Letzte Chance: Gunzendorf

chili-Autorin Linda.

Verden - Gunzendorf, Samstagabend. Halb zehn. Wir stehen mitten im Nichts auf einem vereinsamten Parkplatz. Vor uns eine riesige Halle mit Schuppendach, auf dem drei große Buchstaben aus dem Schnee hervorragen: S A U und die Hälfte eines Fs.

Ob das nun die subtile Aufforderung zum Trinken oder bloß eine Unterkunft für Schweine ausdrücken soll, ist mir unklar. Aber obwohl unser Vorhaben von Skepsis überschattetet ist – meine Freundin und ich sind wildentschlossen, in der Einöde auszugehen. Wir sind – zugegeben – vorurteilsbehaftet hergefahren, denn was kann sich schon Großartiges in einem Ort namens Gunzendorf ereignen? Und in einer Dorfdisco?

Meine Bedenken sind berechtigt: An den schnauzbärtigen, fetten Türstehern vorbei, gelangen wir in einen unterkühlten Garderobenbereich und werden aufgefordert, unsere Jacken abzugeben. Der Gedanke, dass wir eventuell etwas overdressed für diese Location sind, lässt sich nicht vertreiben. Nadine präsentiert der Gruppe von Dorfgören, die neben uns tuscheln, die gesamte Pracht ihres Outfits. Augen zu und durch, wimmerte ich und entblößte vor dem schmalen Publikum mein Lack-Korsett und meine auslandenden Hüften. Aus den Augenwinkeln sehe ich die offenen Münder der Jeans-Turnschuhe-T-Shirt-Fraktion.

In der Hoffnung, einen Pulk cooler Menschen zu finden, in dem wir uns verstecken können, betreten wir die Main-Hall. Ich zähle ein Dutzend Personen, von denen sich keiner die Chance nehmen lässt, einen langen Blick auf uns zwei Paradiesvögel zu werfen. Die meisten Augenpaare werden uns für den Rest des Abends nicht mehr loslassen.

Wir verbringen eine grausame halbe Stunde an der Theke. Mein Blick streift die blassen Turnschuhträger, ihre adrett gekleideten Mädels und bleibt an Nadines Rock hängen, der nicht viel mehr ist als ein Gürtel. Ihr extrem heißes Oberteil enthüllt das großflächige Tattoo auf ihrer Schulter. Und ich sehe mich selbst im Spiegel hinter der Theke. Mein enges Lack-Korsett. Schwarz geschminkte Augen. Viele Piercings. Pinke Perlenkette. Dieser kokette Lippenstift, den sonst nur Nutten tragen.

Wie es sich anfühlt, in dieser Disco zu sein, kann nur nachvollziehen, wer schon mal mitten in der Stadt seine Hose verloren hat. Nadine versucht mir klarzumachen, wie wunderbar die Situation doch eigentlich ist: Niemand hier kennt uns. Wir werden keinen einzigen dieser Leute jemals wiedersehen. Also können wir uns benehmen, wie wir wollen.

Hoch erhobenen Hauptes schreiten wir erst mal ins Bistro, und ich tue das, wofür ich mich sonst schäme: Ungeniert in der Öffentlichkeit essen. Ich bestelle Pommes mit viel Ketchup und lasse mich dabei begaffen, wie ich sie genüßlich verdrücke.

Nach einem Bier an der Theke geht’s dann endlich los: Eine Live-Band namens „Javelin“ betritt die Bühne, und der Gitarrist hat es mir angetan. Auch wenn ich später feststellen muss, dass er mindestens einen Kopf kleiner und etwa 50 Kilo leichter ist als ich. Fail. Das Bauernpublikum lässt sich nicht zu viel mehr hinreißen, als unrhythmisch mit dem Kopf zu wippen. Uns ist klar, dass wir gleich die Einzigen sein werden, die tanzen und Spaß haben werden. Als wir anfangen, uns zum Trotz aller gepfählten Personen um uns rum zur Musik zu bewegen, bildet sich ein Zuschauerkreis. Noch nie haben sich so viele Blicke gleichzeitig auf mich gerichtet. Gott sei Dank stimmen einige Zeit später doch ein paar Pärchen mit einem professionellen Fox-Trott ein.

Jetzt fühlen wir uns als Fortgeschrittene und beschließen, in den zweiten Raum der Disco zu wechseln – in die „Schlager-Area“. Und genau da fängt unser Abend erst richtig an: Wir öffnen die Schwingtür, uns kommt ein Schwall Booty-Shake-Musik entgegen, wir stürmen die Tanzfläche und präsentieren zu Justin Timberlake und Konsorten unsere Ware. Die Jungbauern, die die Tanz- zur Stehfläche umdisponiert haben, räumen schneller das Feld, als wir tanzen können, und schon nach wenigen Sekunden sind wir auch hier der Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit. „Ich häng mich an Deinen wippenden Rock / Ich häng an Deinen Lippen wie Gloss / Du bist schön und schlau / Ein studierter Gott / Bitte werd meine Frau / Du schüttelst den Kopf“, singt Peter Fox. „Ich kipp aus den Schuh’n, Sanitäter tragen mich / Ich krieg Schüttelfrost, Du bist der Arzt für mich / Gib mir ‘n Mittel, bitte schüttel Dein’ Arsch für mich...“ Wir tanzen wild und lachen uns kaputt. Darüber, dass wir uns trauen. Über diese schrecklich prollige Musik. Über betrunkene, grenzdebile Männer, die uns dumm anbaggern. Über die Blicke. Ganze Personengruppen drehen sich zu uns um, gaffen und tuscheln, als gäbe es keinen Morgen mehr.

Es ist der wundervollste Abend seit langem. Wir stellen uns vor, dass all die Menschen, die uns anglotzen, sich wegdrehen, etwas sagten und dann wieder mit riesigen Rehaugen unsere Performance anschauen, heiße Typen wären. Einen Abend als Popstar zu verbringen und mehr Aufmerksamkeit als die Band auf der Bühne zu bekommen – das hilft wirklich über alle Selbstzweifel hinweg. So ausladend mein Becken auch sein mag, so unförmig meine Oberschenkel, so splissig meine Haare, so unperfekt mein Make-up – scheißegal. Wir sind das Heißeste, was dieser Laden, dieses Dorf und der gesamte Landstrich an diesem Abend zu sehen bekommt. Ich danke für die Aufmerksamkeit. Ich bin sicher, man trifft uns doch noch häufiger in Gunzendorf.

Linda Remer (23 Jahre) aus Verden

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