„Judy“

Hinter dem Regenbogen: Renée Zellweger ist Judy Garland im Kino

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Am Ende hatte sie große Schwierigkeiten, ihrem Bild zu entsprechen: Renée Zellweger als Judy Garland.

Eine Hollywoodikone am Ende ihrer Karriere: Im Biopic „Judy“ spielt Renée Zellweger die große Schauspielerin und kraftvolle Sängerin Judy Garland kurz vor deren Tod.

Unter den großen Opferfiguren der Traumfabrik war Judy Garland die schillerndste. Als einer der wenigen Kinder- und Teenager-Stars schaffte sie den Übergang ins Erwachsenenalter. Ein Übermaß an Talent war das eine, was ihre elektrisierende Wirkung erklärte. Das andere war ein Übermaß an Drogenkonsum, zu dem sie das MGM-Studio schon im Kindesalter genötigt hatte.

Früh festgelegt auf den Rollentyp des „Mädchens von nebenan“, wirkte sie doch selten natürlich in ihren Rollen, was ihre Wirkung freilich noch intensivierte. Garlands überwirklich-mädchenhafte Weiblichkeit war ebenso konstruiert wie gleichwohl wahrhaftig; fast als schien sie die roten Schuhe aus dem „Zauberer von Oz“ auch im eigenen Leben nicht ganz abzulegen. Hinzu kam eine kraftvolle Gesangsstimme, die sie durch ein ungewöhnliches Vibrato unverkennbar machte.

Judy Garland war in den letzten Lebensjahren arbeitslos

Judy Garland schien ihr Image im Dialog mit den Anforderungen der Studios selbst zu formen, und vielleicht war es gerade die persönliche Kraftanstrengung des Erreichten, die ihr eine besondere Bewunderung eintrug; nicht zuletzt als eines der ersten offen gefeierten Idole der Schwulenszene.

Wahrscheinlich ist es unmöglich für irgendeine Schauspielerin, ganz überzeugend in Garlands Schuhe zu schlüpfen, und um es vorab zu sagen: Renée Zellweger ist über weite Strecken dieses Biopics alles andere als Judy Garland. Weder besitzt sie die Stimme, noch die Elektrizität, diese manchmal erschreckende Energie an der Grenze zur Überladung. Bleibt noch die brüchige Seite, die herzergreifende Schutzbedürftigkeit, die Garland bei all ihrer Kraft auch noch ausstrahlte, vor allem in ihren späteren Rollen wie „A Star Is Born“ und „I Could Go On Singing“. Hier setzt Renée Zellwegers Arbeit an, auch wenn der Film historisch noch später beginnt.

Judy. USA/GB 2019. Regie: Rupert Goold. 119 Min.

1969, in ihrem letzten Lebensjahr und dreißig Jahre nach „The Wizard of Oz“, ist die 46-Jährige in Hollywood ohne Arbeit. Aus ihrem letzten wichtigen Filmengagement, „Das Tal der Puppen“, ist sie noch während der Dreharbeiten gefeuert worden. In London allerdings gilt sie noch immer als Weltstar. So akzeptiert sie ein fünfwöchiges Engagement im Londoner Nachtclub „Talk of the Town“.

Die Höhen und Tiefen dieser Auftritte strukturieren das Backstage-Drama wie eine Miniatur ihres krisengeschüttelten Lebens. Rückblenden zeigen sie als selbstbewussten Teenager bei den Dreharbeiten zu „The Wizard of Oz“; gespielt wird sie von Darci Shaw.

Basierend auf einem Bühnenstück mit dem wenig originellen Titel „End of the Rainbow“ und unter der Regie des britischen Theaterregisseurs Rupert Goold, spielt der Film weitgehend in Innenräumen.

Liza Minnelli - Tochter von Judy Garland

Tochter Liza Minnelli sagte einmal, „Meine Mutter lebte acht Leben“, und man bekommt auch in dieser kurzen, tragischen Lebensphase einen Eindruck von diesem Tempo. Spontan heiratete sie während des Gastspiels zum fünften Mal, nur zwei Monate vor ihrem Tod. Finn Wittrock spielt den zwölf Jahre jüngeren Musiker Mickey Dean als windige, unehrliche Figur, und man kann sich fragen, ob dies nicht etwas übertrieben ist und ob wirklich ein ganzes Ehedrama noch in einen so kurzen Zeitabschnitt gepresst werden musste. Völlig erfunden ist dagegen eine Nebenhandlung mit einem schwulen Paar, das dem Idol zwischendurch Obdach in seiner kleinen Wohnung gibt.

Wer für ein Biopic nur einen kurzen zeitlichen Rahmen wählt, wird stets nach exemplarischen Momenten suchen, die Rückschlüsse auf Leben und Persona der jeweiligen Persönlichkeit bieten. Renée Zellweger mag nicht singen wie Garland und auch sonst nicht komplett mit dem Star verschmelzen, aber man darf nicht vergessen, dass auch der Hollywoodstar am Ende große Schwierigkeiten hatte, seinem eigenen Bild zu entsprechen. Dies thematisiert der Film mit einem Talkshow-Auftritt: „Ich bin nur Judy Garland für eine Stunde am Abend. Ich will nur, was jeder andere will. Nur habe ich größere Schwierigkeiten, es zu bekommen.“

Bescheiden produziertes Biopic „Judy“

Man hätte die Fragilität der späten Garland noch eindringlicher spielen können, als es Zellweger tut, aber das hat auch sein Gutes: Nie verfällt der Film in die Klischees des Verfalls, die Hollywood sehr früh neben dem Glamour gleichfalls zu Markte trug – in einer Reihe von Alkoholiker- und Drogendramen. In Vincente Minnellis Meisterwerk „A Star Is Born“, das er für seine damalige Ehefrau Judy Garland kreierte, spielt diese ironischerweise die Stütze eines alkoholkranken Partners. In den späteren Jahren fand sie in ihren Bühnenperformances einen erstaunlichen Weg, Kraft und Schwäche zugleich auszudrücken. Auftritte, von denen man nicht glaubte, sie würde sie durchstehen, verwandelte sie in Triumphe.

Tatsächlich war sie als große Schauspielerin in der Lage, genau diesen Eindruck zu erspielen – wenn sie nicht zu sehr unter Drogeneinfluss stand. Zuschauer glaubten einer Art Auferstehung beizuwohnen – ein Phänomen, das Liza Minnelli übrigens, wie einmal bei einem denkwürdigen Auftritt in der Bonner Kunsthalle zu erleben, ebenso beherrscht. Was Judy Garland auf der Bühne leisten konnte, ganz allein unter ihrer eigenen Regie, war phänomenal. „Sie konnte aus steinernen Herzen Tränen wringen“, sagte ihr Filmpartner James Mason bei ihrer Beerdigung. Das bescheiden produzierte Biopic „Judy“ gibt durchaus einen Eindruck von dieser erstaunlichen Kraft.

Filmkritik: Filmemacher Nicolas Pesce reduziert in seinem Relaunch einen japanischen Horrorklassiker auf den amerikanischen Normalzustand: „The Grudge“.

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