Vor Süßigkeiten lässt sich nicht flüchten

Hilfe, Foodporn erobert meine Timeline

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Ganz einfach gemacht: Mit simplen und ansprechenden Rezeptvideos verlocken viele Seiten auf Facebook und Co.  

Von Rike Schockenhoff. Oh Nein, ich hab es schon wieder getan: Ich habe draufgeklickt. Auf ein Video in meiner Facebook-Timeline.

Eigentlich mag ich die meisten dieser Videos nicht, die mir da irgendwie präsentiert werden. Das sind doch seit 8 Jahren dieselben Sachen: Katzen, Hunde, Kinder mit Kekse. Aber seit ein paar Monaten wurden sie alle von etwas anderem abgelöst: Süßigkeiten.

Facebook oder Kochbook?

Keine Schokoriegel oder Haribos. Ach Quatsch, das ist was für Anfänger. Nein, auf meinem Feed tauchen plötzlich nur noch Videos von super-saftig schokoladigen Brownies auf, von Cupcakes mit zehn Zentimeter dickem Topping, von Pfannkuchen mit dem Durchmesser meines Küchentischs. Ab und zu tauchen auch mal herzhafte Gerichte auf. Ich hatte mir vor ein paar Tagen überlegt, dass ich doch mal gut einen Text schreiben könnte mit dem Titel „Warum verkommt eigentlich meine Facebook-Timeline zu einem Kochbuch?“

Und jetzt habe ich die Übeltäterin beim abendlichen ziellosen Herumgeklicke plötzlich erwischt: ich war es selbst. Klar, wenn ich Facebook zeige, dass ich mich für das Thema Kochen – oder in diesem Falle wohl eher attraktiv gestaltetes Zusammenschmeißen von knallsüßen Zutaten – interessiere, dann merkt sich der geheimnisvolle Algorithmus das und zeigt mir immer mehr, um mir einen Gefallen zu tun.

Immer immer mehr

Und dann kommt immer immer mehr. Die Lawine, die sich da auf meine Timeline ergießt, erinnert mich verdammt an die Schokoladenfüllung, die aus diesem Kuchen herauskommt, wenn man ihn anschneidet – ich hab das erst neulich gesehen... Ihr versteht, was ich meine, oder?

Denn irgendwie scheint plötzlich jeder ein paar dieser Rezepte in petto zu haben. Kochen und Backen muss nicht unbedingt was mit dem eigentlichen Geschäftsfeld zu tun haben. Hauptsache, man kann ein attraktives Paar Hände dabei filmen, wie es Avocados kleinschneidet und in einen Mixer steckt.

Toll anrichten... oder vorm Fernseher einfach so essen

Diverse Frauenmagazine teilen zum Beispiel ganz einfache Methoden, wie man noch schnell vor dem Treffen mit den Freundinnen ein paar vegane Häppchen machen kann. „No Bake“ zieht wohl immer. Blöd, dass man die Dinger trotzdem zwei Stunden in den Kühlschrank packen soll. Bis dahin bin ich mit meinen Mädels doch längst in die nächste Karaoke-Bar gegangen.

Von der Seite 9Gag kommen immer die Vorschläge für achtstöckige Torten mit einer Glasur aus Snickers, die innen teilweise hohl sind, so dass aus ihnen beim Anschneiden Smarties herausrollen können. Sieht ja wirklich toll aus, Leute. Aber wenn ich 50 Euro für Süßigkeiten ausgeben möchte, dann kann ich die doch auch einfach so vor dem Fernseher essen und mich damit ins Essenskoma begeben und muss nicht noch vorher meine Küche deswegen verwüsten.

Neulich zeigte mir sogar meine Krankenkasse ein tolles Video für One-Pot-Pasta, also die Nudelvariante von Eintopf. Man schmeißt alle Zutaten in einen Topf und am Ende kommt ein tollaussehendes Nudelgericht heraus. Das Beste? Man muss nicht so viel abwaschen, wenn man von Pasta und der dicken Käseschicht obendrüber total genudelt ist.

Achso, ich habe ja noch etwas ziemlich Wichtiges vergessen: Was ist mit den Avocados? Jetzt habe ich die Trendfrucht schlechthin zwar erwähnt, aber noch gar kein Rezept, in dem sie vorkommt. Kein Problem: Mit rohem Kakaopulver, geschmolzener Schokolade und Mandelmehl wird sie zu Brownies, mit noch mehr Kakaopulver und Ahornsirup gleich auch noch zum Frosting obendrauf. 

Wer die Avocado mit allerlei Gewürzen, Knobi und Öl in den Mixer schmeißt, bekommt Pesto für die Pasta, wenn Milch, Banane und Honig dazukommen, wird ein Milchshake draus. Und jetzt kommt das Ding schlechthin: Avocado-Kaffee. Zu dieser Mischung aus Avocado und kaltem Kaffee grassieren 1001 Rezepte online – und auch mehrere Versionen auf meiner Timeline. Übrigens ist auch mein Instagram-Account betroffen, Facebook musste den Bilderdienst ja kaufen... toll. 

Fetter Frappee statt Grünkohlsmoothie

Während bei manchen der gesunde Aspekt im Mittelpunkt steht, so mit Tiefkühlfrüchten, Grünkohl und Chia-Samen, machen andere Rezepte einfach einen fetten Frappee der anderen Art daraus: Da kommen dann auf das Ding oben noch eine gute Portion Schlagsahne und Schokodrops drauf.

Ich muss meinen nächsten Schritt jetzt genau planen. Gebe ich auf, ergebe ich mich den Vorschlägen von Facebook und koche tatsächlich mal ein Rezept nach? Oder suche ich mir ein neues Thema und klicke ganz eisern nur noch auf solche Videos? Meine Favoriten dafür sind bisher „Let's play“-Videos. Damit verschwindet dann vielleicht endlich die Schokoladenflut auf meinem Feed.

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