Mein erstes Mal Fallschirmspringen:

„Äääh – wie lange bist Du denn schon Tandem-Pilot...?"

Wie war’s? chili-Autor Florian direkt nach dem Sprung.

Das passiert, wenn man kurz vorm Geburtstag auf die Frage seiner Freundin, was man gerne mal machen möchte, antwortet: „Fallschirmspringen!“ 

Von Florian Neuhauss  -  Jetzt gibt’s kein Zurück mehr. Ich hänge 4.000 Meter über dem Boden, unter dem Flugzeug, nur durch ein paar Seile gehalten. Am anderen Ende des Seils ist Timm – mein „Pilot“ für diesen Tandem-Fallschirmsprung. Der Junge weiß, was er tut. Hoffe ich wenigstens. Mehr als 1.500 Sprünge hat dieser 1,90-Meter-Hüne angeblich schon gemacht. Aber ich sehe ihn nicht. Ich höre auch nichts. Mein Blick geht in die Tiefe und wird magisch von den Wolken unter mir angezogen.

Als mich meine Freundin vor ein paar Wochen fragte, was ich in meinem Leben unbedingt mal machen will, hatte ich (leichtfertig) geantwortet: „Fallschirmspringen!“ Das glaubte sie mir wohl nicht – glaubte ich. Jedenfalls fragte sie noch mehrfach nach, ob ich das wirklich ernst meine. Dass mein Geburtstag anstand und sie nur auf der Suche nach einem Geschenk war – daran dachte ich nicht.

Und jetzt sitzen wir hier auf dem Flugplatz und warten darauf, dass wir aufgerufen werden. Meine Freundin hat sich kurzerhand dazu entschlossen, auch zu springen. Eigentlich hat sie ja Höhenangst, aber die will sie nun ein für alle Mal loswerden. Aber ich? Ich hab keine Höhenangst – trotzdem: Warum habe ich bloß gesagt, dass ich unbedingt mal Fallschirmspringen will... Jetzt bin ich mir da nämlich gar nicht mehr so sicher.

Das Wetter ist toll, als wir am Flugplatz ankommen. Schnell anmelden und bezahlen. 199 Euro kostet so ein Tandemsprung – in der Hauptsaison. Die fängt aber erst in den nächsten Tagen an, darum zahlen wir „nur“ 179 pro Person. Um das Erlebnis für die Nachwelt festzuhalten, kann ein Extra-Springer als Kameramann engagiert werden. 90 Euro bezahlt man für Fotos oder ein Video. 120 Euro für beides. Uns reicht der Sprung.

Wir bekommen die Startnummer neun. Es geht zu wie in der Behörde, nur der Wartesaal ist im Freien. Neben mir startet das erste Flugzeug mit einer Horde Fallschirmspringer. Die Maschine hoppelt über die unebene Wiese, fährt eine 180-Grad-Kurve und steht dann auf der Startbahn – auf der gleichen Wiese. Der Pilot beschleunigt, das Flugzeug saust an uns vorbei und hebt ab. Ich verfolge es mit den Augen, bis es aus meinem Sichtfeld verschwunden ist. In so einem Ding werde ich auch gleich sitzen...

„Jetzt machen sich bitte alle Springer mit der Nummer neun fertig“, dröhnt es aus den Lautsprechern über dem Anmelde-Container. Fertig machen heißt: Die Neulinge sollen ihre „Tandem-Master“ kennenlernen, mit denen sie zusammen in die Tiefe springen. Naja, „kennenlernen“ – Timm stellt sich mir kurz vor, wir schütteln uns die Hand, und dann ist er auch schon wieder weg. Zu wenig Zeit, um sich noch groß Gedanken darüber zu machen, ob er wirklich ein Typ ist, dem man sein Leben anvertrauen sollte...

Die nächste Durchsage: „Die Gruppe neun hat noch 15 Minuten bis zum Start!“ Wir bekommen alle unsere Overalls, ich bin etwas nervös und kann Timm nirgendwo sehen. Also schließe ich mich kurzerhand einem anderen Tandempiloten, Toralf, an, der uns Trockenübungen zeigt: „Legt Euch auf den Bauch, hebt die Beine an und winkelt die Knie an. Kommt mit dem Oberkörper hoch und winkelt die Arme im 90-Grad-Winkel an.“ Gesagt, getan. Das ist also die Position für den freien Fall. „Bist Du Bodenturner?“, fragt Toralf. Bin ich nicht – aber offenbar ein Fallschirmspring-Naturtalent.

Auch die zweite Übung macht mir keine Probleme: Wir müssen auf dem Boden sitzend die Beine anheben, uns in die Kniekehlen greifen und die Beine nach oben ziehen. So soll ich es bei der Landung machen, damit der Pilot und ich jeweils auf dem Po landen und nicht er auf mir. Alles verstanden.

Mein Tandem-Pilot sagt: "Okay, ich muss ja nicht so tun, als ob es Spaß macht..."

Noch kurz die Gurte anlegen, und dann geht es auch schon zum Flugzeug. Fliegerhaube und -brille gibt es an Bord. Timm ist wieder da. „Hast Du Video dazugebucht?“, fragt er und fügt nach meinem Kopfschütteln hinzu: „Okay, dann muss ich ja nicht so tun, als ob es Spaß macht.“

Das könnte ein Spaß gewesen sein. Timms Gesicht sieht aber nicht danach aus. Eine Frau ruft uns noch hinterher: „Mach’s diesmal aber ordentlich, Timm! Nicht so wie sonst!“ Na toll, an wen bin ich denn da geraten...

Auf dem Weg zum Flugzeug habe ich nur einen Gedanken: Was mache ich hier eigentlich? „Äh, wie lange springst Du denn schon?“, frage ich Timm. Der antwortet: „Seit zehn Jahren – und bei den Tandem-Sprüngen ist noch nie was passiert. Wenn hier überhaupt mal was passiert ist, dann bei übermütigen, unerfahrenen Springern.“ Was denen widerfahren ist, frage ich jetzt mal lieber nicht. Mein Adrenalin-Pegel ist auch so in den letzten Minuten schon genug gestiegen.

Ich gucke mich im Flugzeug um: Wir sind zwölf Passagiere – vier Tandems und vier Solospringer. Wir sitzen in Zweierreihen, immer dicht zwischen den Beinen des Vordermanns mit dem Rücken zum Cockpit. Über einen Karabinerhaken bin ich jetzt mit Timms Gurten verbunden.

Das Holpern des Flugzeugs fühlt sich noch stärker an, als es vorhin von draußen aussah. Überhaupt macht die Maschine so ganz ohne Innenverkleidung keinen sonderlich stabilen Eindruck. Isolierklebeband an den Wänden und der ohrenbetäubende Lärm der Motoren sorgen jetzt auch nicht gerade für ein Gefühl von Sicherheit. Um mich herum wächst die Anspannung. Aber ich selbst werde innerlich plötzlich ganz ruhig. Durch das Seitenfenster sehe ich, wie die Welt immer kleiner und kleiner wird. Wir kommen den Wolken ganz nahe, und plötzlich sind sie unter uns. Bald muss es also losgehen... Von Timm bekomme ich Fliegerhaube und Fliegerbrille. Todschick sehe ich damit aus, aber das ist ja egal – ich hab schließlich keinen Videofilmer dazugebuch.

Die vier Solospringer vor mir werden unruhig. Timm bindet mich noch mit zwei weiteren Haken an sich. Die Gurte werden noch mal enger gezogen.

"Tür auf" - schon saugt ein Strudel die ersten Springer aus dem Flugzeug

„Tür auf“, ruft der Pilot aus dem Cockpit. Einer der Solospringer ist sofort auf den Beinen und reißt das Fallttor nach oben. Auch die drei anderen richten sich auf. Nacheinander kauern sie sich auf die Kante zum Nichts – und werden wie von einem Strudel nach draußen unter das Flugzeug gesaugt. Ein unwirkliches Bild.

Dann sind wir dran. Jetzt ist das Adrenalin wieder zurück. Sozusagen auf Timms Schoß krabbel ich zur offenen Tür. Er setzt sich auf die Kante – und da hänge ich nun außerhalb des Flugzeugs. Nur noch gehalten von ein paar Gurten und Haken... Einen Moment bin ich noch fasziniert, die Wolken unter mir und in weiter Ferne den Erdboden zu sehen – dann breitet sich in meinem Körper auf einmal Panik aus.

Timm hat sich, ohne noch einen Ton von sich zu geben, vom Flugzeug abgestoßen, und wir rasen dem Erdboden entgegen. Die Trockenübungen vom freien Fall erübrigen sich, der Wind drückt meinen Körper schon in die richtige Lage – glaube ich. Ich habe sowieso alles vergessen.

Und genauso schnell wie die Panik gekommen ist, ist sie auch schon wieder weg. Ich bin losgelöst von Zeit und Raum, der Wind donnert an mir vorbei und ich der Erde entgegen. Das sind also 4.000 Meter – eine aberwitzige Zahl.

Aber ein saugeiles Gefühl. Ich überlege gerade, ob der Wind meine Wangen aussehen lässt wie die von Melanie Müller – da reißt es mich abrupt aus meinen Gedanken. Timm hat den Fallschirm ausgelöst. Dass hinten an mir noch jemand hängt, hatte ich schon ganz vergessen.

Durch den Widerstand des Schirms werden wir mit großer Kraft aus dem knapp einminütigen freien Fall nach oben gezogen. Danach geht es deutlich gemächlicher dem Boden entgegen. Aber richtig genießen kann ich die Aussicht auf den strahlend blauem Himmel nicht. Timm hat zwei Griffe an Seilen, mit denen er uns offenbar möglichst schnell der Erde entgegen lenkt. Durch diesen Sinkflug bekomme ich erst ein flaues Gefühl im Magen, dann wird mir schlecht.

chili-Autor Florian zurück auf dem Boden: Die Übelkeit bei der Landung ist verflogen und löst sich auf in ein unbeschreibliches Glücksgefühl.

In unserer Nähe sehe ich die vier Schirme der Einzelspringer große Kreise ziehen. Timm verzichtet darauf – es geht vergleichsweise zügig nach unten. Zumindest mein Magen dankt es ihm. Seine Worte: „Wir landen gleich, zieh die Beine an“ sind herzlich willkommen.

Aber so einfach ist das gar nicht. Die Gurte sind total fest angezogenen. Und so bin ich allen Warnungen und der Leichtigkeit der Trockenübungen zum Trotz am Ende doch mit meinen Füßen am Boden, als wir landen. Mit ein paar schnellen Schritten kann ich aber immerhin noch verhindern, dass Timm auf mir landet, und dafür sorgen, dass wir eine Sekunde später beide auf dem Boden sitzen.

Ich bin vor allem erst mal erleichtert, dass es geschafft und mir nichts passiert ist. Die Übelkeit wird von einer Sekunde auf die nächste weggepustet von einem Euphorie-Schub. Die Eindrücke des freien Falls sind sofort wieder präsent. Das Gefühl ist unbeschreiblich – und den Sprung und die Überwindung auf jeden Fall wert.

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