Bücher im Deutschunterricht:

Die Leiden der jungen Leser

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Unsere Pflichtlektüre im Deutschunterricht ist uralt. Was sollen Schüler heute noch mit Goethe, Schiller und Kafka?

Von Jannis Hartmann (19 Jahre)

„Nathan der Weise“, „Iphingenie auf Tauris“, „Der Prozess“ – seit Jahrzehnten begleiten diese Werke Schüler durch den Deutschunterricht und haben jetzt schon bei Generationen von Jugendlichen für großen Unmut gesorgt. Die Sprache in diesen Unterrichtspflichtlektüren ist veraltet, die Handlung spielt in einer Zeit, die wir höchstens noch aus dem Geschichtsbuch kennen. Ist es da ein Wunder, dass Lehrer zu dem Schluss kommen, in unserem Alter würde keiner mehr gerne lesen?

Dabei ist die Lösung so simpel: Unsere Deutschlehrer könnten doch einfach mal moderne Literatur einsetzen. Dann würden wir das Fach bestimmt interessanter finden. Aber ist das die Aufgabe der Schule – Spaß zu vermitteln? Sollte das „Land der Dichter und Denker“ von der großen Weltliteratur im Deutschunterricht abrücken und sich dem Zeitgeist öffnen? Oder lässt sich beides miteinander vereinbaren?

„Effi Briest“ kann man als unnötig lang empfinden, „Iphigenie auf Tauris“ als würdigen Valium-Ersatz, und spätestens bei „Die Leiden des jungen Werther“ erwägt man ernsthaft, es dem suizidsehnsüchtigen Protagonisten gleich zu tun. Nein, Deutschunterricht macht nicht immer Spaß. Selbst Schüler, die angeben, privat gern und viel zu lesen, tun sich schwer, einen Zugang zu dieser angestaubten Literatur zu finden.

Verwunderlich ist das nicht: Die Schaffenszeit von Lessing, Goethe und Schiller liegt weit zurück. Sie sind Abbilder eines Zeitgeistes, mit dem wir heute augenscheinlich nicht mehr viel zu tun haben. Das zeigen uns die Sprache, in der die Werke geschrieben sind, und die Themen, die behandelt werden.

Ich saß rat- und fassungslos vor „Iphigenie auf Tauris“ und hatte keine Idee, was mir das Werk sagen soll. Iphigenie versucht darin unter anderem, ihrem Bruder zu helfen, sich vom „Tantalidenfluch“ zu befreien, und ich war wirklich bemüht, Goethe zu verstehen. Ich habe alles versucht. Mir den kompletten Original-Text als Hörbuch angehört. Was es gebracht hat: Nichts als Ratlosigkeit. Was hätte unsere Klasse verpasst, wenn wir stattdessen einen modernen Roman gelesen hätten? Einen, der in einer für die heutige junge Generation verständlichen Sprache geschrieben ist und in ebenso einer Welt spielt?

Der letzte Rettungsanker, an den man sich halten kann, ist: Diese alten Bücher gehören zur Weltliteratur. Das bringt uns jetzt nichts, aber später kann man sie vielleicht als Allgemeinwissen anführen. Und manches verhasste Buch erweist sich als wertvoller Zeuge einer damaligen Zeit mit ihren Normen und Konventionen. Aber sind Zusammenfassungen und Filme nicht auch (vielleicht sogar viel bessere) Alternativen, sich dieses Wissen anzueignen? Selbst Marcel Reich- Ranicki gab an, Verfilmungen von Werken für sinnvoll zu halten. Aber nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung.

Eins ist klar: Bücher im Unterricht sind mehr Mittel als Zweck. Die (tatsächlich auch für mich) spannende Phase im Deutschunterricht ist ja immer die, in der begonnen wird, über die Botschaft zu sprechen und zu interpretieren. Dann ist es meist egal, ob man das Buch überhaupt gelesen hat (und wenn wir ehrlich sind, tun das doch die wenigsten). Meist haben Zusammenfassungen dafür gesorgt, dass wir über den Inhalt Bescheid wissen und an den Diskussionen teilnehmen können. Viele Schüler wählen den Deutsch-Leistungskurs wegen des „freien, kreativen Arbeitens mit der Lektüre“. Weil wir alle wissen, dass Verfilmungen, Zusammenfassungen und Ausschnitte ausreichen, um damit arbeiten zu können.

Ein Weg, die alten Werke nicht zu vernachlässigen und eine Brücke zur heutigen Zeit zu schlagen, könnte es sein, uns moderne Literatur mit klassischer vergleichen zu lassen. So würde uns der Unterricht Hintergrund und Geschichte vermitteln, sich aber gleichzeitig dem heutigen Zeitgeist öffnen und Probleme der Gesellschaft im 21. Jahrhundert erfassen und bearbeiten.

Im Englischunterricht geht das ja auch. Natürlich werden da die Klassiker „Lord Of The Flies“ und „Macbeth“ gelesen, aber meine Englisch-Lehrer haben auch immer wieder sehr moderne Literatur eingebaut, wie beispielsweise „The Reluctant Fundamentalist“ von Mohsin Hamid. Darin erzählt ein fiktiver Pakistani von seinem Leben in den USA um den 11. September 2001 herum. Oder wir haben weit zurückliegende Themen wie die Sklaverei in den Südstaaten mit Veröffentlichungen des Journalisten John Howard Griffin („Black Like Me“) verbunden, der Ende der 50er Jahre undercover als vermeintlich dunkelhäutiger Bürger in den Südstaaten Amerikas Arbeit suchte. Und schon war dieses alte Thema mit aktuellen Beispielen von Rassismus für uns greifbarer. Der einzige Unterschied zum Deutschunterricht ist, dass die Sprache im Vordergrund stand und Interpretationen und Analyse da eher zweitrangig sind.

Der aktuelle Lehrplan in Großbritannien zeigt aber, dass es sehr wohl möglich ist, mit Literatur zu arbeiten, die Jugendliche aktuell beschäftigt, und sie ebenso inhaltlich zu analysieren und zu interpretieren, wie man das von gängigen Werken der Weltliteratur gewohnt ist. So wird in England seit einigen Jahren – sehr zur Freude der Schüler – im Abitur „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ behandelt. Selbstverständlich sorgte es für Wirbel, die Bestseller von J. K. Rowling den Werken von Shakespeare gegenüberzustellen. Einen „Verfall der Kultur“ konnten die Kritiker bisher aber nicht nachweisen. So müssen sie nun akzeptieren, dass die britische Regierung entschieden hat, dem Zeitgeist eine Tür im Lehrplan zu öffnen. Sowas wünsche ich mir hier auch.

Meine Deutsch-Lehrerin in der achten Klasse hat uns „Biedermann und die Brandstifter“ vorspielen lassen. Eine nicht ganz so trockene Methode, sich dieser alten Literatur zu nähern und sie auch zu verstehen. Später in der Oberstufe kamen dann die wirklich harten Brocken. Ich persönlich muss aber auch sagen, dass ich froh bin, einige große alte Werke gelesen zu haben. Auch wenn ich es gezwungenermaßen getan habe. Ich fand es ätzend, mich durch den Briefroman zu quälen, an dessen Ende sich der junge Werther umbrachte. Heute, nur ein paar Jahre später, erscheint mir die Geschichte aber doch sehr herzzerreißend. Und wenn ich jetzt in einem Artikel über das Nachahmen von in den Medien publik gemachter Selbstmorde unter Teenagern vom „Werther-Effekt“ lese, dann bin ich meinem Deutschlehrer etwas dankbar. Hätte ich dieses Buch nicht lesen müssen, wüsste ich mit dem Wort nichts anzufangen.

Auch ohne „Der Prozess“ hätte ich nur raten können, was gemeint ist, wenn jemand etwas als ‚kafkaesk’ bezeichnet. Und auch die in Philosophie gelernten Grundbausteine der Freud’schen Psychoanalyse hätte ich nie auf einen exemplarischen Fall anwenden können, wenn wir nicht Texte von Franz Kafka gelesen hätten.

Die alte Weltliteratur ist also doch nicht komplett unwichtig für unser Leben. Aber am Zugang, den wir dazu finden sollen, müssen unsere Lehrer noch arbeiten. Sie werden den Großteil von uns nur erreichen, wenn sie uns vermitteln können, welche Aktualität und Lehren für unser heutiges Leben noch in dem staubigen Stoff stecken. Und das geht am besten auf lebendige Weise – ob man dazu nun Jugend-Bücher, Filme oder neue Medien heranzieht.

In Großbritannien hat man sich diesen Schritt getraut. Und ich bin sicher, die Schulen in Deutschland können das auch.

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