Auf dem Rücken des Rüsseltiers

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Irma Wapi hat ihren „absoluten Traumjob“ gefunden.

Sumatra - von Mareike Hahn. Der Elefant sieht aus, als würde er lachen. Er streckt den Rüssel in die Luft, öffnet den Mund und hält still, während Irma Wapi ihm den Kopf wäscht. Die zierliche 23-Jährige sitzt auf dem Rücken des Rüsseltiers, und auch sie lacht. Die Mahout scheint das erfrischende Bad im Fluss genauso zu genießen wie ihr Schützling.

Irma ist Indonesierin und hat ihren „absoluten Traumjob“ gefunden: Sie arbeitet im „Elephant Flying Squad“-Camp der Naturschutzorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) im Regenwald auf der Insel Sumatra. Insgesamt neun sogenannte Mahouts haben sich hier dem Schutz der wilden Elefanten verschrieben.

Das Problem: Der Lebensraum des Sumatra-Elefanten – das ist eine Unterart des Asiatischen Elefanten – wird immer kleiner. In den letzten zwei Jahrzehnten ist auf der indonesischen Insel stündlich Wald in der Größe von 88 Fußballfeldern verschwunden. Für die Rüsseltiere eine Katastrophe – inmitten von Siedlungen, Palmöl-, Papier- und Zellstoffplantagen können sie nur schwer überleben. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit Menschen, die in der Nähe des Walds wohnen – dort, wo früher die Elefanten ihr Zuhause hatten. Einige Tiere wurden schon von ängstlichen oder wütenden Bauern vergiftet. Heute gibt es nur noch etwa 2.400 Sumatra-Elefanten, die Art gilt als stark gefährdet.

Das „Flying Squad“-Team will die Konflikte zwischen den Menschen und den wilden Rüsseltieren schlichten. Sieben gezähmte Elefanten leben in dem Camp im Nationalpark Tesso Nilo und werden von den Mahouts betreut, trainiert und geritten. Irma und ihre Kollegen überprüfen zwei Mal in der Woche den Bereich, in dem die wilden Vierbeiner meistens den Wald verlassen. „Unsere Tiere riechen es, wenn ein Artgenosse in der Nähe ist, den sie nicht kennen. Sie halten dann an und heben den Rüssel“, erklärt das kleine, schlanke Mädchen mit den schwarzen, leicht gestuften, kinnlangen Haaren. Um die Dickhäuter zurück in den Dschungel zu treiben, erzeugen die Mahouts mit einer Art Kanone Geräusche und Licht.

„Elefanten sind sensibel und intelligent, man kann mit ihnen kommunizieren“, sagt Irma Wapi. Was sie damit meint, zeigt sich bei einem Elefantenritt durch den Regenwald: Neben dem schmalen Pfad liegt im hohen Gras eine leere Plastikflasche. Einer der Mahouts bringt sein Tier dazu, stehen zu bleiben. Der Elefant senkt auf ein Kommando hin den Rüssel, nimmt die Flasche hoch und hält still, bis der Mann auf seinem Rücken sie an sich genommen hat.

Während wir durch den Dschungel reiten, beobachte ich Irma. Sie sitzt gelassen und elegant auf dem Rücken ihres Elefanten und lenkt das Tier ohne Sattel und Zügel an den Bäumen vorbei, durch Schlammlöcher, über Stämme und Äste auf dem Boden. Ich bin ein bisschen neidisch, wie ich da verkrampft hinter einem anderen Mahout auf seinem Rüsseltier zu sitzen versuche. Gar nicht so einfach, auf diesem breiten Rücken Halt zu finden – bei jeder Unebenheit auf dem Waldboden wiederholt sich in meinem Kopf unaufhörlich wie eine Schallplatte mit einem Sprung nur ein Wort: „Festhalten!“. Irma versichert mir später, dass ich nicht die einzige bin, die nach den ersten Stunden auf dem Rüsseltier-Rücken Schmerzen hat. Sie lacht: „Am Anfang tut es so weh, dass man nicht schlafen kann. Aber nach einiger Zeit geht es.“ Sie sei natürlich auch schon mal von einem Elefanten runtergefallen, habe sich dabei aber noch nie verletzt.

Seit gut einem Jahr gehört die 23-Jährige zum „Flying Squad“-Team. Sie lebte schon vorher in der Umgebung des Camps. „Ich habe die Mahouts gesehen und den Wunsch verspürt, auch eine zu werden“, erzählt sie. „Ich liebe Elefanten, es macht mir viel Spaß, mit ihnen zusammen zu sein.“ Irmas Chef Sham Syamsvardi erklärt lächelnd: „Es fängt immer mit dem Herzen an. Um Mahout zu werden, muss man Liebe und Leidenschaft für Elefanten empfinden. Sonst kann man keine Beziehung zu ihnen aufbauen und wird sie verletzen.“ Die Ausbildung zum Mahout dauert drei Monate.

Jeden Tag baden die Indonesier mit ihren Tieren im Fluss, trainieren und gehen mit ihnen in den Wald, damit sie fressen können. Die Sumatra-Elefanten, die wegen ihrer eher geringen Schulterhöhe von 1,70 bis 2,60 Meter auch als „Taschenelefanten“ bezeichnet werden, ernähren sich von Gras, Bananen, Blättern und Holz.

Dienstags und samstags gehen die Mahouts jeweils von 7.30 bis 12.30 Uhr auf Patrouille. „Wir wissen, wo sich die wilden Elefanten normalerweise bewegen und checken dort die Gegend“, sagt Irma, die selber noch nie ein frei lebendes Exemplar gesehen hat – aber viele Fußabdrücke und Spuren an Bäumen, an denen sich die Tiere gerieben haben. Ihre Kollegin Evab Madewi hingegen ist schon echten wilden Elefanten begegnet. „Angst hatte ich nicht“, erzählt sie. „Solange man cool bleibt und nicht panisch wird, merken die Tiere, dass alles okay ist und werden auch nicht panisch.“

Das gilt auch für die gezähmten Vierbeiner der Mahouts – sie spüren genau, in welcher Stimmung ihr Reiter ist. Beim Training müssen die Indonesier Geduld zeigen. „Ähnlich wie bei einem Hund“, sagt Irma. „Wir gewöhnen die Elefanten langsam an uns Menschen und machen dann Schritt für Schritt weiter. Immer wenn sie ein Kommando befolgt haben, belohnen wir sie.“ Wichtig ist, dass die Pflanzenfresser Vertrauen zum Menschen aufbauen und ihn als Führer akzeptieren. Dabei hilft ein Stiel mit Metallspitze, den jeder Mahout immer dabei hat. „Der Mahout muss den Elefanten kontrollieren. Wenn er nicht gehorcht, muss man ihn sofort bestrafen. Die Strafe muss aber fair sein, sonst wird er protestieren“, sagt Sham Syamsvardi. „Der Mahout muss sich immer gut um sein Tier kümmern, es berühren, mit ihm sprechen und jeden Tag prüfen, ob es ihm gut geht.“

Darüber, ob es ihr selbst gut geht, muss Irma nicht jeden Tag nachdenken. Für sie steht fest: „Ich will als Mahout arbeiten, solange ich darf!“

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