"Ich bin der Boss im Bus!"

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Friederike ist die jüngste Lkw-Fahrerin Deutschlands.

Twistringen - 40 Tonnen unterm Hintern sind für Friederike Wensing das Größte überhaupt. Mit 18 Jahren ist sie die jüngste Bus- und Lastwagenfahrerin Deutschlands. Im Interview erzählt sie von sich und ihrem für ein Mädchen ungewöhnlichen Job.

Friederike, bevor ich Dich gesehen habe, hab ich mir Dich so vorgestellt: Deine Unterarme sind übersäht mit Tattoos, Du trägst Deine langen, strähnigen Haare als Pferdeschwanz, hörst Country und ernährst Dich ausschließlich von Doseneintopf mit Bockwurst. 

Friederike (lacht): Nein, nein, mit diesen Klischees habe ich nichts zu tun. Auch wenn ich schwere Brummis fahre, bin ich ein ganz normales Mädchen. Ich geh nicht ins Fitnessstudio, sondern mit Freundinnen shoppen, liebe schnulzige Filme und schminke mich natürlich. Mit Tattoos kann ich auch nichts anfangen. Viele Leute fragen mich, warum ich so einen Beruf gewählt habe. Eigentlich wollte ich Sozialarbeiterin werden. Ich bin auf ein bischöfliches Berufskolleg gegangen und hab mein Fachabi im Sozial- und Gesundheitswesen gemacht. Aber irgendwann merkte ich, dass ich total auf Autos stehe. Als Busfahrerin kann ich beides verknüpfen. Ich hab viel Kontakt zu Menschen und ich darf jeden Tag hinterm Steuer sitzen.

Wie bist Du an den Job gekommen?

In der Zeitung stand die Anzeige einer Firma: „Berufskraftfahrerin gesucht“. Ich hab mich direkt beworben, und wenig später durfte ich mit der Ausbildung beginnen. Ich habe in nur anderthalb Monaten meinen Lkw- und Busführerschein gemacht. Normalerweise muss man damit bis zum 21. Lebensjahr warten. Seitdem fahre ich im Linienverkehr. Hauptsächlich Schüler. Ich bin jetzt im ersten von drei Ausbildungsjahren.

Rauben Dir schreiende Schulkinder nicht den letzten Nerv?

Naja, zuerst hatte ich da schon Bedenken. Aber ich kann ganz gut abschalten und den Lärm ausblenden, wenn ich mich auf den Verkehr konzentriere. Und mal ehrlich: Wir haben doch genau so Krach gemacht.  Du bist so alt wie manche Schüler.

Kannst Du Dich gut durchsetzen?

Es gab ein paar, die mich wegen meines Alters nicht ernst nehmen wollten. Da musste ich dann andere Saiten aufziehen. Wenn’s drauf ankommt, bin ich nicht zimperlich, also hab ich denen klar gemacht: Ich bin der Boss im Bus! Die meisten Schüler sind aber nett, von der fünften bis zur 13. Klasse. Was mir mehr Sorgen macht, ist momentan das Wetter. Ich habe große Verantwortung, deshalb begleitet mich bei Schnee und Glätte ein älterer Fahrer. 

Bist Du manchmal auch allein im großen Wagen unterwegs?

Wenn ich die Schüler weggebracht habe, bin ich auf dem Rückweg ja alleine. Das genieße ich irgendwie... Entweder mag ich es dann ganz still, oder ich habe das Radio an. Durch die Nachrichten erfahre ich immer das Neueste aus aller Welt. Außerdem laufen morgens Comedy-Sendungen – und natürlich Musik. Wenn niemand im Bus sitzt, summe ich ganz gerne mit.

Kannst Du gut summen?

(lacht) Ich weiß nicht...

Sind Deine Freunde oder Eltern schon mal bei Dir mitgefahren?

Ja klar, die finden meinen Beruf alle total klasse. Meine Freunde steigen öfter mal ein, und auch mein Vater hat sich damals für meine erste Fahrt extra Zeit genommen. Der war vielleicht stolz – schließlich habe ich meine Leidenschaft für Autos  von ihm geerbt, obwohl er beruflich Psychologe ist.

Hast Du einen guten Orientierungssinn?

Es geht. Zum Glück gibt’s ja Navigationsgeräte. Aber ich kann mir auch ganz gut merken, wenn ich irgendwo schon mal war. Außerdem ist Routenplanung Teil meiner Ausbildung. Meine Ausbildung besteht aus mehreren Teilen: Zuerst muss man die gültigen Führerscheine für Lastwagen und Busse machen. Dann gibt es einen schulischen Teil. Wir lernen alles über die Technik der Fahrzeuge, berechnen die Strecken und so weiter. Mal ganz davon abgesehen, dass ich während der Ausbildung täglich auch Linien fahre, muss ich für etwa einen Monat in einer großen Buswerkstatt arbeiten. Das ist sinnvoll, weil ich mir so bei einer Panne selber helfen kann. Reifen wechseln, einen Motorschaden erkennen, jede Menge kleine mechanische Eingriffe.

Hast Du einen festen Freund?

Nein.

Wie reagieren die Jungs, wenn Du ihnen von Deinem Beruf erzählst?

Viele bekommen große Augen und sagen sowas wie: „Wow. Das hätte ich Dir nicht zugetraut.“ Im Prinzip habe ich noch nie mit ‘nem Kerl gesprochen, der damit nicht klargekommen ist. Manche denken, für meinen Beruf seien nur Männer geeignet. Bei mir in der Firma gibt es ziemlich viele Frauen. Weißt Du, ich liebe meinen einzigartigen Beruf, und mir ist egal, wenn jemand damit ein Problem hat. 

Ist Dein Traumprinz auch ein Lkw-Fahrer, der für Dich Doseneintopf mit Bockwurst kocht und sich während der Fahrt die Zehennägel schneidet? 

(lacht) Nie und nimmer! Nein, ganz im Ernst: Es wäre mir egal, was für einen Beruf er hat. Mein Liebster könnte Krankenpfleger sein, im Supermarkt kassieren oder irgendwo Dreck wegfegen, das wäre mir schnurzegal. Wichtiger ist nur, dass man sich sympathisch findet. Und er dürfte nicht zu eifersüchtig sein.              

Jan Schmidt (23 Jahre) aus Twistringen

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