Homosexualität

"Wir sind wie andere Pärchen auch"

Laurina (l.) und Dörte

Laurina (20) und Dörte (21) führen eine normale Beziehung – nur eben ohne Mann

Von Natalie Schrank  – Zwei Mädchen sitzen lachend und tratschend in der U-Bahn – ein alltägliches Szenario, das niemanden ernsthaft zu interessieren scheint. Plötzlich streichelt eines der Mädchen dem anderen durchs Haar und drückt ihrer Freundin einen verliebten Kuss auf den Mund – schon richten sich alle Blicke auf das Pärchen. Viele Mitreisende sind total schockiert. Unsere Gesellschaft geht zwar inzwischen einigermaßen tolerant mit dem Thema Homosexualität um. Normal sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften für die meisten Menschen allerdings immer noch nicht. Meine Cousine Laurina Richter lernte Dörte Stempniewske vor zweieinhalb Jahren auf meinem Geburtstag kennen. Seitdem sind die beiden zusammen. Am Anfang war es schwierig für mich, zu akzeptieren, dass es die beiden nun nur noch im Doppelpack gibt. Schließlich ist Dörte eine meiner besten Freundinnen und mit Laurina bin ich aufgewachsen. Dass die beiden lesbisch sind, war und ist mir bis heute egal. Die Hauptsache ist, dass sie glücklich miteinander sind – und das sind sie, wie sie mir mehrfach im Interview bestätigen.

Erzählt mal ein bisschen was von Euch.

Laurina: „Ich bin 20 Jahre alt, komme ursprünglich aus Achim, wohne jetzt aber in Kassel und studiere dort Politik und Germanistik. Zu meinen Hobbys gehört das Reiten. Wir haben uns sogar eigene Pferde gekauft. Außerdem spiele ich gerne Prellball.“

Dörte: „Also, ich bin 21 Jahre alt, komme aus Wittorf, wohne mit Laurina zusammen und bin Auszubildende zur Bereiterin von Islandpferden. Wir leben auf dem Hof, auf dem ich arbeite.“

Wie lief Euer Kennenlernen genau ab? 

Laurina: „Wir waren – wie Du ja weißt – auf Deinem Geburtstag und die einzigen in unserem Alter. Die anderen Gäste waren alle jünger als wir. Daher sind wir ins Gespräch gekommen. Wir waren uns von Anfang an sehr sympathisch.“

Was für Schwierigkeiten hattet Ihr am Anfang Eurer Beziehung? 

Dörte (lacht): „Eigentlich gab es keine Schwierigkeiten – außer unserer Schüchternheit. Daher hat es ein bisschen gedauert, bis wir zusammengekommen sind.“

Wie habt Ihr Euch geoutet? 

Laurina: „Wir haben uns von Anfang an nicht versteckt. Als wir zusammen waren, haben wir einfach jedem Familienmitglied und all unseren Freunden von unserer Beziehung erzählt.“

Wie haben die reagiert?

Dörte: „Ein paar waren überrascht, aber die meisten wussten insgeheim schon, dass wir lesbisch sind. Es hat keiner reagiert, als wäre es unnormal – es war für niemanden etwas Besonderes.“

Und wie haben Eure Familien Euer Outing aufgenommen?

Laurina: „Das war nicht ganz so einfach. Die meisten hatten kein Problem damit. In ein paar Fällen mussten sie sich aber erstmal daran gewöhnen.“

Wie geht Ihr in der Öffentlichkeit miteinander um?

Dörte: „Wir gehen ganz normal miteinander um – wir sind wie andere Pärchen auch. Wir verstecken uns nicht, aber wir provozieren auch niemanden.“

Wie geht Ihr mit Blicken von Passanten um? 

Laurina: „Wir versuchen so was, so gut es geht, zu ignorieren. Oft gucken die Leute auch einfach nur verwundert, weil sie damit nicht rechnen. Wenn allerdings dumme Kommentare kommen, pfeffern wir gerne auch mal eine Antwort zurück. Sowas lassen wir uns einfach nicht bieten.“

Wann und wie ist Euch klargeworden, dass ihr lesbisch seid? 

Dörte: „Das war uns schon klar, bevor wir zusammen gekommen sind. Es hat sich mit der Zeit so entwickelt. Wir haben dann mit fünfzehn unsere ersten Erfahrungen in dieser Richtung gesammelt und festgestellt, dass wir damit auf dem richtigen Weg sind.“

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Jungs gemacht?

Laurina: „Ich hatte schon intimere Beziehungen mit Jungs als Dörte – die hat sich dafür nicht so interessiert. Der Unterschied ist schwer zu beschreiben. Es fühlt sich einfach nicht richtig an. Dabei geht es nicht nur um die körperliche, sondern auch um die zwischenmenschliche Ebene. Wir können uns beide keine Beziehung mit einem Jungen vorstellen.“

Was ratet Ihr anderen schwulen oder lesbischen Pärchen, die sich nicht trauen, sich zu outen? 

Dörte: „Man sollte offen und ehrlich zu dem stehen, was man fühlt. Man sollte sich nicht verstecken oder einschränken lassen, sondern so sein, wie man ist.“

Wo genau kann man in Bremen und Umgebung denn Gleichgesinnte kennen lernen? 

Dörte: „Bremen hat eine tolle Szene. Man kann meistens von Donnerstag bis Sonntag feiern gehen. Das ,Next' ist eine gute Adresse für junge Homos. Da trifft man jedes Wochenende nette Leute. Ansonsten bieten die Clubs ,Gleis 9' und ,Moments' regelmäßig Partys für Schwule und Lesben an. Im Netz gibt es unter ,bremen.gay-web.de' Hinweise auf Veranstaltungen in der Umgebung. Da werden zum Beispiel Discos, Partys, Bars und Cafés empfohlen.“

Was wünscht Ihr Euch für die Zukunft?

Laurina: „Wir wünschen uns, dass es mit uns beiden so harmonisch weitergeht, wir weiterhin zusammen akzeptiert werden und natürlich, dass Homosexualität irgendwann von jedem als ,normal’ angesehen wird.“

Könnt Ihr Euch vorstellen, irgendwann zu heiraten?

Dörte (wirft Laurina einen verliebten Blick zu): „Übers Heiraten haben wir schon oft geredet und wir fangen immer wieder an, zu planen. Also ja, wir wollen auf jeden Fall irgendwann heiraten. Das steht für uns sicher fest.“

Und wer von Euch dürfte dann das Brautkleid tragen?

Laurina: „Wahrscheinlich werden wir beide eins tragen. Ich hab mir immer vorgestellt, im Kleid meiner Mama zu heiraten. Mal sehen, worauf es hinausläuft. Du wirst es dann ja sehen – schließlich wirst Du eingeladen.“

Da bin ich gespannt. Und jetzt noch eine letzte Frage: Wo trifft man Euch denn am Wochenende?

Dörte: „Um ehrlich zu sein, trifft man uns am Wochenende meist zu Hause. Kassel bietet Schwulen und Lesben leider nicht so viele Möglichkeiten, feiern zu gehen. Daher freuen wir uns immer, wenn wir unsere Familien besuchen, weil wir dann in Bremen ausgehen können.“

Wer legt die Norm fest, die besagt, dass nur Jungen und Mädchen zusammen gehören, wenn es doch viele glückliche schwule und lesbische Pärchen gibt? Wer behauptet Homosexualität verstoße gegen den Willen der Natur, wenn sogar im Tierreich gleichgeschlechtliche Paare zu finden sind? Es ist doch unwichtig, ob man seine Liebe mit einem Mann oder einer Frau teilt – wichtig ist nur, dass man liebt. Völlig ungestört von den Blicken der Insassen nehmen die Mädchen sich an die Hand und erheben sich von den U-Bahn-Sitzen. Eine Stimme verkündet die nächste Station, als das Pärchen sich lächelnd an starrenden Blicken vorbeischiebt. Die Bahn hält, die Türen öffnen sich, und die beiden verlassen das Abteil. Hand in Hand betreten sie den überfüllten Bahnhof und fügen sich dem Menschenstrom in Richtung Freiheit.

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