Die Menschen hinter den Stimmen

Radio Bremen besitzt das modernste Funkhaus Europas.

Bremen - Ausgerechnet heute muss es regnen. Mit gesenktem Kopf stapfe ich durch den Regen auf ein hohes Gebäude an der Bremer Schlachte zu.

Die Wolken spiegeln sich in der Glasfassade, und ein großer Schriftzug bestätigt mir, dass ich richtig bin. Ich werde von einer netten jungen Frau am Empfang begrüßt und über viele Treppen und Gänge durch einen Glastunnel geführt. Als sich die Türen des Fahrstuhls öffnen und mir Axel P. Sommerfeld gegenübersteht, ist auch der letzte Zweifel ausgeräumt: Ich bin bei Radio Bremen, im momentan modernsten Funkhaus Europas. Und um es genau zu sagen: Auf dem Weg zu „Bremen Vier“.

Als wir auch die letzten Sicherheitstüren überwunden haben, kommen wir in einen Büroraum mit vielen Monitoren und Menschen davor, die mit aufgesetzten Kopfhörern am arbeiten sind. „Ha!“, ruft eine blonde Frau durch den Raum. „Ich hab Dich gerade voll gedisst, Daniela – und Du hast es nicht mitbekommen!“ Die Blonde ist Tina Middendorf, Moderatorin des Vormittagsprogramms bei „Bremen Vier“, und die andere Daniela Sadri, die momentan die politisch orientierte Info-Sendung „Mittendrin“ moderiert. Beide Stimmen höre ich täglich im Radio – morgens beim Aufstehen, nach der Schule, den ganzen Tag nebenbei, abends im Bett, und jetzt hab ich plötzlich ein Bild von den Leuten, die mich sonst täglich begleiten. Ein ungewöhnlicher Moment für mich.

Durch eine Scheibe sehe ich zwei Leute im Studio sitzen: Roland Kanwicher und Ike Pauli, die gerade die Morgenshow „Vier beginnt“ moderieren. Jetzt bin ich also in dem Studio, wo jeden Tag das produziert wird, was Jugendliche in Bremen, Bremerhaven und dem Umland hören, wenn ihr Radio auf 101,2 oder 100,8 eingestellt ist. Beeindruckt vom Mischpult und den vielen Knöpfen und Reglern lasse ich mir von Roland alles erklären. Auf vier Bildschirmen flimmern alle Informationen, die er für die Sendung braucht: Warnmeldungen, die musikalische Titelliste, Informationen zu den Künstlern („Wenn wir mal nicht wissen, was wir sagen sollen“), ein riesiges Audioarchiv, ein Fenster für die Studiobutton-Mails und noch ein eigener Bildschirm zum schnellen Recherchieren von Informationen, die notwendig für die nächste Moderation sind. Gegenüber von Roland, ein bisschen hinter den vielen Bildschirmen versteckt, sitzt Ike. Und auf ihrem Tisch steht ein großer, ausgehöhlter Kürbis, den Roland geschnitzt hat. Der kommt heute mit in die „Packtasche“. Das ist ein Gewinnspiel – im Laufe der Sendung werden Gegenstände in eine Tasche gesammelt, der Hörer muss sich alles merken, und wer am Ende alles richtig aufzählen kann, der gewinnt den Inhalt.

In den „Breaks“, so werden die Moderationen während der Sendung genannt, höre ich über Kopfhörer das Radioprogramm mit seinem sogenannten „Musik-Bett“, den Jingles und natürlich Roland und Ike. Während die Musik läuft, sprechen sich die beiden immer schnell über das nächste Thema auf ihrer Liste ab, die sie täglich von der Redaktion bekommen. Der Redakteur der Morgenshow ist heute Marc Mokrisch, der die Sendung hinter einer Glasscheibe sitzend begleitet. Nebenan arbeiten Maggie, die Anrufe annimmt, und Ansgar Guse, der sonst auch im Radio zu hören ist, aber heute eine leitende Funktion hat.

Um zehn wird die Morgenshow von Malin Kompa abgelöst. Das Team bespricht die Sendung noch mal und plant auch schon den Ablauf der nächsten. Dann haben Roland und Ike Feierabend. Am nächsten Tag wird der Wecker der beiden wieder um vier Uhr morgens klingeln, damit sie um fünf mit der Sendung anfangen können.

„Bremen Vier“-Moderatorin Malin Kompa und Jannis Hartmann

„Bremen Vier“-Chefin Eva Linke führt mich noch mal durchs Funkhaus, zeigt mir die Musikredaktion und den Raum der Onliner, die für das zuständig sind, was auf der Homepage von „Bremen Vier“ zu sehen ist. Dann kommen wir in eine Lounge, in der sich jeden Morgen um 10 nach 10 die verschiedenen Redaktionen zur Konferenz treffen. An den Wänden hängen goldene Platten von „Silbermond“, Sarah Connor und „Nickelback“. Im Raum stehen ein kleiner Fernseher, ein paar Pflanzen, eine Couch und zwei Tische. Ich darf mich dazusetzen und bin erstaunt, wie unverkrampft die Redaktionssitzung abläuft. Ich hatte mir das alles ernst und seriös vorgestellt, in Wirklichkeit aber wirkt das Ganze wie eine mit viel Gelache verbundene Versammlung, bei der in lockerer Atmosphäre Dinge abgesprochen und geklärt werden.

Anschließend darf ich noch mal zurück ins Studio, und die Moderatorin Malin Kompa zeigt mir gut gelaunt, wie sie arbeitet. Ich gucke zu, wie die Studiobutton-Mails eintrudeln. „Manchmal kommt da aber auch echt nur Mist“, erzählt Malin. „Da regt sich zum Beispiel jemand auf, dass ich meinen Namen im Radio so oft sage.“

Einen Einfluss auf die Playlist während ihrer Sendung haben die Moderatoren übrigens nicht. Auf meine Frage, ob sie viele Songs nicht irgendwann nerven, wenn sie sie täglich hören muss, antwortet Malin, ehe ich meinen Satz beenden kann, mit einem schlichten, klaren „Ja!“. Und „Radio höre ich, seit ich selber beim Radio arbeite, kaum noch“, verrät sie mir. „Ab und zu im Auto. Aber ich kann mich nicht mehr dabei entspannen, weil ich immer auf Fehler achte.“

Malin kündigt das Wetter an, macht ein paar spontane Moderationen, zwischen den Breaks redet sie mit mir. Die Zeit im Studio vergeht für mich wie im Flug. Wir nähern uns den zwölf-Uhr-Nachrichten. „Guck mal“, sagt Malin plötzlich. „Jetzt hab ich ein Backtiming-Problem.“ Sie zeigt auf den Monitor, auf dem die Liste der Musiktitel steht. „Wir sind nicht pünktlich zu den Nachrichten fertig. Da müssen wir wohl leider einen Song am Ende abschneiden...“

Malins Arbeitstag dauert von acht bis 16 Uhr. „Nachher moderiere ich noch mal zwei Stunden. Und in der Zeit, wo ich nicht ,on air’, also auf Sendung, bin, erledige ich redaktionelle Arbeit.“ Zum Abschied bekomme ich von Malin noch ein Autogramm und Bremen-Vier-Merchandise und gehe ein letztes Mal durchs Funkhaus. Durch die Glasscheiben kann ich überall Radio-Bremen-Mitarbeiter beim Arbeiten sehen. Sie sitzen an Computern, moderieren, erstellen Audiobeiträge, zeichnen auf... Ich schaue einen Moment zu, wie Winfried Hammelmann an seinem „Mixer“ bastelt – ein Zusammenschnitt aus den lustigsten Momenten der Woche, der immer freitags zu hören ist. Im Fahrstuhl denke ich noch mal über das nach, was ich an diesem Vormittag erlebt habe. Die Arbeit im Studio, diese große Gruppe verschiedener Menschen – ich hatte oft diesen „Ich will dazugehören“-Impuls.

Ich verlasse das Funkhaus, sehe noch mal mein Spiegelbild in der Fassade und stapfe mit einem Grinsen auf dem Gesicht weg...

Von Jannis Hartmann (15 Jahre) aus Bremen

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