„Für die Richtige ist meine Behinderung kein Problem“

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„Auto fahren ist für mich das Gefühl von purer Freiheit“, sagt Lars.

Delmenhorst – Von Marc Stehr und Rebecca Göllner - Wir treffen Lars Holldorf im Haus seiner Eltern in Delmenhorst. Er bietet uns Getränke an, wirkt nett und offen. Auch im Gespräch macht der 20-Jährige den Eindruck, mit seinem Leben insgesamt gut klarzukommen.

Lars’ rechte Körperhälfte ist gelähmt. Die Folge eines Schlaganfalls, den er als kleiner Junge erlitt. Jährlich haben laut Statistik etwa 400 Kinder und Jugendliche in Deutschland einen Schlaganfall. Die Dunkelziffer liegt noch weitaus höher, vermuten Experten. Denn nicht immer wird ein solcher Anfall sofort erkannt – oder schlimmer: Oft stellen die Ärzte zunächst eine falsche Diagnose.

Seit 2001 beschäftigen sich Christin Fischer und Monika Daseking von der Uni Bremen, Abteilung Kinderambulanz, mit dem Thema „Schlaganfall im jungen Alter“. Bei ihrem in Deutschland einzigartigen Projekt machen etwa 250 Familien mit. „Eine der wohl größten Populationen weltweit“, glaubt Monika Daseking.

Vor Ort erhalten die Familien, die zum Teil weite Wege nach Bremen auf sich nehmen, wertvolle Tipps für den Umgang mit der Diagnose Schlaganfall. „Die Gründe, warum junge Menschen einen Anfall erleiden, sind ganz unterschiedlich“, sagt Monika Daseking. Zu etwa 20 Prozent seien angeborene Herzerkrankungen schuld, aber auch Entzündungen nach Windpocken führten nicht selten zu einem Schlaganfall. Manchmal gebe es auch bestimmte genetisch bedingte Anlagen, „und ein harmloser Schnupfen löst die Kette aus“, sagt Daseking. Der kindliche Schlaganfall wird häufig viel zu spät erkannt. Passiert der Apoplex, wie Mediziner umgangssprachlich auch sagen, zum Beispiel schon im Mutterleib, erkennen Eltern und Ärzte die dadurch verursachten Lähmungserscheinungen oft erst bei den ersten Gehversuchen des Kindes. Außerdem seien die Symptome untypisch und nicht mit denen von Erwachsenen zu vergleichen. „Es ist ein ewiger Kampf der Eltern um eine Diagnose. Sie werden häufig nicht ernst genommen“, kritisiert Monika Daseking.

Dennoch will sie kleinen Arztpraxen keinen Vorwurf machen: „Sie sind auf solche Fälle einfach nicht vorbereitet.“ Daseking und Fischer schauen sich die Jugendlichen ganz genau an, testen ihre kognitiven Fähigkeiten und achten auf das Benehmen. Nicht selten stellen sie Verhaltensauffälligkeiten fest. „Oft sind die Betroffenen nicht in der Lage, ihre Emotionen zu steuern“, beschreibt Monika Daseking. Sie seien dann beispielsweise sehr aggressiv oder labil. „Die entsprechenden Gehirnbereiche sind durch den Schlaganfall geschädigt worden“, erklärt Christin Fischer weiter. Neben den körperlichen Beeinträchtigungen sind es auch die psychischen, die das Leben der Patienten schwer machen.

Lars aus Delmenhorst ist weder aggressiv noch labil. Der 20-Jährige erlitt seinen Schlaganfall nach einer Nieren-Operation mit vier Jahren. Die behandelnden Mediziner ahnten damals nichts von seiner erhöhten Thrombose-Neigung. Ein Blutgerinnsel wanderte zum Gehirn und löste den Anfall aus. Seine Mutter erkannte als erste, dass etwas nicht stimmte. Lars konnte seinen rechten Arm nicht mehr anheben. Nicht einmal spüren. Aber auch dann reagierten die Ärzte nicht schnell genug. Die nötigen Medikamente bekam Lars erst nach einem halben Tag. „Hätte ich noch in derselben Nacht Medikamente bekommen, wäre meine Lähmung nicht so schlimm, wie sie ist“, sagt er. Erst nach seinem Anfall stellte man an der Uni Münster seine Thrombose- Anfälligkeit fest. Leider zu spät. Lars lebt jetzt seit 16 Jahren mit einer halbseitigen Lähmung. Er hat gelernt, damit umzugehen. An die Zeit vor dem Schlaganfall erinnert er sich kaum. Nur seine Eltern können ihm davon erzählen.

Er war vorher Rechtshänder, nun erledigt er alles mit der linken Hand. „Ich kann froh sein, dass das alles vor der Einschulung war, so konnten die Lehrer sich darauf einstellen“, meint der Delmenhorster. Lars besuchte von vornherein eine ganz normale Schule. Allerdings war während der Schulzeit nicht alles ganz einfach. Er hatte vor allem mit Hänseleien zu kämpfen. „Wie das halt so unter Kindern ist“, nimmt er seine früheren Mitschüler fast in Schutz. Die äfften seinen humpelnden Gang nach. „Aber das hat mich dazu gebracht, mir ein dickes Fell anzulegen und ein loses Mundwerk zu bekommen“, meint der 20-Jährige. Heute steht er über blöden Sprüchen, ignoriert sie einfach.

Lars besucht die zwölfte Gymnasialklasse an der Berufschule, möchte dort sein Abitur und danach eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolvieren. In seiner Freizeit spielt er Tischtennis, sitzt am Computer und ist im Schützenverein. Das hat Familientradition, „schon seit vier Generationen“. Lars tut all das, was Gleichaltrige ohne körperliche Behinderung auch tun – er ist ein ganz normaler Jugendlicher. Außerdem engagiert er sich bei der Deutschen Schlaganfall-Hilfe. Im Herbst 2011 machte er dort ein Praktikum und erfuhr zum Beispiel, dass es in Deutschland 480 Selbsthilfegruppen gibt. Lars ist es wichtig, auf den kindlichen Schlaganfall aufmerksam zu machen, die Leute dafür zu sensibilisieren.

Noch zu viele würden glauben, dass nur alte Menschen davon betroffen sind. Wenn er auf seine körperliche Behinderung angesprochen wird, erklärt er deshalb immer gerne seine Situation. „Wer so etwas hat, der muss auch Aufklärungsarbeit leisten“, sagt der 20-Jährige. Ob er sich manchmal wünscht, ohne die Lähmung zu leben? „Doch, klar, das kommt schon mal vor“, sagt Lars. In stillen Momenten, wenn er Zeit zum Nachdenken hat. „Von 1.000 Kindern erleidet nur eins einen Schlaganfall, und dieses Mal war ich es nunmal“, erklärt er tapfer. Nur wenn er seinen vier Jahre älteren und gesunden Bruder erwähnt, spürt man ein wenig Wehmut. „Er lebt völlig normal, spielt Fußball und studiert“, sagt Lars. Fast hört es sich so an, als würde er manchmal gerne mit ihm tauschen. Was er gar nicht braucht, ist Mitleid. Er habe einen gewissen Stolz entwickelt und versuche, erst mal die Dinge selbst zu regeln. Nur wenn es unbedingt sein muss, lässt er sich von anderen helfen. Seinen Eltern will er so wenig wie möglich zur Last fallen. Mit der Zeit hat er sich kleine Tricks ausgedacht, die den Alltag erleichtern. Lars hat zum Beispiel ein Anti-Rutsch-Brett, mit dem er sein Brot problemlos selbst schmieren kann. Seit einiger Zeit besitzt er auch ein eigenes Auto. Es musste zwar teuer umgebaut werden, aber das war es ihm wert. „Auto fahren ist einfach ein cooles Gefühl“, sagt Lars. „Für mich ist es das Gefühl von purer Freiheit.“ Am Wochenende geht er ganz normal mit seinen Freunden feiern. „Meine Freunde kennen mich ja so und haben gelernt, damit umzugehen.“

Sie behandeln Lars wie jeden anderen. Auf der Tanzfläche ist er immer vorne mit dabei. Nur beim Getränkeholen benötigt er Hilfe, mehrere Gläser auf einmal kann er mit nur einer Hand nicht tragen. „Bei mir in der Clique passen alle aufeinander auf“, berichtet Lars. Und wer mit seiner Behinderung nicht klarkomme, sei kein wahrer Freund. Genauso offensiv geht der 20-Jährige mit dem Thema Liebe um. Zurzeit ist er Single. „Ich hatte schon Beziehungen, aber gerade ist kein passendes Mädchen da.“ Angst, alleine zu bleiben, hat Lars aber nicht. Er ist zuversichtlich: „Wenn die Richtige kommt, dann ist meine Behinderung kein Problem für sie.“

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