„Kleine Verletzungen sind wichtig“ ...

Parcours

Bremen – Finns Fitnessstudio ist die Schlachte. Jeden Donnerstag Abend trainiert er an der Bremer Weserpromenade. An der drei Meter hohen Mauer. An Geländern. An Treppen. An allem, was die Umgebung ihm bietet.

Finn Fasse ist Traceur, seine Sportart heißt Parkour. Der 16-Jährige aus Lilienthal versucht, Hindernisse so schnell wie möglich, aber mit kleinstmöglichem Kraftaufwand zu überwinden. Als wenn er auf der Flucht wäre. Finn trainiert mit Freunden. Oft werden die Jungs von Passanten angesprochen, die sich fragen, ob sie gerade Zeugen einer Verfolgungsjagd geworden sind. Finn erklärt dann, was es mit Parkour auf sich hat. Manche Erwachsene reagieren fasziniert, manche skeptisch. Einige fragen, ob die Traceure nicht mal eben einen Salto zeigen können. Dann erklärt Finn, dass Artistik eigentlich nicht der Sinn von Parkour ist: „Da geht’s um schnelle, effiziente Fortbewegung, nicht um akrobatische Tricks oder sowas.“

Finn nimmt Anlauf, tritt sich an der drei Meter hohen Wand ab, hängt sich an die Mauer und stemmt sich mit den Armen hoch, bis er das Hindernis erklommen und schließlich überwunden hat. Ganz ungefährlich ist das nicht. „Wichtig ist, dass man seine Grenzen kennt. Man muss sie vorher am Boden oder in der Halle genau austesten“, sagt Finn.

Zum Beispiel, indem man ausprobiert, wie weit man am Boden springen kann, und indem man Entfernungen genau abschätzen lernt. Auch das richtige Fallen und Abrollen zu üben ist wichtig. „Unser Motto beim Training ist: Kleine Verletzungen sind wichtig, um größere zu vermeiden“, erklärt Stephan Nägler. Er leitet in Bremen das Hallentraining und die Workshops, die in die Sportart einführen (siehe auch www.parkour-team.de). „Das eigentliche Parkour findet dann irgendwann draußen statt“, sagt Stephan. „Dafür wurde die Sportart erfunden – um natürliche Hindernisse zu überwinden.“

In den Städten sind natürliche Hindernisse nicht nur Baumstämme, Gräben oder Bäche. Sondern eben auch Zäune, Mauern, Geländer, Treppen oder Gebäude. Die Traceure benutzen und überwinden die Hindernisse – aber nie verändern oder beschädigen sie etwas. Trotzdem müssen sie sich vorher informieren, wo sie üben dürfen. „Es ist oft gar nicht so einfach, im öffentlichen Raum geeignete Plätze oder Strecken zu finden“, sagt Domenik Büsing. Der 22-jährige Bremer Techno-Mathematik- Student ist durch einen Freund zum Parkour gekommen. „Schnell war klar, dass das meine Sportart ist. Ich hab vorher schon viel ausprobiert, bin aber nie lange dabei geblieben.

Irgendwann wurde es halt immer langweilig. Bei Parkour nicht. Da gibt es unendlich viele Sprünge und Techniken, und man kann sich ja immer wieder neue Hindernisse suchen“, schwärmt er. Mittlerweile trainiert Domenik drei Mal in der Woche. In der Halle übernimmt er auch Workshops und Trainingseinheiten und führt in die Sportart Parkour ein. Sogar Kinder können schon mit dem Hallentraining anfangen, wobei die Sicherheit an erster Stelle steht.

Die Älteren, die genau wissen, was sie sich zutrauen können, suchen sich oft lieber draußen ihre Hindernisse. Jannis Ewert und Vincent Holscher sind seit über einem Jahr beim Hallentraining dabei. Die beiden 14-Jährigen aus Stuhr haben sich entschlossen, jetzt auch draußen zu trainieren – angespornt durch Finn und Domenik. „Das ist bestimmt ‘ne ganz neue, spannende Erfahrung“, meint Jannis. „Aber in der Halle ist mir bis jetzt auch noch nie langweilig geworden.“

Ihn fasziniert auch das Freerunning. Jannis erklärt: „Das hat einen etwas anderen Hintergrund als das Parkour laufen. Beim Freerunning geht es nicht nur darum, Hindernisse zu überwinden, sondern es soll auch möglichst spektakulär aussehen. Zum Beispiel durch einen Salto oder eine Drehung. Bei Parkour geht es dagegen um die Effizienz.“ Der Stuhrer will daher demnächst – auch erst mal in der Halle – Freerunning-Elemente ausprobieren. Kleine Narben erinnern Domenik, Finn, Jannis und Vincent immer daran, sich nicht zu überschätzen. „Vor allem das Schienbein hat es bei mir am Anfang ganz schön abbekommen“, sagt Finn. Mit dem Schienbein im Sprung gegen eine harte Betonmauer zu stoßen – das tut weh. Durch ihr regelmäßiges Training haben sich die Jungs außerdem an den empfindlichen Handinnenflächen eine Hornhaut erarbeitet. Die hilft beim Erklimmen von Mauern oder beim Entlanghangeln an Stangen oder Geländern.

An einem langen Trainingstag – es können schon mal acht Stunden im künstlich aufgebauten Parcours auf Funsportmessen wie der Bremer „Passion“ sein – lassen sich Blasen an den Händen trotzdem nicht ganz vermeiden. „Aber die gehen bald wieder weg“, weiß Domenik aus Erfahrung. Er grinst: „Und die rauen Hände werden mit ein bisschen Handcreme auch wieder weicher, damit sich die Freundin nicht beschwert.“

Anja Nosthoff (25 Jahre) aus Wildeshausen

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