geguckt & gedruckt:

 „Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt" auf RTL2 - eine Fernsehkritik

chili-Fernsehkritiker Philipp Schockenhoff nimmt sich heute mal die RTL2-Doku-Soap "Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt" vor...

Arm sein ist nicht sexy. Egal, wie oft die Marketingexperten der Stadt Berlin diesen Spruch propagieren. Das neueste Beispiel gegen diesen Werbeslogan liefert eine neue Sendung auf RTL2: „Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt...“

Von Philipp Schockenhoff

DIE AUDIOVERSION:

Und hier könnt Ihr hören, was Philipp sonst noch so zur Sendung zu sagen hat. Im "geguckt & gedruckt" als Audioversion:

audio

„Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt...“ zeigt junge Menschen mit Geldproblemen – beziehungsweise: gecastete Jugendliche, die fiktive Szenarien spielen, anhand derer zwei Experten erklären, wo das Problem liegt und wie man es löst. Die Doku läuft seit gestern täglich. In der ersten Folge werden die beiden wichtigsten Personen so beschrieben: Die Mutter – „allein erziehend, liebevoll, arbeitet hart“, die Tochter – „naiv, wäre gern hip, träumt von Luxus“. Das Problem ist also wieder mal auf die einfachsten Klischees komprimiert. Überforderte Eltern und dumme, rücksichtslose Teenager, die die Zukunft unseres Lands versauen. Ihnen werden Sätze in den Mund gelegt wie: „Mein Dad ist übrigens auch Jetsetter!“, und sie sind ständig „auf dem Weg in ein hippes Café!“ Als wären diese Dialoge nicht schon peinlich und plakativ genug, wirken die Charaktere in den Folgen, als hätte man einfach die kleinen Geschwister von irgend einem Produktionsassistenten vor die Kamera gezerrt und ihnen ein Skript in die Hand gedrückt. Mit der Aufforderung, es so unnatürlich wie möglich vorzulesen. Das Overacting in dieser Sendung wurde wohl mit der Schneeschaufel verteilt. Ich hoffe einfach mal inständig, dass die beiden Experten – eine Psychologin und ein Rechtsanwalt – bis gestern nicht wussten, wie die fertige Sendung aussieht. Oder dass sie einfach nur aus dem Bewusstsein heraus gehandelt haben, helfen zu wollen, egal wie. Denn die Tipps der beiden sind durchaus brauchbar. Und die Idee eines Formats, das Jugendlichen mit Geldproblemen helfen soll (und alle, denen das passieren könnte, davor rettet), finde ich ja gut und edel. Aber diese RTL-„Hilf-mir!“-Umsetzung – najaaaa... Die Jugendlichen werden einfach nur stumpf dargestellt. Natürlich haben sie sich in ihre Geldprobleme immer selbst gebracht, undzwar aus unbeschreiblicher eigener Dummheit. Um aber nicht in die Falle zu geraten, dass die Protagonisten dem Zuschauer unsympathisch werden (denn dann könnte er ja umschalten), wird ein einfacher Trick angewandt. Man macht alle anderen drum herum noch unsympathischer und lässt sie Sachen sagen wie: „Kein Geld, keine Party!“. Noch ein wichtiges Anliegen der Drehbuchautoren scheint es zu sein, dass am Ende immer die anderen schuld sind – die bösen Freunde, der luschige Mitbewohner, der gemeine Zockerhai... Passend begleitet von emotionalen Sätzen wie: „Diese Kinder haben Dich zu einer Lügnerin und Betrügerin gemacht – aber das bist Du nicht!!!“ Zum Schluss ist dann aber immer alles wieder gut. Wir wollen die Zuschauer ja nicht mit einem miesen Gefühl zurücklassen. Und am Ende einer jeden Folge erlöst mich sogar der Satz: „Alle handelnden Personen sind frei erfunden.“ Ja. Danke für den Hinweis. Wenn dieser „Reality-Ratgeber“ nur ein ganz kleines Bisschen mehr gescriptet wäre, könnte er auch gleich als Daily Soap durchgehen. An alle jungen Menschen: Ich flehe Euch an – beweist, dass Ihr nicht so seid! Ich war auch Teenager, und ich weiß, wie kacke man da sein kann. Aber SO kacke? Nein!

 „Hilf mir! Jung, pleite, verzweifelt", Montag bis Freitag, 14.15 Uhr auf RTL2

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Fotostrecke: Erstes Werder-Training in der Coronavirus-Krise

Fotostrecke: Erstes Werder-Training in der Coronavirus-Krise

Autos, Bier und Zigarren - Wer "Corona" alles im Namen trägt

Autos, Bier und Zigarren - Wer "Corona" alles im Namen trägt

Auto fahren in Corona-Zeiten

Auto fahren in Corona-Zeiten

So motzen Sie Ihr Fahrrad auf

So motzen Sie Ihr Fahrrad auf

Meistgelesene Artikel

Coronavirus: WhatsApp-Konkurrent Telegram mit neuem Feature

Coronavirus: WhatsApp-Konkurrent Telegram mit neuem Feature

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

Theaterabend vor dem Computer: Online beim dritten Gong

„Tiger King“: Ein wahres und wildes Gaga-Drama mit Konfetti

„Tiger King“: Ein wahres und wildes Gaga-Drama mit Konfetti

Kommentare