Kreativität ohne Vorgaben: ein Besuch im „Kunst Club“ Bremen

Bremen – An jedem Donnerstagabend macht sich Annika Koch mit Bus und Bahn auf den fast einstündigen Weg zur Bremer Weserburg. Im „Kunst Club“ trifft die 17-Jährige aus Horn Gleichgesinnte: Jugendliche von 15 bis Anfang 20, die sich für Kunst interessieren.

Annika hat ihre Leidenschaft bei einem Schüleraustausch mit den USA entdeckt – und, zurück in Deutschland, die Schule gewechselt, um Kunst als Leistungskurs wählen zu können. „Da lern ich total viel“, ist sie sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Trotzdem sehnt sie sich manchmal danach, freier arbeiten zu können – weniger nach den Vorgaben des Lehrers. „In den USA wird das anders gehandhabt als hier“, erzählt sie. „Den Schülern wird, wenn überhaupt, nur ein grobes Thema vorgegeben. Die Entscheidung, was sie daraus machen, liegt bei ihnen.“

Im „Kunst Club“ kann Annika ausprobieren, wozu sie im Unterricht und zu Hause keine Gelegenheit hat, sich über Probleme austauschen und über ihr Lieblingsthema mit Gleichaltrigen fachsimpeln. Im Moment arbeiten die Jugendlichen an einem Projekt, an dem auch Annikas Gymnasium beteiligt ist: „Schnittstelle. Kunst Club Bremen trifft Schule“, lautet das Motto. „Wir haben für die Neuntklässler vom Gymnasium Horn eine interaktive Führung durch die Weserburg organisiert“, erzählt Annika. „Die Schüler haben sich dadurch inspirieren lassen und stellen seitdem schon monatelang selbst Kunstwerke im Unterricht her – und zwar ganz ohne Vorgaben.“ „Es sind vor allem plastische Arbeiten geworden. Aber die Schüler haben auch Performances einstudiert“, erzählt Parlote Muzlijaj. Das 18-jährige „Kunst Club“-Mitglied geht seit einem Jahr auf die Bremer Wagenfeld-Schule, wo die Fächer Kunst, Design und Grafik im Vordergrund stehen. „Später möchte ich am liebsten Innenarchitektin werden“, erzählt sie.

Der „Kunst Club“ bereitet eine Ausstellung der Werke der Neuntklässler aus Horn in der Weserburg vor. „Wir arbeiten gerade an einem Katalog, in dem wir die Werke der Schüler präsentieren wollen“, sagt Farina Ulmer. Die 16-Jährige ist mit der Kunst aufgewachsen: Ihr Vater gibt als Professor Vorlesungen in seinem und Farinas Lieblingsfach. Sie schaut sich gerne Werke an und beschäftigt sich intensiv mit Kunst und Künstlern. Am liebsten zeichnet sie aber selbst. „Wenn mir eine Idee kommt – egal, ob nachts im Bett oder beim Fahrrad fahren – dann hol ich sofort Block und Stift raus und fang an zu malen. Oft kommt mir nach den ersten Strichen dann aber schon wieder eine andere Idee, ich zerreiß das Blatt und fang noch mal neu an.“ Farina ist sicher, dass sie beruflich später was mit Kunst machen wird – was genau, weiß sie aber noch nicht. Neben dem Zeichnen schreibt sie auch Kurzgeschichten. „Hauptsache, ich kann kreativ sein“, sagt sie lachend.

Philip Bielenberg (20) und Mathias Sonnhoff (19) sind von ihrem ursprünglichen Plan, das Hobby Kunst mit dem Beruf zu verbinden, wieder abgekommen. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Blindenschule will Philip ein Studium im Bereich soziale Arbeit anfangen. Mathias hofft auf einen Medizin-Studienplatz. Beide sind schon jahrelang im „Kunst Club“, den die Kunsthistorikerin Britta Petersen 2005 gegründet hat – damals noch in der Kunsthalle, in die die Gruppe im Sommer nach Beendigung der derzeitigen Umbauarbeiten zurückzieht. „Wir haben schon richtig geile Projekte auf die Beine gestellt“, sagt Philip, der am liebsten auf comic- artige Weise Menschen zeichnet. „Britta hat zum Beispiel einen Akt- Mal-Kurs für uns organisiert. Außerdem haben wir zusammen Kurzfilme gedreht und bei der ,Nacht der Museen‘ ganz professionell Führungen geleitet.“

Philip merkt man die Begeisterung für sein Hobby an. Kunst ist eben toll – da sind sich hier alle einig. Dafür gehen die Meinungen und Gedanken der Jugendlichen beim Betrachten eines Werks oft auseinander. „Das ist ja das Schöne an der Kunst“, sagt Mathias. „Ein Kunstwerk kann bei verschiedenen Betrachtern ganz unterschiedliche Assoziationen hervorrufen.“ Das wollten die jungen Künstler bei ihrer interaktiven Führung auch den Horner Gymnasiasten nahebringen. Sie stellten eine Statue, die laut Künstler auf Himmel und Hölle verweist, als Gitarrenspieler dar und ließen die Schüler aus einem Haufen Müll ein Kunstwerk zaubern.

Die Neuntklässler bekamen bei dem ungewöhnlichen Museumsrundgang auch selbst viele Ideen. Sie stellten etwa Pinselfinger her – fast meterlange Verlängerungen des eigenen Körpers, mit denen man seine Körperlichkeit und den Raum um sich herum plötzlich ganz anders und neu erfährt.

„Es sind schon so viele tolle Sachen im Unterricht entstanden, die die Schule uns geschickt hat.“ Parlote denkt zum Beispiel an einige Fotos. „Für die Ausstellung eine Auswahl zu treffen, wird uns echt schwerfallen.“ Um mit den Schülern über ihre und Kunst im Allgemeinen ins Gespräch zu kommen, steht ein Besuch der „Kunst Club“- Mitglieder im Unterricht an. „Wir schauen ihnen auch ein bisschen bei der Arbeit über die Schulter“, sagt Farina.

Bis zur Ausstellungseröffnung im Mai liegt noch viel Arbeit vor den Jugendlichen. Sie wollen die Werke der Schüler auffallend, ansprechend und kurios präsentieren. Schon jetzt wissen sie: „Anfassen wird den Besuchern der Ausstellung ausdrücklich erlaubt sein.“

Anja Nosthoff (25 Jahre) aus Heiligenfelde

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