Interview mit der Buchautorin Stefanie Mühlsteph ("Technikgirl"):

"Glaubt mir: Es gibt nichts Cooleres, als ein Technikgirl zu sein!!!“

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Für die Rolle des hilflosen Mädchens steht Stefanie nicht zur Verfügung. Sie versucht es erst mal selber, bevor sie „vielleicht mal“ ihren Freund fragt. Und bisher hat sie alle praktischen Sachen auch allein hingekriegt. Foto: Stefanie Brandenburg

Jungs reparieren Autos, Mädchen kümmern sich um verletzte Tiere - der "Zukunftstag" soll diese alten Klischees aus unseren Köpfen löschen und freie Berufswahl reingravieren.  Brauchen wir diesen Tag heute denn noch? Stefanie Mühlsteph, Autorin von "Technikgirl", sagt: „Ja. Leider.“ Ein Interview

Heute ist wieder dieser Tag. „Girlsday“ hieß er mal. Jetzt heißt er „Zukunftstag“. Die Idee dahinter: Schüler sollen die Chance bekommen, in einen „für ihr Geschlecht untypischen Beruf“ reinzugucken. Brauchen wir sowas heute überhaupt noch? Wir haben eine gefragt, die’s wissen muss: Stefanie Mühlsteph  (26) hat das Buch „Technikgirl“ geschrieben (erscheint heute im Verlag „Schwarzkopf & Schwarzkopf“). Ein Interview von Kimberley Kirchmann und Miriam Unger  aus der chili- Redaktion.

Stefanie – der „Zukunftstag“ heute: noch sinnvoll oder längst überflüssig?

„Ich wünschte wirklich, man bräuchte ihn nicht! Im 21. Jahrhundert

Das Buch "Technik Girl" von Stephanie Mühlsteph

VERLOSUNG

Wir verlosen das Buch "Technikgirl" von Stefanies Mühlsteph dreimal. Alles, was Ihr tun müsst, ist bis zum 27. März um 23 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff „Technikgirl“ an chili@kreiszeitung.de zu schicken. Euren Namen und Eure Adresse nicht vergessen. Viel Glück!

sollte man ja eigentlich soweit sein, dass es keine strikt getrennten Frauen- und Männerberufe mehr gibt. Aber so ist es leider nicht. Dieser Tag war ja ursprünglich dafür da, dass Mädchen mal in Männerberufe reinschnuppern dürfen. In Bereiche, die sie sonst von Vornherein ausgeschlossen hätten. Dass wir einen Tag für sowas einrichten mussten, ist traurig. Aber wichtig.“

Nehmen Schüler den Hintergrund überhaupt ernst, oder geht es nur um einen schulfreien Tag?

„Sicherlich gibt’s auch welche, die den Tag unglaublich spannend finden, aber die meisten freuen sich, nicht in der Schule sitzen zu müssen. Dabei denke ich, dass der Tag in den letzten zehn Jahren schon wichtiger geworden ist. Als ich in der Grundschule war, hat man das gar nicht registriert. Vielleicht liegt es auch daran, dass es heute mehr Aufmerksamkeit für die Betriebe in der Gesellschaft gibt, wenn sie am ,Zukunftstag‘ was machen.“

War es wirklich so clever, aus dem „Girlsday“ einen „Zukunftstag“ für Mädchen UND Jungs zu machen?

„Ein netter Anfang. Aber es sollte fest vorgeschrieben werden, dass wirklich ,untypische‘ Berufe angeguckt werden. Denn es bringt einem Jungen einfach nichts, in den Ingenieursbereich zu schauen, wenn er da sowieso hin möchte. Sinn der Sache ist ja, dass man auch mal die andere Seite kennenlernt. Dass ich überhaupt ,die ander Seite‘ sagen muss, dass es wirklich noch typische oder untypische Berufe für Frau und Mann gibt – das tut mir im Herzen weh.“

Wie müsste dieser Tag in Zukunft organisiert werden, damit er was bringt?

Stefanie Mühlsteph

„Ein Tag reicht nicht, um wirklich was über einen Beruf zu lernen. Da schafft man ja grad mal eine Führung durch den Betrieb. Das Wissen bleibt oberflächlich. Man müsste schon eine Projektwoche machen. Gerade in der Technik gibt’s so viele Bereiche, die man an einem Tag gar nicht alle einsehen kann. Außerdem müsste, wie gesagt, wieder strenger drauf geachtet werden, dass man den Berufen eine Chance gibt, die man fälschlicherweise dem anderen Geschlecht zugeschrieben hat. Und die Schüler sollten so viel wie möglich praktisch selber machen dürfen. Im IT-Bereich kleine Sachen programmieren, eine Lampe zum Leuchten bringen, irgendwas konstruieren... – dass man sieht, dass man was in Bewegung setzt und was es bewirkt.“

Wie ging’s für Dich selber nach der Schule weiter?

„Ich hab Elektro- und Informationstechnik studiert. Und nebenbei als Ausgleich zum ganzen Mathematischen geschrieben.“

Dein Buch heißt „Technikgirl“, darin geht’s um Mädchen, die alles wegwerfen, was rosa ist und glitzert, und sich lieber an einen Technikbaukasten setzen.

„Genau. Es ist bestimmt auch schön, über rosarote Prinzessinnen zu schreiben, die auf Einhörnern reiten (lacht). Aber meine Intention ist es, rüberzubringen, dass Mädchen, die Technik mögen, keine unerotischen, verschrobenen Nerds sind, die mit ihren fünf Katzen zu Hause sitzen und ewig alleine bleiben. Im Gegenteil, sie sind nicht nur genauso cool drauf wie Sprachstudentinnen, sondern total modern, fortschrittlich und in. Denn Technik bestimmt unser Zeitalter. Jeder ist vernetzt. Und wer die Technik nicht nur nutzt, sondern sich auch noch damit auskennt, wird in den nächsten Jahre schwer im Vorteil sein. Ich möchte diese Klischees durchbrechen, denn ich musste mir im Studium selbst oft dumme Sprüche anhören. ,In Elektrotechnik sehen die Mädchen aus wie Männer‘. Oder: ,Du siehst ja gar nicht so aus, als würdest Du was mit Mathe machen!‘ Das fand ich beleidigend. Ich hab auch oft erlebt, wie die Jungs im Studium die Mädels als Sekretärinnen abstempeln, wenn Laborprotokolle gemacht werden mussten. Es war mir also eine Herzensangelegenheit, zu zeigen, dass wir im 21. Jahrhundert leben und Männer nicht automatisch in Technik besser sind, nur weil sie Männer sind. Das ist nämlich nicht mal wahr.“

Was erwartet die Leser Deines Buchs?

„Eine Reihe von sehr interessanten Interviews mit ,Technikgirls’. Eine hat ihren Doktor in Physik gemacht. Eine promoviert gerade bei der ,Gesellschaft für Schwerionenforschung‘. Eine ist Bachelorette, hat Lebensmitteltechnologie studiert. Eine Mechatronikerin, eine IT- Expertin... Es geht viel um die Ausbildungen und Lebensgeschichten. Das Buch ist in drei Kategorien aufgeteilt. Erst mal erzählen die Mädels, wie es dazu kam, dass sie sich für einen technischen Beruf entschieden haben. Im zweiten Teil geht’s um Förderung und Unterstützung. Werden die Mädchen, die Technik interessant finden, von ihren Lehrern gefördert? Oder kriegen sie eher zu hören: ,Mach mal lieber was mit Sprachen!‘. In der Schule wird uns oft was Falsches eingebläut. Ich hatte zum Beispiel in der Grundschule einen Lehrer, der den Mädchen beim ,Eckenrechnen‘ Vorsprung gegeben hat, weil er davon ausging, dass die Jungs eh fitter in Mathe sind. Das macht mich jetzt noch total sauer! Naja, und der dritte Teil des Buchs beschäftigt sich dann mit der tatsächlichen Berufswelt, dem Technikstudium oder der Ausbildung. Und damit, wie die Kollegen die ,Technikgirls‘ behandeln.“

Mädchen und Jungs sind also auch im Jahr 2014 immer noch nicht gleichgestellt?

„Auf dem Papier natürlich schon, aber es sieht leider doch noch anders aus in der Berufswelt. Viele der Frauen, die ich interviewt habe, sind nicht auf direktem Weg zu ihrem technischen Beruf gekommen. Und es dauert noch eine Weile, bis wir im Job anerkannt sind – und bei allen Kerlen, Chefs und Abteilungsleitern. In meinem Buch ist ein Interview mit einer Mechatronikerin, die echt harten Tobak von Kollegen in der Werktstatt zu hören kriegt. Ihr wird gesagt, dass sie dies und das nicht anfassen soll, weil sie nun mal eine Frau ist und nicht so hart arbeiten könne. Sie darf dann halt putzen...“

Gibt es Deiner Meinung nach heute noch irgend einen Bereich, der wirklich sinnvollerweise nur einem Geschlecht vorbehalten sein sollte?

„Nein. Und ich möchte dazu aufrufen, dass ein Pädagogik-Diplomer mal ein Buch über die ,andere Seite‘ schreibt und sich über den Sinn eines ,Boysdays‘ äußert. Denn es ist doch auch schade, dass es so wenig männliche Erzieher im Kindergarten gibt.“

Wer hat eigentlich mit diesem Klischee angefangen, dass Technik Männersache ist?

„Die Unterdrückung der Frau reicht geschichtlich bis ins Mittelalter zurück. Aber als es Frauen endlich erlaubt war, zu studieren, waren es gar nicht diese ,typischen Frauenfächer’ wie Jura oder Medizin, für die sie sich entschieden haben – nein, viele haben wirklich Mathematik oder Polytechnik studiert! Das glaubt man heute kaum, weil es sich im Laufe der Zeit leider wieder geändert hat. Aber ich hoffe wirklich sehr, dass irgendwann mal mehr als drei Prozent Mädchen Maschinenbau oder Elektrotechnik studieren werden."

Finden Jungs „Technikgirls“ sexy, oder fühlen sie sich in ihrer Männerrolle eher überrollt, wenn ihre Freundin das Auto selbst repariert?

„Unterschiedlich. Manche wollen auch heute noch zeigen: ,Tritt mal ‘n Stück zur Seite, ich zeig Dir, wie man(n) das richtig macht“. Und dann gibt es wiederum Kerle, die es total sexy und gut finden, wenn eine Frau nicht diese Ich-bin-ein-hilfloses-Mädchen-Masche abzieht. Alle jungen Männer, die ich kenne, finden’s toll, wenn ein Mädchen auch mal den Hammer schwingt und eine Aufgabe nicht sofort abgibt, weil sie sich nicht stark genug fühlt.“

Wie ist ein typisches „Technikgirl“?

„Typisch untypisch! Ich kenne welche, die aus Protest Röcke anziehen, um zu zeigen: ,Wir sind Mädels, aber wir können auch Mathe!‘ Und ich hab eine Freundin, die ihren rosafarbenen Laptop mit ,Hello Kitty‘ drauf aufkappt und die Kerle alle an die Wand programmiert.“

Was für Türen stehen technisch interessierten Mädchen heute denn so offen?

Stefanie Mühlsteph

„Ziemlich viele! Die meisten jungen Ingenieurinnen, die ich kenne, bereiten sich darauf vor, dass sie in fünf Jahren auf einem Chefsessel sitzen. Frauen werden in technischen Berufen in manchen Firmen sogar bevorzugt, weil sie einen anderen Blickwinkel, andere Ideen und Problemlösungen einbringen. Vielleicht liegt es daran, dass wir Frauen andere Areale im Gehirn benutzen. Ich lege jedenfalls allen Mädels, die sich für Mathematik, Ingenieurs- und Naturwissenschaften interessieren, ans Herz: Wer mit einer IT- Ausbildung anfängt, ist jetzt schon heiß begehrt und wird spätestens 2030 mit Kusshand genommen, weil dann so ein Fachkräftemangel herrschen wird.“

Viele Mädchen übergeben jede technische Aufgabe automatisch ihrem Papa oder Freund. Ein absolutes No-Go für Dich, oder?

„Ja. Ich probiere erst immer selbst alles aus. Wenn ich’s nicht hinbekommen sollte, google ich nach. Wenn’s dann immer noch nicht klappen sollte, frage ich vielleicht mal meinen Freund. Aber ich finde: Wir sollten es wenigstens probieren. Technik ist überall um uns herum, wir kommen keinen Tag mehr ohne aus. Darum, finde ich, sollte jeder ein gewisses Interesse dafür aufbringen und nicht gleich davonlaufen. Technik ist viel mehr als trockene Formeln, die man im Unterricht durchkaut. Ich wünsche mir, dass wir schon früh lernen, wie man Mathe und Technik im Leben und später im Beruf anwendet, und was man damit erschaffen kann. Denn glaubt mir: Es gibt nichts Cooleres, als ein Technikgirl zu sein!!!“

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