Ein Mädchen namens „HÄ?!“ oder: Die Welt ist ja gar nicht leise

chili-Autorin Linda ist im Besitz eines Hörgeräts.

Verden - Seit heute bin ich nicht mehr taub. Denn seit heute bin ich im Besitz eines Hörgeräts. Der Moment, als der Akustiker zum ersten Mal diesen komischen Schlauch in mein Ohr steckte, war erschütternd. Ich finde, er hätte mich wenigstens darauf vorbereiten können, dass er eine laute und penetrante Stimme hat – wie alle anderen Menschen übrigens auch.

Aber ich habe mich nicht beschwert. Im Gegenteil, ich war so abgelenkt von den Gesprächen der anderen Personen im Laden, die ich plötzlich über den Flur und durch die geschlossene Tür hören konnte. Plötzlich konnte ich ALLES hören. Rascheln, Klicken, Brummen, Schlucklaute, Computer-Innereien, quietschende Schuhe.

Als der Akustiker mir dann die weitere Handhabung des insektenähnlichen Geräts hinter meinem Ohr erklärte, habe ich ihn nur angestarrt. Wie laut seine Stimme war! 23 Jahre lang habe ich gedacht, die Welt wäre leise. Die Leute würden absichtlich flüstern – die Schweine! – damit ich sie nicht höre. Immer wieder habe ich mich gefragt, was so schlimm an Straßenlärm oder Presslufthammern sein soll. Nein, Scherz – ganz so taub bin ich dann doch nicht.

Aber es ist doch eine ganz andere Welt, die sich mir da auf einmal eröffnet. Als ich aus dem Laden trat, war ich von Lärm umzingelt. Ich sparte mir Ohrenstöpsel und die Musik und bin durch die halbe Stadt gelaufen – um mal zu hören, wie die Welt so klingt. Wusstet Ihr, dass Rolltreppen Lärm machen? Ich war wirklich schockiert, als ich im Kaufhof bis in den obersten Stock fuhr, um ein neues Buch zu kaufen. Die waren für mich bisher immer völlig geräuschlos! Die Rolltreppen, nicht die Bücher. Letztere allerdings auch.

Mehrmals habe ich mich erschrocken herumgedreht, weil irgendwer hinter mir irgendwem etwas zugerufen hat. Zwei junge Mädchen haben mich auf dem Weg zum Hauptbahnhof mit ihren glockenklaren Stimmchen erschreckt. Zwei lauthals lachende Mittvierzigerinnen ahnten wohl nicht, dass ich wegen ihnen fast vom Bordstein gefallen wäre. Und das kreischende Kind im Wagen hat sich ein paar böse Blicke eingefangen. Wundervoll.

Als ich dann am Gleis stand und meine Bahn einfuhr, passierte wieder ein Wunder, und ich hätte gerne Happy-End-Musik eingespielt: Ganz automatisch drehte ich mich in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Ohne auch nur darüber nachzudenken, welche Bahn gerade einfuhr. Woah – räumliches Hören, es gibt Dich doch!

Den Selbsttest habe ich dann bei mir zu Hause gestartet. Mein Handy unter dem Sofa-Kissen versteckt und mich selbst angerufen. Egal, welche Stellung ich jetzt im Raum einnahm: Eine Ortung ist ab nun problemlos möglich. Und hey, das erspart mir sicher drei Jahre Lebenszeit, die ich mit Sucherei verbringe. Tjaha! Für mich ist das Erfolg auf ganzer Linie. Und Schande über das halbe Dutzend Ärzte, die nie auch nur mal auf die Idee gekommen sind, dem armen Mädchen, das man nur „HÄ?!“ nannte, ein Hörgerät zu verpassen.

Linda Remer (23 Jahre) aus Verden

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