in der ICQ-Welt gab. Ein kurzes "Bin mal off" erfüllte ja schon seinen Zweck.

Spiele

Hach ja, die guten alten ICQ-Spiele. Verstanden hat sie niemand so richtig und die Spielregeln waren auch nicht sonderlich ernst zu nehmen, aber diese kämpfenden Zootiere aus Zoopaloola waren ja ganz lustig und allemal besser als öde Hausaufgaben oder Zimmer aufräumen. Es kam nicht selten vor, dass ICQ komplett abstürzte, wenn gerade eifrig ein Spiel gezockt wurde. Man, hat das Nerven gekostet! Übereifrigen Spieleanfragen-Versendern wurde auch gerne mal gedroht: "Boa, noch eine Anfrage und ich setz dich auf Ignore!" Das war damals so etwas, wie blockiert werden.

Smileys

Mit den Dingern gab es die gleichen Probleme und Sorgen wie heute: Ist der Kuss-Smiley zu viel des Guten? Lieber der Smiley, der nur grinst oder der, der richtig lacht? Wieso macht mein Chatpartner gar keine Smileys? Ist der etwa sauer auf mich? Was nervt der mich jetzt mit 184 Smileys - ich hatte was gefragt! Aber eine Sache stand einfach fest: Der grüne Kotz-Smiley war am besten und er ging in jedem Zusammenhang! :-!

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