Warum Massenchats meistens im Desaster enden

Zur Hölle mit WhatsApp-Gruppen!

+
Was denn jetzt?!

Von Mara Schumacher. „Wo treffen wir uns?“ Zwei blaue Häkchen. Alle haben es gelesen. Aber keiner der zirka 195 Gruppenmitglieder fühlt sich angesprochen. Das fühlt sich so an, als würde man einen Witz erzählen und niemand lacht. WhatsApp-Gruppen sind grausam.

Sie kommen aus dem Nichts und nehmen dich gefangen. Du kannst dich nicht gegen sie wehren, denn sie sind mächtiger als du. Keiner weiß, zu welchem Zweck dieses Folterwerkzeug eigentlich dienen soll, denn fest steht: Niemand, wirklich niemand kann behaupten, dass er schon mal an einer erfolgreichen Planung oder Diskussion einer Veranstaltung oder eines Anliegens innerhalb einer WhatsApp-Gruppe teilgenommen hat. Und wenn doch, dann ist dieser tapfere Jemand vermutlich an Erschöpfung gestorben. Vermeintliche Einfachheit war ursprünglich mal der Sinn vom Massenchat: Ganz schnell und unkompliziert irgendwas mit mehreren Leuten planen oder den halben Freundeskreis über irgendeinen Schwachsinn informieren. Problem dabei ist nur, dass es nie schnell und auch nie unkompliziert geht. Das treibt einen in den Wahnsinn und zu dem Wunsch, dass WhatsApp-Gruppen wieder in ihre Herkunft Hölle verbannt werden und die Menschheit in Ruhe lassen.

Es ist ja nicht so, dass Gruppen nur Nachteile haben. Aber der entscheidende Vorteil scheint bislang auch nicht bekannt zu sein. Sie gehen einfach auf den Geist. Das können sie immerhin verdammt gut. Denkt man an die Schulzeit zurück, gingen Gruppenprojekte schließlich auch immer schief und endeten meistens im Streit: Einer hat sich zumindest ein bisschen bemüht und alle anderen haben nur Schrott fabriziert oder gar nix beigetragen. Warum sollte es in der virtuellen Welt denn anders sein. Wie viele Smartphones sind wohl schon elendig verreckt, weil der Speicher die Masse an dümmlichen Videos nicht verkraften konnte, die über Gruppen verschickt wurden? Oder was ist mit den ganzen sinnlosen Bildchen, die manche Chat-Terroristen tagtäglich in die Runde senden? Wir wollen diesen Mist nicht haben! Achja, nicht zu vergessen sind Kettenbriefe. Kaum zu glauben, aber es gibt immer noch Leute, die ihre Mitmenschen mit solch einem Mist belästigen. „Schicke diesen Engel an 25.000 Leute oder du erstickst an Rattengift“. Perfekt abgerundet wird die mediale Verdammung noch mit zehnminütigen Sprachnachrichten von Typ B, der sich mega gern selbst reden hört und vermutlich der einzige Teilnehmer ist, der sich die Nachricht anhört. Oder von Typ C, der die Gruppe als sein Sprachrohr sieht, mit dem er sich endlich mitteilen kann, weil ihm sonst keiner zuhört. Er tippt jedes winzige Detail seines Tagesablaufs ein und tut so, als habe er in den anderen Mitgliedern plötzlich richtig dicke Freunde gefunden. Was er nicht weiß: Dass manche Leute seinetwegen Aggressionsprobleme bekommen. Von Leuten, die im betrunkenen Zustand wie ein Tornado durch Gruppen jagen, brauchen wir ja gar nicht erst anfangen…

Stumm für die Ewigkeit, bitte!

In diesem Wirrwarr an Infos, die eigentlich gar keine sind, findet sich kein Mensch zurecht. Dinge, die in fünf Minuten geklärt werden könnten, dehnen sich auf Wochen oder Monate aus. WhatsApp-Gruppen sind der Endgegner, der nie besiegt werden kann und der nie aufhört, seine Waffen zu schleifen. Top-Grund für die unnötige Gründung einer Gruppe sind seit jeher Geburtstage. Es ist nicht einfach, die Nerven zu behalten, wenn das eigentlich lautlose Handy plötzlich vibriert und man sofort über das Grauen Bescheid weiß: Es kann nur eine neue Gruppe mit einem bescheuerten Namen sein, die mich und meinen Alltag belästigen will. „Du wurdest hinzugefügt“ klingt so wie  "Du musst acht Jahre in den Knast“. Das schnelle Stummschalten bringt fürs Erste ein wenig Entspannung und Ruhe. Doch leider können Gruppenteilnehmer nicht stummgeschaltet werden. Gut beraten ist man, wenn man einfach als passiver Beobachter agiert. Also nur lesen und möglichst wenig schreiben, damit läuft man keine Gefahr, sich in eine hitzige Debatte zu verstricken, die mehrere Wochen dauert. Doch hat man tatsächlich selbst etwas Wichtiges zu sagen oder eine brennende Frage auf dem Herzen, stellen sich alle anderen tot. Die blauen Häkchen beweisen, dass jeder die Nachricht gelesen hat und in diesem Moment bereut man die Entscheidung, selbst etwas zum Chat-Chaos beigetragen zu haben. Auch ein verzweifeltes„ Ey hallo, krieg ich mal 'ne Antwort?“ hilft eigentlich nie. Wenn die Leute Zeit haben, Nachrichten zu lesen, dann haben sie doch wohl auch zwei Minuten Zeit, um was zu schreiben, oder nicht? Vielleicht hat man etwas Glück und eine unbekannte Person mit einer fremden Nummer antwortet zumindest. Wer ist das überhaupt? Nachdem man nach einer aufwendigen Stalking-Aktion mit intensiver Profilbild-Betrachtung rausgefunden hat, wer so freundlich geantwortet hat, ist der erste Gedanke oft: „ Boa, DIE ist das? Die soll die Klappe halten, von der will ich nichts lesen.“  

Aber so richtig verarscht kommt man sich erst vor, wenn man eine Frage gestellt hat und irgendein Depp einfach ein „lustiges“ Katzenvideo schickt, anstatt auf die Frage einzugehen. Was ist falsch mit den Leuten? Falls wirklich ein sehr wichtiges Anliegen ansteht, sollte dieses frühzeitig publik gemacht werden. Am besten so acht Jahre vorher. Denn das bereits angesprochene „Wo treffen wir uns?“ scheint derart kompliziert und tiefgründig zu sein, dass sich die Leute erst einmal intensiv mit der Thematik auseinandersetzen müssen, um adäquat antworten zu können.  

Innerhalb des Chat-Massakers fühlt man sich wie früher im Kindergarten, wo alle durcheinander schreien, Sachen umherwerfen und sich mit Matsch einsauen. Man möchte fliehen, einfach abhauen, mit der Sandkasten-Schippe ein paar Chat-Teilnehmer zur Besinnung bringen und nie wieder zu einem Geburtstag oder einer anderen Aktion via Gruppe eingeladen werden. Doch den Folter-Knast zu verlassen ist vermutlich härter, als aus einer Sekte auszutreten. Du kommst hier nicht raus. Wenn man es doch tun will, macht sich schnell Panik breit: „Sind die anderen jetzt sauer auf mich?“ „Was ist, wenn ich jetzt doch noch was Wichtiges verpasse?“ Genau diese quälenden Gedanken verhindern oftmals den erlösenden Austritt, obwohl es keinen lebenden Beweis dafür gibt, dass in einer Gruppe tatsächlich etwas verpasst wurde.  

Was wollt ihr von mir? Lasst mich in Ruhe!

Für das Geburtstagskind und gleichzeitigen Admin ist das virtuelle Zusammentrommeln der Leute die einfachste Möglichkeit, 150 Gäste auf einmal einzuladen und denen die Eckdaten der Party zu nennen. Dennoch ist den Gruppen-Gründern selten bewusst, was sie für Schaden bei den Beteiligten anrichten. Niemand hat Bock auf Gruppen-Quatsch. Alle wünschen sich insgeheim, dass mal wieder 'ne richtige Geburtstagseinladung per Post ins Haus flattert. Aber dieser Luxus gehört nun mal der Vergangenheit an, weil ja alle viiiiel zu beschäftigt sind, um mal drei Sätze mit einem richtigen Stift zu schreiben. Und dann muss der Kram ja auch noch zur Post gebracht werden. Wann soll man das bitte schaffen zwischen Netflix-Sessions und Studium-Stress? Die meisten Gruppen werden mit ausgewählten Mitgliedern nochmal in Untergruppen aufgeteilt, schließlich muss ja auch noch die Geschenk-Sache geklärt werden und wer zum Geburtstag fährt, wen wo abholt und mitnimmt. Macht also drei Stress-Chats, deren Management einem Vollzeitjob gleichkommt. Ein paar Urlaubstage während der akuten „Gruppenphase“ können also nicht schaden.

Das Schlimmste, was man als gebeuteltes Opfer durchstehen muss, ist jedoch die permanente Hoffnung, dass noch andere Menschen in Privatchats schreiben. Ganz bestimmte Menschen, auf dessen Nachricht schon stundenlang vergebens gewartet wird. Dann blinkt das Handy und die Hoffnung steigt. Bitte lass es keine Gruppennachricht sein. Und was passiert dann? Natürlich: Person A hat das Äffchen mit den zugehaltenen Augen in die Gruppe geschickt. Einfach nur so. Vermutlich, weil Person A Langeweile hatte und sonst keine Nachrichten zu senden hat. Zum Teufel! Guckt man drei Minuten nicht aufs Handy, prasseln oftmals zirka 189 neue Nachrichten mit 95 Tippfehlern pro Satz auf einen ein. Morgens, mittags, abends, nachts. Immer und überall. Nie hat man Ruhe. Diese Nachrichten haben jedoch nur selten irgendeinen Inhalt. Meistens sind es Emojis. Oder drei Gruppen-Sklaven diskutieren über ein Thema, was mit dem Gruppennamen „25. Geburtstag“ überhaupt nix am Hut hat und nerven damit alle anderen. Oder es wird gestritten oder heftig darüber diskutiert, was das Profilbild der Gruppe sein soll. Ja, manche überambitionierte Chatter kümmern sich um die Gruppe wie um ein Baby.

Richtig ernst wird es, wenn der Admin Stress macht, weil noch keiner der Knechte den Geburtstag (Ja, der war ursprünglicher Anlass der Gruppe) richtig zu- oder abgesagt hat und das die Planung des Geburtstages noch viel unmöglicher macht als ohne WhatsApp-Gruppe: Denn aus irgendwelchen Gründen existieren Begriffe wie „Ja“ oder „Nein“ nicht mehr. Jede Zustimmung oder Ablehnung wird mit einem „Mal sehen“, „Vielleicht“, „Ich weiß noch nicht so genau“ abgeschwächt. Ist ja nix in Stein gemeißelt. Und das ist das ganze Problem von Gruppen: Man kann immer wieder seine Meinung ändern, immer wieder zu- oder absagen oder verheißungsvoll versprechen, später nachzukommen, um dann doch zuhause zu bleiben. Keiner weiß Bescheid.

Früher ging das nicht. Damals gab es nur verbindliche Zu- oder Absagen, weil man nicht fünf Antwortkarten mit fünf verschiedenen Ansagen an das Geburtstagskind schicken konnte. Im Grunde sind WhatsApp-Gruppen für die Tonne, weil sie alles nur noch viel schlimmer machen. Es wird nix geplant, es wird nur rumgestresst. Dabei wird uns der Spiegel vorgehalten, wie tierisch unzuverlässig und planungsresistent wir alle geworden sind. Und das macht uns wütend auf andere und oft auf uns selbst.  

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Iran setzt ausländischen Tanker fest und verhaftet Crew

Iran setzt ausländischen Tanker fest und verhaftet Crew

EU-Treffen zur Seenotrettung im Mittelmeer endet ergebnislos

EU-Treffen zur Seenotrettung im Mittelmeer endet ergebnislos

Gesunder Schlaf: So finden Sie das ideale Kopfkissen

Gesunder Schlaf: So finden Sie das ideale Kopfkissen

Brandstifter zündet Filmstudio in Kyoto an: "Sterbt!"

Brandstifter zündet Filmstudio in Kyoto an: "Sterbt!"

Meistgelesene Artikel

„Ich bumse alles, aber ich liebe die Frauen tatsächlich auch.“

„Ich bumse alles, aber ich liebe die Frauen tatsächlich auch.“

Kommentare