"Warum hat der Bastard kein Mitleid mit mir?"

+
Das Außengelände ist mit zahlreichen Graffitis verziert.

Von Rebecca Göllner - Eigentlich sind sie richtig harte Jungs, die in ihrem Leben schon viel Mist gebaut haben. Diebstahl, räuberische Erpressung und Drogenkonsum sind da noch die harmlosesten Delikte.

Jetzt aber, wo sie so vor mir sitzen, wirken sie fast zerbrechlich. In einer Runde von etwa zehn Jugendlichen lesen die Gefangenen der Jugendarrestanstalt (JAA) Nienburg eigene Texte vor. Darin beschreiben sie ihre Gedanken und Ängste. Direkt neben mir sitzt Adam. Er ist als nächster an der Reihe, seinen Aufsatz vorzutragen. Er setzt an, stoppt immer wieder und lacht. Es ist ein Zeichen von Unsicherheit und vielleicht auch Scham, die eigenen Gefühle so offen darzulegen. Die betreuende Psychologin Alexandra Thoms spricht Adam Mut zu. Er solle sich nicht durch die anderen beeinflussen lassen, denn mittlerweile kichern alle Jungs. Die meisten von ihnen scheinen einen Migrationshintergrund zu haben.

Adam versucht es wieder und durchbricht die Schamgrenze. Und auf einmal herrscht Stille. Keiner lacht mehr. „Ich habe Angst vor Schlägen. Wenn andere geschlagen werden, kann ich das nicht sehen, weil ich früher selbst oft geschlagen wurde“, formuliert Adam in wenigen Sätzen sein Leben, das ihn bisher geprägt hat.

Jetzt machen sich seine Mithäftlinge nicht mehr lustig über ihn, sondern geben ihm Rückhalt. Sie scheint ein ähnliches Schicksal zu vereinen.

Murat, der rechts neben Adam sitzt, erzählt auch von seiner Kindheit. Onkel, Vater und Brüder hätten ihn immer wieder geschlagen. Einmal sogar sei er nackt und an einen Stuhl gekettet in den Keller gesperrt worden. Dort harrte er über Stunden aus, und immer wieder gab es Schläge vom Vater. „Wo hat es Dir am meisten wehgetan?“, fragt Alexandra Thoms, „am Körper oder im Herzen?“ Murat überlegt kurz: „Klar, im Herzen. Ich habe mich immer gefragt, warum der Bastard kein Mitleid mit mir hat.“ Die anderen nicken schweigend.

Elf Stunden Einsamkeit: Einen Ferseher gibt´s in der Zelle nicht. Man kann nur lesen oder die Wände anstarren.

Der 21-jährige Marco macht bei diesem Unterricht nicht mit. Er hat heute die Aufgabe, auf den Fluren für Ordnung zu sorgen. Trotzdem nimmt Marco sich kurz Zeit und erzählt mir, warum er schon zum zweiten Mal für 14 Tage die Freiheit gegen sieben Quadratmeter Kargheit tauschen muss. Er habe sich nicht an die Auflagen gehalten und die geforderten Sozialstunden abgeleistet. „Ich gebe es zu, beim ersten Mal hatte ich keine Lust drauf, aber dieses Mal habe ich es verschludert“, sagt Marco. Er sei umgezogen und habe es versäumt, einen Nachsendeantrag zu beantragen. Deshalb erreichten ihn die Briefe des Amtsgerichtes nicht. „Ja, und eines Tages stand dann die Polizei vor meiner Haustür und hat mich mitgenommen.“, erklärt Marco, „ich habe mich gefühlt wie ein Schwerbrecher“.

Seine Eltern wissen nicht, dass er im Arrest sitzt. Der 21-Jährige wohnt alleine und wollte es ihnen nicht sagen. „Sie wären bestimmt sehr enttäuscht von mir“, meint Marco. „Mein Vater ist in meinem Heimatort ein hohes Tier bei der CDU. Meine Mutter und mein Stiefvater arbeiten in einer Alteneinrichtung.“

Wie’s überhaupt so weit kommen konnte? Er sei an falsche Leute geraten, die ihn immer wieder zu Straftaten angestichelt hätten. Drogen waren auch im Spiel. „Von Cannabis bis Kokain war alles dabei, die volle Schiene“, gesteht Marco. Seit zwei Jahren sei er clean. Sonntag kommt der 21-Jährige wieder raus. Mit dem Zug geht es zurück nach Hause. Alleine. Es gibt niemanden, der auf ihn wartet. „Vielleicht trinke ich dann ein Bierchen mit meinem Nachbarn und koche was Deftiges“, überlegt Marco. Das Essen in der Jugendanstalt findet er „eher zum Abgewöhnen“.

Gleich am Montag möchte er sich bei einer Erzieher-Schule anmelden und dort eine Ausbildung beginnen. „Mein Traum ist es, mit kriminell auffälligen Kindern und Jugendlichen zu arbeiten und ihnen aus eigener Erfahrung ins Gewissen zu reden.“ Ein ehrgeiziges Ziel. Aber wenn ich so mit ihm rede, dann habe ich das Gefühl, dass der blond gelockte Typ vor mir das auch erreichen kann.

Während Marco ab Sonntag wieder auf freiem Fuß ist, sind 80 Prozent der 25 Einzel- und sieben Doppelzellen in Nienburg weiterhin belegt. Darin leben männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren. Sie bleiben dort von 47 Stunden (Freizeitarrest) bis vier Wochen (Dauerarrest). Jährlich sind es etwa 850 Jugendliche aus 18 Amtsbezirken. Jeder Tag in der JAA Nienburg läuft nach einem geregelten Schema ab. „Das ist beabsichtigt“, sagt Leiter Mathias Kaschubs. Die Häftlinge sollten lernen, eine Regelmäßigkeit zu entwickeln. Um sieben Uhr ist Wecken, um 7.30 Uhr Frühstück, ab 8.30 Uhr beginnen verschiedene Maßnahmen. Darunter Schulunterricht und das Arbeiten in der Holzwerkstatt. Außerdem gibt es so genannte Erziehungs- und Behandlungsmodule, die unter anderem Sucht- und Gewaltprävention sowie eine Selbstreflexion enthalten.

Nach dem Mittagessen um 12 Uhr haben die Jungs Freigang im Innenhof, danach teilen sie sich bis 18 Uhr in pädagogische Gruppen auf. Der Moment, den alle von ihnen wohl am liebsten rauszögern wollen, kommt um Punkt 20 Uhr. Dann ist Einschluss. Elf Stunden nichts als weiße Wände. Fernseher, Radio und Handy – Fehlanzeige. „Die meisten lesen viel“, weiß Mathias Kaschubs. Das Schreiben von Rap-Texten sei ebenfalls sehr beliebt. „Die Arrestanten werden hier unheimlich kreativ.“ Der JAA-Leiter sagt aber auch: „Wir helfen den Jugendlichen hier und versuchen, sie auf den richtigen Weg zu bringen. Aber bei einer durchschnittlichen Verweildauer von zwei Wochen leisten wir nur einen kleinen Teil zur Sozialisation.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Hallo-Verden-Festival in der Stadthalle

Hallo-Verden-Festival in der Stadthalle

Band Aha spielt vor ausverkaufter Bremer Stadthalle

Band Aha spielt vor ausverkaufter Bremer Stadthalle

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Löw-Team bucht EM-Ticket - "Sehr zufrieden"

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Jahrestag der Proteste: "Gelbwesten" demonstrieren in Paris

Meistgelesene Artikel

Nie mehr aktuelle Nachrichten verpassen mit Push-Nachrichten von kreiszeitung.de

Nie mehr aktuelle Nachrichten verpassen mit Push-Nachrichten von kreiszeitung.de

Feuerwehrmann wird gefeuert - wegen einer Melone

Feuerwehrmann wird gefeuert - wegen einer Melone

Kinderwunsch ist keine Pflichtveranstaltung

Kinderwunsch ist keine Pflichtveranstaltung

„Kann deine Sprachnachricht nicht abhören“ – *bekommt Sprachnachricht*

„Kann deine Sprachnachricht nicht abhören“ – *bekommt Sprachnachricht*

Kommentare