„Mein Trinkgeld liegt im Müll“

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Sie ist weder obdachlos noch bedürftig. Aber trotzdem wühlt Jacky (21) in einem Low-Budget-Hotel im Müll, um Pfandflaschen zu suchen. Eigentlich putzt sie die Zimmer, doch das Geld im Müll lässt sie sich nicht entgehen.

Von Rieke Klotz (22 Jahre) aus Kirchweyhe

Sie sind alt, bärtig, tragen dunkelgrüne Parkas und suchen am Bahnhof, über Mülleimer gebeugt, nach Flaschen. So stellen wir uns Pfandsammler typischerweise vor. Wir denken nicht an Leute, die genauso vermögend sind wie der Durchschnitt der Gesellschaft. Oder sogar noch wohlhabender. So wie eine Bekannte von mir.

In ihrer schwarzen Wellensteyn-Jacke geht sie die lange Straße hinterm Hauptbahnhof entlang. Ihre naturblonden Haare strahlen mit der Sonne um die Wette. Es ist kurz vor zehn. Jacky verbringt ihre Sonntage in einem Low-Budget-Hotel. Ein Nebenjob. Sie gehört zum „Housekeeping-Team“.

„Housekeeping“ ist das englische Wort für Ordnung und Sauberkeit. Und dafür sorgt Jacqueline. Sie ist, wie sie von ihren Freundinnen genannt wird, eine „Putzfee“. „Putze“ oder „Putzfrau“ klingt so abwertend. Im Hotel zieht sie die Bettwäsche der Gäste ab, schrubbt den Boden in der Dusche und wechselt die Müllbeutel in den Zimmern. Und nach all diesen Arbeiten guckt Jacky in die Mülleimer. Denn darin steckt oft bares Geld.

Trinkgeld bekommen die „Putzfeen“ schon lange nicht mehr. Seit einigen Monaten sind die Preise fürs Frühstück im Hotel gestiegen. Und nur noch die wenigsten Gäste sehen es ein, mal einen Euro oder zwei auf dem Kopfkissen liegen zu lassen. Jacky findet ihr Trinkgeld woanders: Als Pfand im Müll. „Manche Gäste kaufen mehrere Sixpacks Wasser. 25 Cent pro Flasche – das schmeiß ich doch nicht weg!“

Dabei ist es nicht so, dass Jacky auf 1,50 Euro angewiesen wäre. Sie ist 21 Jahre alt und bekommt als Tochter von selbstständig arbeitenden Eltern den Höchstsatz des Ausbildungsförderungsgesetzes (Bafög) von 422 Euro. 200 Euro Kindergeld überweisen ihr ihre Eltern monatlich. Jacky studiert Gesundheitswissenschaften und arbeitet nebenbei auf 400 Euro-Basis. Also hat sie im Monat etwas mehr als 1.000 Euro zur Verfügung. Sie lebt bei ihren Elterm und muss für ein großes Zimmer, Strom, Wasser und Essen kein Geld ausgeben. Die 21-Jährige feiert gerne, kauft sich auch mal teure Klamotten, besitzt ein Handy mit Vertrag und legt monatlich Geld zur Seite.

Warum wühlt sie dann im Müll von anderen? „Meine Eltern“, erzählt Jacky, „haben in der Finanzkrise ihren Job verloren. Nun sind sie selbstständig. Sie putzen.“ Ihr Blick weicht ab von dem frisch gemachten, weißen Bett im acht-Quadratmeter-Hotelzimmer. Der Boden ist gesaugt, und der lila Bezug der Plastikcouch glänzt, als hätte jemand gerade erst mit einem feuchten Tuch darüber gewischt. „Ich freue mich über das, was ich zusammenbekomme. Auch wenn es nur 1 Euro 50 sind. Wenn ich mir in der Mensa dann einen Donut gönne, denke ich an die Hotel-Gäste, die mir den gerade spendieren.“

Jacky holt einen Feudel und wedelt damit übers einzige Bild im Zimmer. „Ich verstehe nicht, wieso die Leute ihre Flaschen nicht mitnehmen. Besonders die leichten aus Plastik. Direkt hier neben dem Hotel ist doch ein Supermarkt mit Pfandrückgabe. Aber manche sind wohl einfach zu faul.“

Jacky arbeitet gerne sonntags, „da gibt’s immer mehr Pfand. Sonntags ist es für die Menschen zu umständlich, ihre Flaschen mitzunehmen und mit sich rumzuschleppen, bis die Geschäfte am Montag wieder öffnen. Selbst wenn es eine halbvolle Flasche Eistee ist – sowas bleibt hier immer stehen.“

An der nächsten Tür grinst Jacky schon vorm Betreten des Zimmers. „Hier wohnt so ein kleiner Scheich. Ein Dauergast. Der ist schon fast zwei Monate bei uns im Hotel und schmeißt andauernd Pfand weg.“

Und sie hat Recht: Mit zwei kleinen Müllsäcken voll Bierdosen kommt Jacky aus dem Zimmer. Sie zählt durch: 12 Dosen Bier. „Dosenpfand bringt auch 25 Cent. Bierflaschen nur acht Cent. Verstehe ich auch nicht – die sind doch schwerer zu transportieren. Eigentlich will ich ja Glasflaschen nie mitnehmen, weil sie schwerer sind und mehr Platz wegnehmen... Aber wenn ich dann im Supermarkt an der Pfandrückgabe stehe, dann freue ich mich immer, wie viel am Ende dabei herauskommt. Kleinvieh macht eben auch Mist.“

In Deutschland landet jedes Jahr Pfand im Wert von 172 Millionen Euro im Müll. Auf der Website www.pfandgeben.de kann man sich als Pfandsammler registrieren und gegen das „Wegwerfen von Geld“ angehen. Einmal registriert, wird man dann von anderen Usern aus der Gegend angerufen, die zu bequem sind, ihr eigenes Pfand zur Rückgabe zu bringen.

Das Anstehen im Supermarkt an der Pfandrückgabe ist Jacky nicht peinlich. Viele junge Menschen stehen täglich im Supermarkt und geben ihr Pfand zurück, auch da ist viel Bier dabei. „Es sieht mir ja keiner an, ob ich es aus Mülleimern gesammelt habe oder von einer WG-Party herbringe.“

Auf der Straße Mülleimer durchzusuchen und Pfand zu sammeln kann sich Jacky allerdings nicht vorstellen. Dafür schämt sie sich zu sehr. „Dann wird man ja gleich mit einem Penner verglichen oder so“, glaubt sie. „Ich bin mir nicht zu schade dafür, Flaschen aufzuheben, die irgendwo rumstehen. Ich hab natürlich schon mal Pfand auf der Straße gefunden, mich gebückt und es eingesteckt. Da ist ja nichts dabei. Aber den Kopf in einen stinkenden Mülleimer stecken, und das in der Öffentlichkeit… Nee!“

Im Hotel, hinter verschlossenen Türen ist das kein Thema. Da putzt sie ja auch den Dreck von anderen weg. Sie lächelt mich an. Es ist 18 Uhr. Feierabend. Als Jacky das Hotel verlässt, kleben ihre blonden Haare, von der Putzarbeit verschwitzt, an ihrem Kopf. Auf dem Rücken trägt sie einen blauen, undurchsichtigen Beutel. Es klirrt darin.

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