„Ich darf hier NICHT in Hotpants rumlaufen“

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Frauen in Indien müssen in der Öffentlichkeit immer Schultern, Beine und Busen bedecken.

Alle vier Jahre muss Eva (15) als Diplomaten-Tochter umziehen. Zurzeit lebt sie in Indien und versucht, mit Lärm, Gestank und einer komplett anderen Kultur klarzukommen. Das ist nicht immer einfach...

Eva Poelmann (15 Jahre) ist eigentlich ein ganz normales Mädchen – bis auf dass sie Tochter eines Diplomaten ist. Alle vier Jahre muss sie mit ihrer Familie in ein anderes Land ziehen. Immer wieder Abschied nehmen von Freunden und neue Bekanntschaften knüpfen, ist deswegen für Eva fast schon normal geworden. Seit Sommer 2013 lebt sie jetzt in Indien und besucht eine internationale Schule in Bangalore. chili-Praktikantin Merle Dreyer aus Bruchhausen-Vilsen hat mit Eva über Bombenabwürfe in Pakistan, ihre Heimat und Übergriffe auf Inderinnen gesprochen.

Du bist Diplomaten-Tochter. Was heißt das eigentlich? „Mein Vater arbeitet bei der Botschaft, das macht ihn zu einem Diplomaten. Alle vier Jahre wird er in ein anderes Land versetzt und wir müssen umziehen. Das kann sehr stressig sein. Im Moment arbeitet mein Vater für das Deutsche Konsulat in Bangalore/Südindien.“

Was ist ein Konsulat? „Das ist im Prinzip eine Botschaft. Der einzige Unterschied ist, dass ein Konsulat nicht in der Hauptstadt liegt. Die Botschaft hat seinen Platz nämlich in Neu-Delhi. In Bangalore stellt mein Vater zum Beispiel Indern, die nach Deutschland wollen, Visa aus.“

Wie war Dein erster Eindruck von Indien?  „Vieles hier hat mich gestört, weil es einfach ganz anders ist. Bangalore ist eine Großstadt und hat mehr als vier Millionen Einwohner. Es ist sehr laut, dreckig, riecht sehr komisch und ist sehr heiß. Gut finde ich aber, dass es in Indien mal eine ganz andere Kultur gibt, als in den vorherigen Länder, in denen ich schon war.“

Eva Poelmann

Wo warst Du schon überall? „Also ich bin in Afrika  geboren, danach sind wir für ein paar Monate nach Deutschland gezogen. Dann haben wir vier Jahre in Italien verbracht. Anschließend sind wir wieder kurz nach Deutschland und von da aus für vier Jahre nach Dänemark gezogen. In Pakistan haben wir auch drei Jahre gewohnt. Wegen eines Vorfalls sind wir dann aber wieder für ein Jahr nach Deutschland gezogen und danach haben wir vier Jahre in Riga/Lettland gewohnt. Und seit letztem Sommer leben wir jetzt in Bangalore in Indien.“

Was war das für ein Vorfall in Pakistan? „Es gab dort ein richtig starkes Erdbeben. Seitdem wurde es dort dann immer riskanter. Auch weil es immer wieder Bombenanschläge gab. Meine Mutter ist deshalb mit meinen Geschwistern und mir kurzfristig nach Deutschland gezogen. In Pakistan wurde es einfach zu gefährlich für uns.“

Magst Du Dein Leben jetzt in Indien? „Manchmal ist es für mich schwierig in Indien, weil ich oft von Indern komisch angeguckt werde. Schließlich gibt es hier nur selten Menschen mit heller Hautfarbe. Aber mit der Zeit habe ich mich daran gewöhnt. Manche Inder kommen mir sehr abweisend und unsympathisch vor, weil sie mich so komisch angucken. Manche fragen sogar, ob sie ein Foto mit mir machen dürfen.“

Wie ist Indien im Vergleich zu anderen Länder, in denen du schon warst? „Das Leben hier ist sehr gewöhnungsbedürftig. Hier ist alles sehr laut, unhygienisch und groß. Lettland war im Vergleich zu Indien ein sehr kleines Land. Dort war es sehr einsam und schön. Und ich bin nicht so sehr aufgefallen wie hier.“

Fiel es Dir schwer, in Indien Freunde zu finden?  „Nein, in meiner Schule war das sehr einfach. Die Leute, die in meine Klasse gehen, wissen ja, wie es ist, alle paar Jahre umzuziehen. Viele sind auch Diplomaten-Kinder.“

Hast du noch Kontakt zu Freunden aus anderen Ländern?  „Ja, zu Freunden aus Deutschland und aus Lettland. Wir schreiben über Soziale Netzwerke und skypen. Da sie aber auch immer umziehen, ist es sehr schwer, dass wir uns mal wiedersehen. Wir sprechen da zwar immer mal wieder drüber, aber ob es mal klappt, weiß ich nicht.“

Welches Land ist Deine Heimat? „Oh, das ist ziemlich schwierig. Ich bin ja deutsch, aber ich habe noch nie richtig in Deutschland gewohnt. Ich versuche mir immer diese vier Jahre, in denen ich in einem Land wohne, so schön wie möglich zu machen. Und mich heimisch zu fühlen.“

Hast Du es schon mal verflucht, Tochter eines Diplomaten zu sein?  „Ja. Es ist zwar sehr schön, immer wieder zu reisen, viel von der Welt zu sehen und neue Leute kennenzulernen, aber ich würde schon gerne mal an einem Ort bleiben, den ich als mein Zuhause bezeichnen kann.“

Willst Du später auch noch so viel reisen oder an einem Ort bleiben? „Ich kenne es ja nicht anders, weil ich reise, seitdem ich denken kann. Ich glaube, es würde schon komisch für mich sein, an einem Ort fest zu wohnen. Am besten kann ich mir eine Mischung aus beidem vorstellen. Sodass ich irgendwo mal fest wohne, aber in den Ferien auch für längere Zeit verreise.“

Wie fühlst Du Dich, wenn Du wieder mal umziehen musst? „Es ist bei jedem Abschied schwer, weil ich natürlich meine Freunde nicht verlieren will. Aber je öfter ich umziehe, desto leichter wird der Abschied für mich. Es ist Teil meines Lebens.“

Immer wieder hört man in den Nachrichten von Übergriffen auf Frauen in Indien. Hattest Du als Mädchen schon mal Angst? „Ja, deswegen laufe ich eigentlich auch nicht alleine in der Stadt herum. Ich muss sehr vorsichtig sein, weil ich durch meine Hautfarbe alleine schon sehr auffalle. Ich muss mich hier bedeckter anziehen als in Deutschland, weil ich sonst gegen religiöse Verschriften verstoße. Ich darf hier zum Beispiel nicht in Hotpants rumlaufen. In der Stadt hängen viele Plakate, die darauf hinweisen, dass man sehr vorsichtig sein soll, und es werden Selbstverteidigungskurse für Frauen angeboten.“

Was ist der lebensnotwendigste Satz auf Indisch? „Hier in Indien werden richtig viele Sprachen gesprochen. Man ist sich eigentlich nie sicher, welche Sprache derjenige spricht, mit dem man sich unterhalten will. Die Sprache zu lernen ist sehr schwierig, aber das braucht man gar nicht, weil alle Englisch sprechen können. Wenn man sich auf Englisch gut unterhalten kann, kommt man hier auch gut durch. Das ist viel besser als in Lettland, weil hier einfach alle Englisch können – auch wenn es sich ein bisschen komisch anhört, wenn manche Inder Englisch sprechen. Die haben einen komischen Akzent.“

Wie lautet Dein Fazit über Indien?  „Auf den ersten Blick ist Indien sehr dreckig, laut und der Verkehr ist eine Katastrophe. Aber mit der Zeit sieht man die schönen Sachen – zum Beispiel, dass die Preise hier sehr niedrig sind. Am Anfang hat bestimmt jeder erstmal einen schlechten Eindruck von Indien, aber wenn man dann hier wohnt, gewöhnt man sich einfach an vieles.“

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