Mit viel Herzenswärme: „Das Labyrinth der Wörter“

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Eine Begegnung, die das Leben verändert: Arbeiter Germain (Gérard Depardieu) lernt die gebildete Margueritte (Gisèle Casadesus) kennen.

Eine zufällige Begegnung kann ein ganzes Dasein verändern. Der französische Regisseur Jean Becker variiert diese Situation in seinem Film „Das Labyrinth der Wörter“ auf höchst charmante, zauberhafte Weise. Der Kinotrailer:

Germain (Gérard Depardieu) ist ein Simpl, wie er im Buch steht. Ein einfältiger Arbeiter, körperlich unbeholfen wie ein Riesenbaby und ungebildet bis zur Grenze des Debilen. Die liebevollen Spöttereien seiner Saufkumpane ob Germains Dummheit erträgt er stoisch. Die wüsten Beschimpfungen seiner boshaften greisen Mutter zuhause ebenfalls. In seiner Mittagspause, die Germain gerne Stullen-kauend auf einer Bank im Park verbringt, lernt der bullige Kerl eines Tages eine feine alte Dame kennen, die in einem Altersheim in der Nähe wohnt. Beim Taubenfüttern kommt man ins Gespräch, und bald entwickelt sich eine regelrechte Freundschaft. Die hoch gebildete und weit gereiste Frau, eine ehemalige Biologin, bringt dem grobschlächtigen Kerl das Lesen nahe.

Margueritte (Gisèle Casadesus) liest Germain anfangs „Die Pest“ von Camus vor. Der Prolet findet Gefallen an dem Roman, weitere Klassiker der französischen Literatur folgen. Der tumbe Germain beginnt, sich allmählich zu verändern. Er kleidet sich anders, verwendet Fremdwörter in seinen Sätzen, drückt sich insgesamt anders aus. Als Marguerittes Augenlicht schwindet, übt Germain abends das Alphabet, um demnächst seiner kranken Freundin vorlesen zu können.

Jean Beckers Filme sind betont ruhig und unaufgeregt inszeniert. Ihre Stärke beziehen sie meistens aus auf den ersten Blick ganz unspektakulären Alltagssituationen. Schon in seinen jüngsten Arbeiten ging es in erster Linie um die Endlichkeit des menschlichen Daseins, um das Genießen des Augenblicks und das Bewusstsein, dass morgen alles vorbei sein kann.

„Das Labyrinth der Wörter“, diese kluge Adaption des gleichnamigen Romans von Marie-Sabine Roger, bildet da keine Ausnahme. Gerade in Zeiten von überheblichen Diskussionen über ein angebliches Prekariat und Hartz- IV-Bildungsgutscheine kommt ein Film recht, der sich nicht des üblichen, abschätzig-versnobten Tonfalls gegenüber Ungebildeteren bedient. Ohne Bildungsdünkel und erhobenen Zeigefinger, sondern mit viel Herzenswärme erzählt Regisseur Jean Becker davon, wie schwer es ist, sein gewohntes Leben zu verändern und etwas Neues zu wagen – und wie wichtig zugleich.

Ulrike Frick

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