Tomatensaft mit Salz und Pfeffer in 10.000 Metern Höhe

Im Himmel ist die Hölle los

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Dieses Bild hat chili-Reporter Jan Hoffmann aus Nienburg gezeichnet, als Alena von ihrer Ausbildung erzählte.

„Du bist Stewardess? Cool! Du kommst bestimmt wahnsinnig viel rum, oder?!“ So ein Gespräch führe ich bei jeder Party. Die meisten Leute denken, ich hätte den absoluten Traumjob. Eine Ausbildung zur Stewardess – immer unterwegs, einfache Arbeit, ein bisschen Tomatensaft verteilen, und dann schön entspannen in den besten Hotels auf der ganzen Welt!

Am Anfang hab ich es so ähnlich empfunden, wenn ich zwischen Hin- und Rückflug im badewannenwarmen Meer der Karibik baden konnte. Aber die Arbeit selbst als Stewardess hat mir nie viel Spaß gemacht. Schon nach wenigen Wochen sah ich alles anders. Traumjob? NEIN! Albtraum!

Stewardess = Kellner in der Luft?

Allein, wie diePassagiere in Flugzeugen mit Stewardessen umgehen. Das allgemeine Bild von Flugbegleitern ist leider, dass wir bloß Kellner in der Luft sind und nicht mehr als gutaussehende, gestylte Blödchen. Dabei sind wir eigentlich hauptsächlich für die Sicherheit während des Fluges da. Getränke und Essen sind Serviceleistungen, die jede Airline in unterschiedlichem Maß nebenbei anbietet. In Billig-Fliegern wird man es zum Beispiel nicht erleben, dass man den Tomatensaft umsonst bekommt.

Viele Passagiere nehmen nicht mal einen Kopfhörer aus dem Ohr, wenn wir sie ansprechen. Ich frage höflich, ob der Gast Milch oder Zucker zum Kaffee möchte, und es kommt nicht mal eine Reaktion. Wieso sollte man dem Blödchen auch nur minimalen Respekt zollen?

Wenn beim Check-in etwas schief läuft

Ein Klassiker ist auch die Situation, wenn beim Check-in irgendwas schief gelaufen ist und dann die junge Frau, die wahnsinnige Flugangst hat, und ihr Freund an ganz unterschiedlichen Enden des Fliegers sitzen. Natürlich versuchen meine Kollegen und ich dann zu helfen, super gerne sogar! Aber wenn man die beiden absolut nicht zusammensetzen kann, weil die Maschine komplett ausgebucht ist und die Passagiere, die neben dem auseinandergerissenen Paar sitzen, alle partout nicht tauschen wollen – dann sind wir die Bösen. Es wird lautstark auf den miserablen Service der Fluggesellschaft geschimpft, mit der man nie wieder fliegen werde, und ich muss mich als unfähig und dumm beleidigen lassen. Obwohl ich die Plätze nicht vergebe und eine halbe Stunde lang mein Bestes gegeben habe, um eine Lösung zu finden.

Erfahrung als Stewardess: "Kerl brüllt mich an"

Gestern wäre ich einem Passagier am liebsten an die Gurgel gegangen. Ich bin durch den Flieger gelaufen, wir hatten Mega-Stress, ich musste mich um einen Gast kümmern, dem schlecht war und schnell etwas holen – da brüllte mich dieser Typ an: „Hallo? HALLO?! EY!!!“ Ey?! Was ist aus dem guten, alten „Entschuldigung?“ geworden? Vergiss es – Höflichkeit im Flugzeug? Gibt’s nicht!

Trotzdem muss man freundlich auf solche Idioten eingehen – mit dem typischen aufgesetztenStewardess-Lächeln. Obwohl man sie viel lieber schütteln würde! Klar kann man jetzt so argumentieren, dass die armen Passagiere ja gestresst sind und das Fliegen eine Extremsituation ist. Aber muss man sich deswegen wie ein Arschloch verhalten? Klare Antwort: Nein! Man muss jedem Menschen Respekt entgegen bringen – ob er Flugbegleiter, Anwalt, Klofrau oder Bettler ist. Niemand hat so einen Umgang verdient.

Flugbegleiter und der schicke Lifestyle

Noch so ein Klischee von meinem Beruf ist der Glamour. Der schicke Lifestyle. Auch davon merke ich nix, wenn ich mal wieder eine vollgeschissene Toilette sauber mache, von einem betrunkenen Passagier von oben bis unten vollgekotzt werde oder ohne ein „Bitte“ oder „Danke“ zu hören, benutzte Brechtüten in die Hand gedrückt bekomme.

Auch von Luxushotels träumen die meisten Flugbegleiter nur, wenn sie sich mal wieder in irgendeiner Absteige im Bett wälzen und wie blöd kratzen müssen, weil alles voller Bettwanzen ist. Das sind inzwischen schon gute Bekannte von mir. Genauso wie Kakerlaken im Badezimmer, die mich immer gerne näher kennenlernen möchten als ich sie.

Jetset-Leben als Stewardess ist eine Illusion

Dass Stewardessen auf der ganzen Welt Freunde haben und in jedem Land in coolen Club mit gutaussehenden Piloten feiern gehen, ist genauso ein falsches Bild. Meist sitzt man abends alleine in seinem Zimmer, ist geschafft und muss schlafen, weil es zu einer unmöglichen Zeit wieder weitergeht. Dann fühlt sich dieses vermeintliche „Jetset-Leben“ verdammt einsam an. Der Freund sitzt weit von einem weg zu Hause, den Geburtstag der Mama verbringt man in der Dominikanischen Republik (ohne Mama) und Weihnachten oder Silvester am besten noch komplett im Flugzeug. Immer mehr Leute aus Deinem Freundeskreis fangen an zu vergessen, wer Du bist. Oder laden Dich irgendwann gar nicht mehr ein, weil Du ja sowieso ständig sagst: „Ich würde so gern, aber ich bin da-und-da.“ Einige Menschen können damit vielleicht gut leben. Ich nicht.

Dazu kommt noch dieses oberflächliche Crew-Beisammensein. Während der Tage, die man miteinander verbringt, tun alle so, als wären sie meine besten Freunde. Aber es wird unfassbar viel gelästert in unserer Branche, und man sollte nicht mal kurz denken, eine Kollegin oder ein Kollege wäre wirklich ein Freund, dem man etwas Intimes anvertrauen könnte. Spätestens zwei Wochen später hört man dann nämlich mit großer Sicherheit eine total verdrehte und überspitzte Version der eigenen Geschichte von irgendwem. Dafür gibt es sogar ein Wort! „Galley-FM“. „Galley“ nennt man die Boardküche, in der wir arbeiten.

Neid, Konkurrenzdenken und furchtbare Gerüchte sind Standard in unserem Business. Und das ist ekelhaft, es ist mir so zuwider! Ich kann dieses „Hast Du schon gehört? Die Kollegin XY soll ja…“ nicht ab! Würg!!!

Pilot und Stewardess

Was leider kein Klischee ist, ist das Gerücht, dass fast alle Piloten was mit Stewardessen haben. Ich dachte am Anfang nicht, dass das stimmen kann, weil die meisten unserer Piloten verheiratet sind. Und – nennt mich naiv oder dumme Romantikerin – ich glaube an die Ehe. Ich persönlich würde einen verheirateten Mann niemals anfassen. Aber ich hab das Gefühl, so ziemlich jeder andere in diesem Job. Ich habe in den letzten Monaten so viele Affären, One-Night-Stands und Sex-Eskapaden von Kollegen mitbekommen, und die meisten geben sich nicht mal Mühe, das zu verstecken. Ich mag das nicht! Ich will diesen überlockeren Blick auf feste Bindungen nicht bekommen. Ich möchte gar nichts mit diesen Geschichten zu tun haben.

Ich könnte ewig so weiter erzählen. Natürlich habe ich auch schon mal das Gegenteil von all diesen Negativ-Dingen erlebt. Zum Beispiel, dass ich superliebe, freundliche Passagiere hatte oder auch mal einen Piloten, der nicht baggerte. Aber das sind leider Ausnahmen.

Ste-ward-ess = stehen, warten, essen

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich letztendlich in meiner Ausbildung einiges gelernt habe. Warten macht mir nicht mehr so viel aus (Ste-ward-ess = stehen, warten, essen). Außerdem bin ich selbstbewusster geworden und kann meinen Standpunkt besser vertreten. Mein Englisch ist echt super geworden. Über mich selbst hab ich eine Menge erfahren, was mich überrascht hat. Ich weiß jetzt, dass ich auch gern mal alleine bin, dass mir Heimatnähe viel wichtiger ist, als ich dachte, und dass dieser oberflächliche Lifestyle absolut nichts für mich ist. Und dass ich definitiv mehr auf dem Kasten habe, als ich in diesem Job zeigen kann.

Deswegen habe ich beschlossen, die Ausbildung noch zuende zu machen, aber sofort danach mit einem Studium anzufangen – und zwar in der Nähe meiner Heimat.

Stewardess: Tomatensaft mit Salz und Pfeffer in 10.000 Metern Höhe

Natürlich gibt es Leute, für die dieser Beruf als Stewardess genau das Richtige ist. Ich bereue auch nicht, ihn gemacht zu haben, ich durfte ja wirklich eine Menge erleben. (Wer kann schon von sich sagen, dass Kuba schon fast sein zweites Zuhause war?) Aber auf Dauer möchte ich einfach mehr vom Leben als Tomatensaft mit Salz und Pfeffer in 10.000 Metern Höhe zu servieren, von den Leuten nur als dumme „Saftschubse“ behandelt zu werden und Kotztüten zu reichen. Von Alena (19 Jahre) aus Diepholz

Auch hier berichtet eine ehemalige Flugbegleiterin von ihrem Berufsalltag als Stewardess.

Mehr Mut!

Ich hab ihn, meinen Traumjob! Aber bis ich da war, wo ich jetzt bin, habe ich oft an mir und der Welt gezweifelt. Meine Erfahrungen beschränken sich auf eine abgebrochene Friseurlehre und eine noch laufende Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. Der Unterschied zwischen den beiden Erfahrungen ist wie Tag und Nacht. Ich habe das Glück, dass ich jetzt nicht nur meine Arbeit gerne mache, sondern auch eine Superfirma gefunden habe, in der ich echt gut ausgebildet werde.

Dabei war mein Traumjob ja anfangs ein ganz anderer: Hairstylistin. Was ich während meiner Friseurlehre aber tatsächlich getan habe, war putzen, Haare zusammenfegen, Kaffee kochen, den Frust von Kunden abfangen und in einem Team aus Zicken zurechtkommen! Lernen konnte ich nur was, wenn sich mal jemand breitschlagen ließ, nach der Arbeit länger zu bleiben und mit mir zu üben. Ich kam mir vor wie eine Last für die Kolleginnen. Sie brauchten mich nur als Ablade-Box von Frust und Stress. Und auch für die Kunden war ich nur eine Hiwi-Kraft.

Bald kam ich nur noch mit Bauchschmerzen zur Arbeit und heulte regelmäßig auf dem Klo. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr. Meine Konsequenz: Abbruch im zweiten Lehrjahr.

Danach habe ich erst mal nur gejobbt. Eine Ausbildung hab ich mir nicht mehr zugetraut. Ich hatte Angst, wieder in so eine Situation zu gelangen. Aber durch einen meiner Jobs kam ich in meinen jetzigen Ausbildungsbetrieb. In dieser großen Firma wurde mir eine Stelle angeboten! Schon in den ersten Wochen merkte ich, dass es gut war, sich wieder in einen „richtigen“ Beruf zu trauen.

Was mir geholfen hat, war die Erkenntnis, dass es nicht nur mir, sondern vielen Auszubildenden beim ersten Anlauf so ging. Dass nur keiner gerne offen darüber spricht. Man wird als billiger Ersatz von ausgebildeten Arbeitskräften gesehen oder erledigt Tätigkeiten, die absolut nichts mit dem Lernen des Berufs zu tun haben. Allen, die das selber gerade durchmachen, rate ich: Gebt nicht auf! Nicht alle Firmen sind so. Ich sehe ja selbst gerade, dass es auch anders geht!

Es ist natürlich schwierig, sich zu trauen, eine Ausbildung abzubrechen, weil man immer vermittelt bekommt, dass man froh sein muss, wenn man überhaupt eine Stelle abkriegt. Das versetzt einen in eine lähmende Abhängigkeit. Warten hilft nix, ein schlechter Betrieb wird sich nicht ändern. Ihr müsst selbst aktiv werden. Habt Mut! Sucht weiter, denn irgendwann könnt Ihr genau so ein Glück haben wie ich und in einer guten Firma landen, von der Ihr nie mehr wegwollt!

Sanni (21 Jahre) aus Diepholz

Hast Du Dir alles ganz anders gedacht?

Eine Ausbildung ist kein Ponyhof: Du musst hart ran, machst Fehler, gibst Dir Mühe, kriegst Stress und hast Druck. Da müssen wir alle durch. Es ist halt nicht mehr wie in der Schule. Deswegen ist es wichtig, dass Du erst mal guckst, was Du selbst ändern kannst, damit es besser läuft. Wenn es aber wirklich daran liegt, dass Du in einer miesen Firma oder sogar im vollkommen falschen Beruf gelandet bist, den Du Dir ganz anders vorgestellt hast und unter keinen Umständen mehr machen willst, dann musst Du die Notbremse ziehen! Wer feststellt, dass der Beruf doch nicht das Richtige für ihn ist und sich umorientiert, der verliert nicht so viel Zeit und wirkt seriöser als jemand, der alles abwartet und aus Frust nur noch einen schlechten Job macht. Also traut Euch was Neues! Es geht um Euer eigenes Leben!!!

Basti (20 Jahre) aus Syke

Dritter Anlauf - Mein Beruf war nicht meine erste Wahl

Köchin war der Beruf, in dem ich immer arbeiten wollte. „Und dazu brauche ich ja nun echt kein Abitur!“, dachte ich mir, als ich in der zehnten Klasse die Schule abbrach. Ich fing gleich mit der Ausbildung an, und alles lief eigentlich ganz gut. Aber mittendrin ging es dann plötzlich nicht mehr weiter – das Restaurant war in den Miesen, ich bekam mein Gehalt nicht mehr!

Ich war sicher, dass ich schnell was anderes kriegen würde. Aber so war es nicht. Nach etlichen erfolglosen Bewerbungen – wer will schon einen Schulabbrecher?! – riet mir die Agentur für Arbeit, auch in anderen Berufsfeldern zu suchen. So fiel mir der Ausbildungsplatz zur Bürokauffrau vor die Füße.

Ich lernte in einem kleinen Betrieb, in dem ich nur männliche Chefs hatte. Aber es waren keine menschlichen, netten Chefs. Blöde Sprüche, Mobbing, Unterdrückung und Beleidigungen standen an der Tagesordnung. Mir wurde nichts erklärt, ich musste mir alles selbst beibringen, was nicht einfach war. Ich hatte als ungelernte Arbeitskraft von Anfang an die komplette Verantwortung für das Rechnungs- und Mahnwesen, den allgemeinen Schriftverkehr, die Kasse und die Kundenbetreuung. Es gab niemanden, der mir half – eine Ausbildung hatte ich mir echt anders vorgestellt!

Als es gar nicht mehr auszuhalten war, bewarb ich mich weg. Aber mein Selbstbewusstsein war inzwischen so schlecht, dass ich dachte, außerhalb dieser Branche würde ich sowieso nichts kriegen. Hier war ich ja wenigstens auf dem Papier in irgendwas ausgebildet...

Mein Traumberuf ist es erst jetzt geworden – in einer anderen Firma und mit tollen Kollegen! Ich hatte wirklich nicht mehr damit gerechnet.

Franzi (19 Jahre) aus Harpstedt

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