Männersache

Eine wichtige Frage: Ist ein Drei-Tage-Bart erlaubt?

Wietzen - „Vielleicht sollte ich mir mal eine Gesichtsmaske besorgen“, denke ich, als ich meine müden Augen im Spiegel sehe. Klar, das wär bestimmt das Richtige.

Ein Blick in den Badezimmerschrank offenbart mir, dass ich zwar vieles besitze, aber eine Maske ist nicht dabei. Ich finde Bodylotion, Selbstbräuner, Haarschaum, Haargel, Haarspray, Rasierschaum, vier verschiedene Rasierer, mehrere Einmalrasierer, zwei Kämme (einer für gegeltes, einer für ungegeltes Haar), Handcreme, eine Nagelpfeile, Wachsstreifen, einen Epilierer, eine Pinzette, drei Spiegel, Zahnbürsten, Zahnseide, so’n Ding zum Hornhaut schmirgeln, Babyöl, Deo, Aftershave, Lockenwickler, einen Kamm für die Lockenwickler und ein Peeling.

Ein paar Produkte benutze ich nicht mehr, manche habe ich auch nur aus Spaß gekauft. Trotzdem erschrecke ich mich beim Blick in den Schrank, und sofort stellt sich mir die Frage: Ist das die neue Männlichkeit? Bin ich metrosexuell geworden? Und wenn ja: Ist das schlimm? Haben wir uns nicht früher über solche Männer lustig gemacht? Ich bin noch nicht mal extrem. Ich habe das große Glück, dass ich mit circa einer halben Stunde im Badezimmer völlig zurechtkomme. Da gibt es ganz andere Männer.

Aber wie kommt es, dass wir einerseits die coolen Machos sein wollen, die sich im Urwald mit dem Buschmesser rasieren, andererseits aber mehr Pflegemittel besitzen als die Frauen in unserem Leben? Ich hab keine Schminke und auch nicht vor, mir welche zu besorgen, aber ich kannte mal einen Jungen, der jeden Morgen mit ungefähr drei Zentimetern Abdeckcreme im Gesicht in die Schule kam. Ich hab nichts gesagt, hab ja auch ein Herz. Vielleicht wollte er später auf ein Clowncollege und übte schon mal. Aber vielleicht war er auch nur seiner Zeit voraus.

Muss man künftig Angst haben, das halbe Gesicht seines Gegenübers an der Hand zu behalten, wenn man ihm eine klatscht? Nicht dass ich für Gewalt wäre, aber die ist doch wenigstens männlich. Sich in Discos zu schlagen, zu viel zu trinken, eifersüchtig zu sein, rumzupöbeln. Das sind zwar keine schönen Eigenschaften, aber sie unterscheiden uns von der holden Weiblichkeit, die immer wunderschön und grazil durch die Welt streift.

Wird mein Sohn irgendwann völlig selbstverständlich Lippenstift auflegen, um sich mit seinen Freunden in der Rockerkneipe zu treffen? Ich mache mir Sorgen. Natürlich hat das Ganze auch was Gutes: Viele Männer sehen nicht mehr so scheiße aus. Dafür sehen viele aber auch sehr androgyn aus. Und das macht mir noch mehr Sorgen.

Bin ich altmodisch? Ich glaube ja, denn Männer mit Lidschatten sind mir suspekt. Anfreunden will ich mich nicht mit ihnen. Ich hab mindestens eine Woche gebraucht, bis ich aufhören konnte, auf den tuntigen Ohrring eines Kumpels zu starren. „Tragen alle, hm? Schön...“ Früher war alles anders. Kosmetik war für Frauen. Männer stanken nach Schweiß und verdienten das Geld. Huah! Haben wir jetzt die Rollen getauscht? Frauen verdienen heute oft genauso viel. Müssen wir uns im Umkehrschluss jetzt rausputzen, damit die weiblichen Wesen sich für uns interessieren und für uns sorgen? Kommt bald die weibliche Revolution – Frauen gehen ins Büro, Männer hüten das Haus? Ich gebe zu, dass mich dieser Gedanke schmunzeln lässt, so recht glaub ich nicht dran.

Oder wollen Männer einfach nur endlich auch gut aussehen? Sahen wir früher nicht gut aus? Ich halte die Erfindung von Schmuckbart und Haarpflege-Produkten für ganz wichtig. Wie meinte mein Kumpel Maurice zu mir? Ein Mann ohne Bart ist nicht richtig angezogen. Aber ist ein Mann ohne Abdeckstift in der Handtasche vielleicht auch nicht richtig ausgerüstet? Brauche ich bald eine Männerhandtasche? Geht es mir besser, wenn ich mich jeden Morgen eine Stunde fertigmache und abends meine Haut zwei Stunden lang wieder freispachteln muss? Das finde ich ja nicht mal bei Frauen gut. Ich mag Mädels mit relativ wenig Schminke. Ich kenn aber auch andere. Frauen, die wie meine alte Lehrerin rumlaufen. Deren Make-up musste jeden Abend mit dem Schweißbrenner entfernt werden. Das sagte zumindest die „düstere Legende“ über sie. Und dass sie Kinder frisst, aber das ist ein anderes Thema.

Zurück zu den Männern. Zum Thema Enthaarung. Wo hat man sich zu rasieren? Klärt mich auf, ich folge gerne dem Gruppenzwang. Ich höre immer wieder von komplett haarfreien Körpern. Ich weiß, dass John Rambo , die Verrätersau, keine Haare auf der Brust hat. Ich kenne Jungs, die sich professionell die Augenbrauen zupfen lassen. Also bitte! Ich brauche keinen Pelz, um bei der Rudeljagd im Wald nicht zu erfrieren. Aber ich brauche auch keine zwei Handys und habe sie trotzdem.

Was ich dagegen dringend brauche, ist ein Körperknigge. Mit Antworten auf Fragen wie: Ist ein Drei-Tage-Bart erlaubt? Brauche ich einen Tyson-Schnitt oder so eine seltsame Trendfrisur? Verdammter Mist, vor ein paar Jahren noch hat mich meine Mutter eingekleidet. Warum können wir das heute nicht mehr so machen? Wir Männer sollten uns alle einer weiblichen Person anvertrauen und nur noch für niedere Arbeiten da sein. Die Frauen entscheiden, was wir tragen, was wir essen und was wir reden. Wir werden einfach die neuen Trendhaustiere. Wenn wir irgendwann zu alt und langweilig sind, kann man uns ja einschläfern.

Früher durften Frauen nicht mal wählen, heute bestimmen sie mein Leben. Aaaaahhh!

Philipp Schockenhoff (19 Jahre) aus Wietzen

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