Wie eine Radtour mich auf Umwegen in eine Hippie-Kommune führte und zu dem Wunsch nach einem Stück Land, auf dem jeder frei leben darf:

Schnauze voll - ich steig aus! Mein Ausflug in die Freiheit

chili-Autor Jan

Von Jan Henrik Kuhn (22 Jahre) aus Scheeßel

Eins stand schon seit Monaten fest: Nach meiner Ausbildung zum Erzieher könnt Ihr mich alle mal – ich hau ab! Ich hab ein Fahrrad, und mit dem werde ich einfach losfahren. Spanien! Jakobsweg! Mindestens! Fremde Menschen und andere Kulturen kennenlernen, im Meer schwimmen, in der Sonne sitzen, wandern, den Kopf freikriegen – bloß raus aus diesem engen System hier!

Mit nur 60 Euro in der Tasche werde ich losfahren, den Rest kann ich mir ja unterwegs verdienen. Ein Jahr lang rumtingeln – und im Frühjahr 2014 schwing ich mich dann wieder aufs Rad und komme zurück. Mit einem Reiserucksack voller Erlebnisse, die nur darauf warten, in die Gehörgänge anderer Menschen einzumaschieren und bei ihnen das Kopfkino anzuschmeißen, für das ich in diesem Jahr in Freiheit das Drehbuch schreibe.

So weit der Plan. Und der – da ist sich auch mein komplettes Umfeld einig – ist gut. Mein Freund Tonne findet ihn sogar so gut, dass er beschließt, mitzufahren. Auch drei andere schließen sich an – wenigstens über die Ferien. Wir machen uns also zu fünft auf den Weg Richtung Niederlande. Alle bis auf Tonne wollen dahin. Und ich – mmh, na gut, dann geht’s halt über Belgien nach Spanien. Von mir aus hätte es auch über Moskau gehen können. Hauptsache, raus aus der Alltagslethargie!

SCHNAUZE VOLL – ICH STEIG AUS!

Die fünf Freunde on Tour. Fahren, wohin es uns treibt, Jeden Tag ein neuer See (den Harkebrügger See empfehle ich besonders). Schlafen, wo wir wollen. Zusammen aufstehen, frühstücken, sich was vorlesen. Musik machen. Gespräche bis tief in die Nacht.

Am ersten Tag hab ich schon wichtige lebenspraktische Dinge gelernt. Multitasking: Ich schaffe es, gleichzeitig den Weg im Blick zu behalten, meine Freunde anzuschnauzen, die Ruhe zu bewahren und meinen abgefallenen Gepäckträger statt mit Schrauben mit einem Stück Ast und Isolierband zu reparieren.

Tonne schafft es währenddessen, in einem Netto-Markt Hausverbot zu bekommen, obwohl er noch nicht mal im Laden war. Ich merke also gleich am ersten Tag: Das hier wird eine der schönsten Zeiten meines Lebens!

Das Gefühl von Freiheit, der laue Fahrtwind, Freunde an meiner Seite... Erinnerungen, die sich auf keinem Foto ansatzweise festhalten lassen.

In Holland müssen wir uns von den drei anderen verabschieden – Ausbildung, Arbeit, Schule, man kennt das ja...

Tonne und ich entscheiden uns, auf unserer Weiterreise nach Spanien nochmal einen Umweg über Deutschland zu machen. Wir sind ja frei. Und in Celle ist ein interessantes Festival. Außerdem können wir dort bei ein paar interessanten Hausbesetzern schlafen.

Ich genieße die Zeit. Tonnes Stimmung kippt. Er kriegt einen Moralischen und fährt nach Scheeßel zurück. Arbeit suchen. Wohnung suchen. Neu anfangen.

Tja... dann eben alleine weiter.

Mein nächster, etwas längerer Halt auf dem Jakobsweg ist ein winziges Dorf namens Vicht bei Aachen. Das Dorf hat schon äußerlich einen unverkennbaren Erzkatholikenstil, und dem wird es auch gerecht. Ich treffe nette Leute, die mir Bier ausgeben und auch sonst einiges tun, damit die nächste Beichte sich richtig lohnt.

Dass ich mitten in der Nacht aufs Klo stürze und ohne Pause vor der Schüssel knie, hat allerdings nichts mit Religion zu tun. Der Grund ist viel mehr, dass das Dönerfleisch, das ich gegessen hatte, mindestens so viel Sonne genossen haben musste wie ich. Es schmeckte zwar seltsam, aber viel gedacht hatte ich mir dabei nicht.

Am nächsten Morgen endet meine Tour erst mal im Krankenhaus. Als ich wieder aufstehen kann, gehts mir immer noch richtig mies. Betäubt von „Vomex“, beschließe ich, die vierstündige Bahnfahrt zurück nach Scheeßel anzutreten und zu Hause erst mal wieder gesund zu werden.

Nach langen Tagen mit Bauchschmerzen, in denen ich einen jammernden, aber niedlichen kleinen Haufen Elend abgebe, geht es wieder los.

ALSO NOCHMAL:

Diesmal Trampen. Spanien ist mir mittlerweile egal. Italien ist jetzt mein Ziel.

In fünf Tagen schaffe ich es über Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich in die Schweiz. An der Autobahnausfahrt einer Raststelle am Walensee frühstücke ich gerade eine Scheibe holländischen Toast (schmeckt ganz anders als deutscher), als neben mir ein vollgepackter, mit guten Soundboxen ausgestatteter roter Corsa stoppt. Am Steuer: Aaron.

Ein paar Tramper-Phrasen und verlegene Worte später haben wir schon gefunden, was uns verbindet: Die Suche nach Glück und Freiheit.

Aaron erzählt, er sei gerade auf dem Weg dorthin, in dieses Glück und diese Freiheit. Es gäbe nämlich in Österreich im Burgenland ein paar Leute, die sich gerade zu einer Kommune zusammenfinden, und da würde er jetzt hinfahren. Jeder, der Lust hätte und frei sein wolle, dürfe kommen und mitmachen. Und so wie Tonne vor ein paar Wochen meine Idee mit Spanien für großes Kino hielt, bin ich von Aarons Plan begeistert.

Eine Woche später steige ich in Neusiedl bei Güssing aus. Wer nicht weiß, wo dieses lustige Burgenland liegt, dem ist das wirklich nicht übel zu nehmen. Kein Mensch kennt das Burgenland. Und wenn, dann sicher nicht freiwillig. Es ist dort so was von nichts los – angeblich sollen sogar die Kühe beschlossen haben, in die Steiermark zu ziehen. Aber das änderte sich ja jetzt. Wir waren nämlich los!

FREIDENKER UND FREAKS IN FREIHEIT:

WIR GRÜNDEN EINE KOMMUNE

Ein Haufen Freidenker, Revolutionäre, Freaks, Künstler, Überlebenskünstler, kurz: „Die Kaputten“. Den Begriff finde ich nicht negativ, sondern gut. Denn er sagt aus, dass wir nicht mit im allgemeinen Takt ticken.

"Ihr könnt mich mal, ich hau ab": chili-Autor Jan reist einfach drauflos.

Aber der Reihe nach. Ich stieg also aus – weit und breit keine Kommune zu sehen. Wie sieht so eine Komune überhaupt aus? Ich stellte mir vor, dass Leute in Hippie-Kleidung auf einem Feld herumwimmeln, durch die Gegend tanzen und zugekifft über Harmonie und Frieden seiern, als ich der Wegbeschreibung durch das steile Bergdorf folgte.

Und dann – endlich! – sah ich es. Angekommen!

Es wimmelte von Leuten in bunten Hippie-Kleidern. An der Straße stand ein buntbemalter Hippie-Bully. Unter einem Baum kifften zwei Hippies! Meine Nerven kräuselten sich ein wenig, mit Flowerpower hatte ich nicht viel am Hut, und geheuer waren mir diese Blumenkinder und Tanzknallköpfe auch nicht.

Sie nahmen mich trotzdem zur Begrüßung in den Arm. Schon schön, irgendwie... Später saßen wir alle im Wald unter Fichten und sprachen über Freiheit, Werte, Geld, Gesellschaften... Und plötzlich stand ich auf und sagte: „Ich bin Jan, und ich bau hier jetzt ein Haus.”

Wer kann schon sagen, er habe mit 21 sein erstes Haus gebaut? Meins hatte zwei Stockwerke, ein Dach, eine Tür und drei Fenster. Was fehlte, waren die Giebelwände. Aber wer braucht Giebelwände.

Es kostete mich eine Packung Schrauben und mehrere Fahrten zum Sperrmüll. Es war ein fast kostenfreies Haus, das ganz nach mir aussah. Ein zusammengebastelter Haufen. Ich hab nicht mal beim Dach einen Zollstock oder einen Winkel benutzt.

"ICH BIN JAN, UND ICH BAU HIER JETZT EIN HAUS."

Der Amerikaner Jonathan, mein Nachbar, sagte mit breitem US-Akzent zu mir: „Das ist Punker-Statik, man! Anarchy Architecture!”

Dieses Haus war mein ganzer Stolz. Es stand für mich, durch mich, sah aus wie ich war. Hatte sogar dekorative Flaschen auf dem Fußboden, vor dem Haus und drumrum.

Und überall in unserem 2,1 Hektar großen Wald fingen die Leute aus der Kommune plötzlich an, Häuser zu bauen, Höhlen zu graben und sich und ihr Leben hier draußen in der Natur zu organisieren.

Ich denke, die nächsten Wochen waren maßgeblich für die so genannte Kommune „Wunderland“. Ich fühlte mich glücklich, und alle meine Vorurteile waren verflogen.

Muss man sich nur mal vorstellen: Da kommt ein Punk in einen Hippie-Kreis, in dem über den Sinn von Süchten debattiert wird, über Effizienz von Landwirtschaft, Psychologie und Therapie, Psychosomatik und soziale Strukturen. Die meisten von ihnen tranken kaum, rauchten nicht, und selten nahmen sie eine Kräuermischung zu sich. Ich dagegen, der exzessive Punk, trank zu der Zeit viel und rauchte wie ein Schlot. Ich war sowas wie der Gegenpol zu den meisten, die dort lebten.

Man kann sagen: Mit mir kam die anarchistische Phase der selbstbestimmten, friedlichen Kommune. Aber keiner schien das als Störung oder Bedrohung zu empfinden – im Gegenteil. Aus unserer Verschiedenheit entstand eine Offenheit und neue kreative Energie.

"ANARCHIE-ARCHITEKTUR"

Jeder tat, was er tun wollte: Baute, malte, zeichnete, dekorierte, diskutierte. Alle hatten die Augen überall: Man half sich, sprach sich ab, kochte und aß zusammen.

"Ich bin Jan und ich bau jetzt hier ein Haus" - und so sieht's aus.

Neben (m)einem Null-Eurohaus und dem Bau von Jonathan entstanden eine große Höhle, ein in sechs Bäumen aufgehängtes Haus, drei Tippies und eine Raucherlounge – zu meinem Wohl direkt vor meiner Haustür.

Es war schön, anzusehen, wie es in einer Gemeinschaft funktionieren kann.

Und es war auch interessant zu sehen, wie es wieder kippen kann.

Das Experiment: Man nehme einen geltungssüchtigen Pseudo-Esoteriker, ich nenne ihn mal „Indigo“, und ein paar unterwürfige, unsichere Menschen und setze sie gemeinsam auf ein Stück Land. Funktioniert.

Dann fügt man ein paar junge, auch nicht immer ganz sichere Revoluzzer hinzu. Und schon bilden sich zwei Fronten von Menschen, die die ganze Zeit damit beschäftigt sind, ihre eigene Unsicherheit auf die nächstgrößere Bedrohung abzuwälzen, um sich nicht mit sich selbst und den eigenen Unzulänglichkeiten konfrontieren zu müssen.

Für „Indigo“, der das Land für die Kommune organisiert hatte, stand schnell fest: Wir – also ich, Aaron (der ein guter Freund geworden war) und ein paar andere – müssen verschwinden. Bevor noch mehr von „Indigos“ Anhängern sich uns Aufrühern anschließen und bemerken könnten, was für eine Pfeife ihr Eso-Guru ist.

Die Stimmung zwischen uns und „Indigo“ spitzte sich immer weiter zu. Meinungsverschiedenheiten, Provokationen, Stress. Aber Aaron und ich weigerten uns zu gehen. So kam es, dass „Indigo“ eines Morgens die Polizei aufbot, um uns einen offiziellen Platzverweis zu erteilen.

DAS EXPERIMENT ENDET

MIT POLIZEI UND PLATZVERWEIS

Er redete auf die Beamten ein, vielleicht fühlte er sich nicht genügend ernst genommen, so dass er am Ende sogar lächerliche Totschlagkeulen rausholte: Kinderschänder, Vergewaltiger, Faschisten! Ausgerechnet wir...

Den Polizisten war es scheinbar irgendwann zu blöd – genauso wie uns. Wir packten unsere Sachen, während die Herren in Blau sich abwechselnd nett, verzweifelt, genervt und bestimmt gaben.

Aber „Indigo“ wollte nicht nur uns, sondern zu unserer Überraschung auch den stillen Joachim aus dem „Wunderland“ schmeißen. Joachim war ein ruhiger, freundlicher Typ, der nie Konflikt suchte, mit dem jeder gut klar kam. Er machte sich seine eigenen Gedanken, aber behielt sie meist für sich.

Erstaunlich, wie in einer aufgeheizten Situation auch so ein stiller Protest Menschen zur Weißglut bringen kann. „Indigo“ tobte, er solle die Kommune mi uns verlassen, während Joachim die zunehmend verwirrten Polizisten in die Höhle bat, sich hinsetzte und sich höflich mit ihnen unterhielt.

Ich bin immer noch beeindruckt davon, dass in einer derart kurzen Zeit so ziemlich alle zwischenmenschlichen Gefühle und Handlungen hervorkommen und aufeinanderknallen können.

WUNDERLAND IST ABGEBRANNT

ODER: DER KÖNIG STÜRZT SICH SELBST

Ich packte meinen Rucksack, gefüllt mit den verschiedensten Erinnerungen und Erfahrungen, und verabschiedete mich gemeinsam mit Aaron und Joachim und einigen anderen von unserem „Wunderland“. Bei vielen Leuten fiel mir der Abschied schwer. Bei „Indigo“ nicht. Als wir an ihm vorbei vom Platz zogen, dachte ich: „Wer sich nicht mit seinen Kritikern auseinandersetzt, bekommt früher oder später selbst ein Problem.“ Und so war es auch.

Die verbliebenen „Wunderländer“ reisten in den Wochen danach ab. Keiner wollte sich von einem Alleinherrscher unterdrücken lassen. Das Projekt „Wunderland“, „Indigos“ Traum vom Leben, war gescheitert. Der König hatte sich selbst gestürzt.

ICH BIN JAN, UND ICH HABE EINEN TRAUM...

Aber während meiner Zeit im „Wunderland“ hat sich ein Traum in

mir immer klarer herausgebildet. Es ist ein Traum von einem Ort, an dem Menschen für ihre Grundbedürfnisse nichts zu zahlen brauchen. Wo man sich komplett unabhängig machen kann von Konsum und dem Druck der Gesellschaft. Ein Ort, an dem jeder sein darf – egal, ob er Obdachloser oder Banker, reich und arm ist. Ein Ort, wo immer ein Licht brennt, wo jeder willkommen ist – egal, zu welcher Jahres- oder Uhrzeit.

Ich wünsche mir irgendwo hier in der Nähe dieses leere Stück Land, auf dem geforscht, gebaut, gelebt und sich gegenseitig gelassen werden darf, wie man ist und wie man wird.

Irgendwo hier muss es doch so einen Platz geben, den Typen wie Tonne, Aaron und ich uns wünschen.

Und vielleicht liest Du ja gerade diesen Text und findest, dass das eine tolle Idee ist.

Oder dass Du sowas auch gerne mitaufbauen möchtest.

Oder dass Du so ein Stück Land hast, mit dem Du gerade nix anzufangen hast.

Oder dass Du einfach mal mit mir Kontakt aufnehmen möchtest.

Ich bin Jan, und meine E-Mail-Adresse ist: pariah666@gmx.de.

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