Moderator Jan Böhmermann im Interview:

„Ich mach so Medien-Quatsch“

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Jan Böhmermann und chili-Autor Jannis Hartmann

 Er denkt so schnell wie er spricht. Er spricht extrem viel. Und das auf allen Kanälen. Ein Interview mit Alleinunterhalter und Multitalent Jan Böhmermann:

Von Jannis Hartmann (18) aus Bremen

Jan Böhmermann! Kaum jemand weiß ja, wo Deine Karriere angefangen hat. Heute bist Du bekannter Moderator im Fernsehen und im Radio – aber begonnen hat Deine journalistische Arbeit damals hier: Bei der Jugendseite unserer Zeitung. Wie bist Du denn DA hingekommen?

Jan: Durch die Bremer Jugendpresse als 16-Jähriger. Und es war immer schön, nach Syke zu fahren und vom Bahnhof zu Fuß an den Gleisen entlang zu laufen zum Gebäude der Kreiszeitung. Das fand ich damals cool: Ich konnte eigene Fotos machen und war auf Konzerten, habe Bands interviewt.

Wie ist es dann weitergegangen?

Jan: Ich war irgendwann fertig mit der Schule, hab Abi gemacht und wollte Journalist werden. Ich habe Seminare besucht, mir schlaue Bücher angeguckt und mit Redakteuren gearbeitet, von denen ich was lernen konnte. Dieses komplette Handwerkszeug – das, was ich damals unter anderem bei der Kreiszeitung gelernt hab – behält man sein Leben lang.

Stimmt die Geschichte, dass Du Dich mit 17 Jahren dann so häufig am Radio- Bremen-Empfang gemeldet hast, bis Du irgendwann aufgrund Deiner Hartnäckigkeit einen Job bekommen hast?

Jan: Ich habe als Bremen-Vier-Hörer immer angerufen und Sachen gewonnen. Und weil ich Radio Bremen spannend fand, hab ich mit 13 oder 14 ein Schülerpraktikum da gemacht. In der ziemlich spärlich besetzten Internetredaktion bei Bremen Vier. Internet war damals noch was ganz Wildes. 1999, da gab’s noch nicht ganz so viele, die sich damit auskannten, und ich war einer von diesen verpickelten Bubis, die mit einem Bein im Stimmbruch steckten, aber schon wussten, wie man HTML-Seiten programmiert. Ja, und so hab mich dann da reingezeckt in den Laden.

War Dir schon immer klar, dass Du das alles beruflich machen willst?

Jan: Ich mach so Medienquatsch, seit ich zehn bin. Ich hab als Kind angefangen, in den „makemedia“-Studios in Bremen-Walle meine Sommerferien zu verbringen, weil meine Eltern mich zuhause loswerden wollten. Ich hab gelernt, mit der Kamera umzugehen, Filme gedreht und geschnitten. Da ist das Hobby also irgendwann zum Beruf geworden.

Jetzt stehst Du vor der Kamera. Wirst Du irgendwann nur noch als Moderator Fernsehen machen?

Jan: Nee, ich glaube nicht. Gerade die „LateLine“ oder das, was ich mit Olli Schulz bei „Radio Eins“ mache, das sind schon tolle Projekte. Ich habe früher immer gedacht, dass es ein Karriereaufstieg sei, wenn man vom Radio zum Fernsehen geht. Aber das ist überhaupt nicht so. Es sind eher Dinge, die parallel nebeneinander existieren. Es ist nicht so, dass man kein Print-Mann mehr ist, weil man beim Radio ist und kein Radio-mann mehr, wenn man beim Fernsehen arbeitet. Es geht mir, als unseriöser Comedian gar nicht um das Medium, in dem ich meinen Quatsch verbreite, sondern nur um den Quatsch.

Was ist für Dich das Spannendste am Radiotalk?

Jan: Man versucht zwei Stunden lang, den Ball hoch zu halten und weiß nicht, was passiert. Es kann ein Verrückter anrufen, es kann aber auch sein, dass zwei Stunden lang überhaupt niemand anruft. Es ist eine Herausforderung; das Krasseste und Anstrengendste, so lange am Stück durchzusabbeln.

Und was ist der Reiz, eine Show im Fernsehen vor Live-Publikum zu machen?

Jan: Dass Du zusätzlich zum Ton noch Bild hast, Grimassen machen und sehen kannst, wie das Publikum reagiert. Es ist viel unmittelbarer, und man hat mehr Möglichkeiten.

Was wird es in den „LateLine“-Live-Ausgabe in den nächsten Wochen denn so alles geben?

Jan: Bestimmt Überraschungen, auch für mich. Es kommt jede Woche ein mehr oder weniger prominenter Gast, es gibt einen Einspielfilm und ein paar Dinge, die wir uns ausgedacht haben. Aber die Sendung ist so unberechenbar, da muss ich jetzt nicht künstlich einen auf Wundertüte machen. Das macht die Sendung von alleine. Das ist ja das Schöne.

Die „LateLine“ wird als „anarchistisch“ beworben – das liest man ja ständig. Ich frag mich nur: Kann ein Format, das schon im Vorfeld als anarchisch gilt, überhaupt noch anarchisch sein?

Jan: Es gibt da natürlich ein paar Grenzen, die es sich empfiehlt, einzuhalten, wenn man seinen Job behalten möchte. Aber das geht schon. Du gehst um 23:04 Uhr rein in die Sendung und weißt nicht, wo Du um ein Uhr bist. Das gibt’s sonst nirgendwo. Man kann auch anfangen, noch wildere Sachen zu machen, aber ich bin ja entertainment-orientiert.

Deine neue Sendung auf ZDF_neo soll ja eine Polit-Satire werden...

Jan: Ja – wenn das stimmt, was ich im Focus gelesen habe. In Fernseh-Dimensionen ist das ja noch 7.000 Hundejahre hin, dass ich noch nicht genau weiß, was es wird – beziehungsweise: ich weiß es schon, aber ich verrate es noch nicht!

Hast Du eigentlich einen Plan-B im Kopf, wenn’s mal nicht mehr so läuft? Irgendwas, das Du genauso gut machen könnte?

Jan: Ich könnte mir vorstellen, Parkett zu verlegen oder Trockenbauwände zu errichten. Also, irgendetwas Praktisches. Oder irgendwann noch mal was Richtiges lernen. Ich habe mehrere Pläne B, C und D bis F, für den Fall, dass es nichts wird. In diesem Moderator-Comedian-Komiker-Job kannst Du ja morgen weg sein.

Gab es nie den Moment, wo Du an Dir oder Deinem Talent gezweifelt hast?

Jan: Doch, jeden Tag. Es ist eigentlich immer noch so, dass ich wahnsinnig unzufrieden bin mit allem, was ich mache. Was psychisch sehr belastend ist. In Klammern: Böhmermann weint.

Du bist in Vegesack aufgewachsen, jetzt lebst Du in Köln. Wenn Du für Deine Sendung wieder hierherkommst – was machst Du dann als erstes?

Jan: Eine Bratwurst essen! Hab ich auch eben gemacht, und mir ist gerade wahnsinnig schlecht deswegen, leider. Zu allererst, bevor ich ins Taxi steige oder irgendwas anderes mache, kaufe ich mir am Bahnhof bei „Kiefert“ eine Bratwurst. Man lernt das erst zu schätzen, wenn man raus ist, aber Bremen ist eine superschöne Stadt, und es gibt hier schon so ein paar kulinarische Highlights. So banal das klingt. Ich werde auch älter, man merkt es.

Ist das nicht eine Option, irgendwann wieder zurück nach Bremen zu ziehen?

Jan: Doch, ganz bestimmt kann ich das mir vorstellen. Es ist nur einfach so: Es gibt zwar einen kleinen, agilen und sehr guten Sender hier, der einen guten Ruf hat. Aber wenn Du kreativ im Fernsehen arbeiten willst, empfiehlt es sich, in andere Städte zu gehen. Wenn man Pilot werden will, kommt man nach Bremen und nicht nach Köln. Es gibt ein paar Branchen-Schwerpunkte, und Bremen ist halt nicht die Medien-Stadt. Ich glaube, es ist ganz gut, in Köln zu sein – zumindest die nächsten 30 Jahre. Später komme ich bestimmt zurück. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Wo ist Dein Lieblingsplatz in Bremen?

Jan: Ich hab viele. Ich fahre zum Beispiel gerne nachts durch die Überseestadt. Früher, um mir die Nutten anzugucken, mittlerweile, um zu sehen, welche krassen Hochhäuser da wieder gebaut werden. Oder ich fahre mit dem Auto durch die Stadt, die Waller Heerstraße runter, bis nach Bremen-Nord. Oder die kleine Bucht vorm U-Bootbunker Valentin in Farge, wo man angeln kann – im Hintergrund dieses bizarre Betonding! Die meisten meiner Lieblingsplätze sind hier. Café Sand im Sommer, der Werdersee, die Pauliner Marsch, überhaupt die Marsch, das Weserwehr... Ich habe hier ja die längste Zeit meines Lebens verbracht.

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