„Kein stumpfes Geballer“

Timo Hackemann hat sich für 13 Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet.

Twistringen – Schwerer Fehler oder einmalige Chance? Timo Hackemann (19) aus Twistringen hat sich freiwillig für 13 Jahre bei der Bundeswehr verpflichten lassen.

Über den Sinn dieser Einrichtung scheiden sich die Geister. Ihr eigentlicher Auftrag – deutsche Bürger gegen Angriffe, äußere Gefahren und politische Erpressung zu schützen – heißt im Klartext oft: Gewalt mit Gewalt bekämpfen. „Das kann nicht der richtige Weg sein“, behaupten Kritiker. „Es ist die letzte, aber manchmal zwingend notwendige Möglichkeit“, kontern Befürworter. Timo hat sich mit allen Argumenten eingehend beschäftigt. Erst nach langem Abwägen traf er eine Entscheidung: „Ich möchte mein Land unterstützen und meine Pflicht tun.“

Der „Bund“ sei für ihn außerdem eine große Chance. Timo kann kostenlos Maschinenbau studieren und bekommt sogar noch Besoldung: 1.200 bis 1.400 Euro im Monat. Zurzeit steckt er erst mal im Grundwehrdienst. Es folgen eine dreimonatige Offizierausbildung und ein Truppenpraktikum als Hilfsausbilder, bevor er sein Studium beginnt. Dass er irgendwann vielleicht im Extremfall auf Menschen schießen muss, ist dem 19-Jährigen bewusst. Er hat sich schon ausgemalt, wie er in so einer Situation reagieren würde...

Aber von vorn: Ganz andere Sorgen hatte Timo zu Beginn seiner Grundausbildung im Juli 2009. „Die Neuen mussten sich stocksteif in einer Reihe aufstellen und wurden erst mal richtig zur Sau gemacht“, berichtet er. Den Mund weit aufgerissen, brüllte ihm einer der Ausbilder ins Gesicht: „Stillgestanden! Hier wird sich nicht bewegt!“ Alltag in der Kaserne – Timo hatte sich an der Nase gekratzt. Am Anfang zweifelte er oft, ob er diesen Ton auf Dauer ertragen kann. Durchbeißen war angesagt. Und tatsächlich: Schon nach wenigen Wochen hatte er sich daran gewöhnt. „Irgendwann machte ich auch weniger Fehler, da gab es nicht mehr so viele Gründe zum Anschreien.“ Mittlerweile findet Timo den rauen Umgangston sogar gerechtfertigt. „Es geht um Respekt. Die Ausbilder müssen ihre Autorität beweisen, das ist voll okay.“

Von Montag bis Freitag wohnt der 19-Jährige in einer Kaserne bei Münster. Am Wochenende darf er nach Hause, Heimweh plagt ihn in der Woche aber nicht. „Ich fühle mich wohl. Besonders, weil meine Kameraden wie eine Familie sind. Der Zusammenhalt ist großartig, das gibt es nirgendwo anders.“

Als Timo den normalen Tagesablauf beim „Bund“ beschreibt, klingt seine Stimme ein bisschen wehleidig: „Um 4.45 Uhr werden wir geweckt.“ Der Tag ist komplett geregelt, von vorne bis hinten durchgeplant. Timo sieht das als Pluspunkt, denn Langeweile kommt bei der Bundeswehr ganz sicher nicht auf. Um 5.20 Uhr gibt es schon Frühstück, danach müssen die Soldaten ihre Zimmer reinigen – um 7.30 Uhr heißt es „antreten“. Die Ausbildung beginnt.

Wie muss man sich die Übungen im Grundwehrdienst vorstellen? „Viele Klischees stimmen“, sagt Timo. Liegestützen, Dauerläufe, Hindernisparcours – „wenn Du über hohe Mauern klettern musst oder durch Schlamm robbst, kommst Du schon an Deine Grenzen.“ Es gab Momente, da zweifelte der 19-Jährige am Sinn der „ganzen Quälerei“, zum Beispiel bei einem Fünf-Kilometer-Fußmarsch nach einer anstrengenden Geländeübung – danach war er völlig durchnässt und halb erfroren.

Heute schmunzelt Timo über sowas. „Ich habe eingesehen, dass hinter jeder Übung eine Logik steckt.“ Alle Härtetests bereiten die Soldaten auf den Ernstfall vor. Ernstfall bedeutet Krieg. „Deshalb müssen wir während der Ausbildung ordentlich rangenommen werden“, zitiert Timo einen Vorgesetzten. Wer nicht bei den Proben an seine Grenzen geführt werde, habe bei echter Gefahr nicht den Mumm, abzudrücken.

Was ist mit Timo? Würde er im Fall der Fälle von seiner Waffe Gebrauch machen? – „Nur, wenn es absolut keine andere Möglichkeit mehr gibt.“ Sein eigenes Leben ist dem 19-Jährigen wichtig. Und das der Kameraden, die sich auf ihn verlassen. „Vielleicht haben die Familien und Kinder zu Hause.“ Mütter, Väter, Söhne und Töchter haben aber auch die gegnerischen Soldaten. Tragik des Kriegs – die Timo bewusst ist. Krieg ist für ihn absolut keine schöne Vorstellung. Er will sich stets vor Augen halten, dass Waffen hergestellt werden, um Leid zuzufügen. Er weiß, dass Soldaten eine große Verantwortung haben. Die Ausbildung soll darauf mit Vernunft vorbereiten. „Bei der Bundeswehr wird nicht stumpf rumgeballert. Wir werden neben den Geländeeinsätzen zum Beispiel auch in politischer Bildung und Rechtsgrundlagen unterrichtet.“

Bei vielen Übungen stoßen die jungen Männer an ihre Grenzen. Aber genau darin liegt für Timo der Reiz. Er möchte neue Erfahrungen sammeln, seinen Charakter stärken – erwachsen werden. „Disziplin bekommt man beim Bund wirklich hervorragend eingeflößt“, schmunzelt er. „Und das schadet heutzutage niemandem.“

 Jan Schmidt (23 Jahre) aus Twistringen

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Dutzende Tote bei Erdbeben auf Sulawesi in Indonesien

Dutzende Tote bei Erdbeben auf Sulawesi in Indonesien

Die RTL-«Dschungelshow» startet

Die RTL-«Dschungelshow» startet

Magier Siegfried Fischbacher gestorben

Magier Siegfried Fischbacher gestorben

Samsung Galaxy S21: Drei Modelle und viele Kameras

Samsung Galaxy S21: Drei Modelle und viele Kameras

Meistgelesene Artikel

Mann mit Hörnern: Online-Shop entsetzt nach Sturm aufs Kapitol mit geschmackloser Kostüm-Idee

Mann mit Hörnern: Online-Shop entsetzt nach Sturm aufs Kapitol mit geschmackloser Kostüm-Idee

Mann mit Hörnern: Online-Shop entsetzt nach Sturm aufs Kapitol mit geschmackloser Kostüm-Idee
„The Walking Dead“: Ist Rick Grimes unkaputtbar, oder stirbt er wirklich?

„The Walking Dead“: Ist Rick Grimes unkaputtbar, oder stirbt er wirklich?

„The Walking Dead“: Ist Rick Grimes unkaputtbar, oder stirbt er wirklich?
Können wir trotz Corona bald wieder auf Konzerten abrocken? Ticketmaster arbeitet an Ideen

Können wir trotz Corona bald wieder auf Konzerten abrocken? Ticketmaster arbeitet an Ideen

Können wir trotz Corona bald wieder auf Konzerten abrocken? Ticketmaster arbeitet an Ideen
„X-Factor: Das Unfassbare“: Aber ist diese Geschichte nun wahr?

„X-Factor: Das Unfassbare“: Aber ist diese Geschichte nun wahr?

„X-Factor: Das Unfassbare“: Aber ist diese Geschichte nun wahr?

Kommentare