"In meiner Jugend war ich ein Nerd"

Fayzen heißt eigentlich Farsad Zoroofchi, und sein Vater war anfangs alles andere als begeistert von der Idee, dass sein Sohn unbedingt Musiker werden wollte. Im Interview erzählt er von einer Liebe aus Indien , und was sein Künstlername mit den Anfängen seiner Karriere zu tun hat.

Ein Casting, so richtig mit Singen vor einer Jury und tanzen, engen Jeans auf den Hüften und Herzensbrecherlächeln im Gesicht – sowas hat Fayzen nicht gemacht. Für ihn war früh klar, dass er Musiker werden und mit dieser Leidenschaft auch sein Geld verdienen will. Aber er ist den harten Weg gegangen. Hat seinen Gedichten einen Beat verpasst, sich in einer Hip-Hop-Crew durchgesetzt und seine Demotapes so ziemlich allen Leuten auf der Straße angeboten. Und irgendwie hat dieser Weg auch zum Erfolg geführt. Ein großes Major-Label wurde auf den Sänger aufmerksam. Gerade hat Fayzen sein erstes Album „Meer“ rausgebracht. chili-Reporterin Kimberley Kirchmann (19) aus Kirchweyhe hat ihn für Euch interviewt.

Fayzen ist nicht Dein richtiger Name. Wieso wirst Du so genannt? „Als ich 15 war, gab es eine Rap-Clique an meiner Schule, die Freestle-Sessions veranstaltete. Man durfte zwar zuhören, aber niemand, der nichtCrew-Mitglied war, hat sich getraut, das Mikro mal zu nehmen. Die Rollen waren klar verteilt. Ich hab immer so für mich meine Gedichte geschrieben, aber je öfter ich bei den Sessions war, umso mehr begann ich im Kopf, mitzufreestylen. Und irgendwann hab ich all meinen Mut zusammengenommen und vor den Leuten gerappt. Die ersten Male ist das Feedback ausgeblieben. Aber dann haben mir die alteingesessenen Freestyler zum Geburtstag einen Pullover geschenkt, wo vorn der Crew-Name ,RG’ draufstand. Und hinten war ,Fayzen’ draufgedruckt – mein Freestylername. Ich war unglaublich stolz, so dass ich den Namen bis heute beibehalten habe. Meine Familie ruft mich aber mit meinem richtigem Namen: Farsad.“

Wie waren die Anfänge, bevor Du bekannt wurdest? „Ich hab schon ganz früh Musik gemacht, Gedichte geschrieben und versucht, meine Gedanken in Poesie umzuwandeln. Ich war ein Fan von Goethe und Hafis, einem persischen Dichter.“

Wie haben Deine Eltern reagiert, als Du ihnen erzählt hast, dass Du Musiker werden willst? „Sie waren erst mal nicht einverstanden. Besonders mein Vater tat sich schwer, sodass wir einige Zeit kaum Kontakt hatten. Ich zog mit der Crew los und verkaufte Demotapes auf der Straße. Zu der Zeit sollte unser Haus, das mein Vater eigenhändig gebaut hatte, verkauft werden, weil es bei uns gar nicht rosig aussah. Ich nahm das ganze Geld, das ich mit meiner Musik verdient hatte, und konnte so unser Haus retten. Seitdem interessiert sich mein Vater sehr für meine Musik und Texte und befürwortet mein Tun.“

Wie ist es, wenn man auf der Straße Fremden seine Mixtapes andrehen will? „Man muss einen Teil seines Egos ausblenden und sich sagen, dass eine abweisende Haltung nix mit Deiner Musik oder Deiner Persönlichkeit zu tun hat.“

Worum ging’s in Deinem ersten Song? „Ich war in der Pubertät, als ich den schrieb. Musik ist ja wie ein Tagebuch. Du nimmst Gefühlslagen und Ereignisse auf, und man hört, wo man zu dem Zeitpunkt im Leben stand. ,Heute merkte ich wieder, wie sehr ich schwach bin / Ich dacht, meine Gedanken wären längst in diesem Bach drin / Der zu diesem Ort führt, wo alle Menschen wach sind / Doch ich bin es nicht, noch nicht / Aber mit 18...’ Ich glaubte, dass ich mit 18 Antworten auf alles weiß.“

Wie warst Du als Teenager? „Ich bin spät auf den Trip gekommen, dass man feiern gehen oder sich mit Mädchen treffen kann. Ich hatte nur das Dichten, die Crew und Sport im Kopf. Ich war eher ein Nerd in der Jugend.“

Welchen Schulabschluss hast Du gemacht? „Abitur. Im Zivildienst hab ich mich um körperlich und geistig eingeschränkte Kinder gekümmert, danach hab ich angefangen, zu studieren – Physik und evangelische Religion auf Lehramt. Aber mein Studium hab ich aufgegeben, um mich auf die Musik zu konzentrieren.“

Was denkst Du, macht gute Musik aus? „Gefühle. Es kann Hass, Liebe, Zorn oder Gemütlichkeit sein. Aber es müssen echte Gefühle sein. Ich versuche mich immer selber in Musik zu entdecken – Antworten zu finden und oder sie als Sprachrohr zu nutzen.“

Dein Lieblingssong? "Von Sam Cooke „Good News“. Schon fast naiv, aber trotzdem herrlich ehrlich."

Du sagst von Dir, dass Du Dich nicht mehr zur Hip-Hop-Szene zählst. Wo siehst Du Dich denn selbst? „Ich hab mich noch nie als Teil einer Szene gefühlt oder Regeln irgendeiner Richtung verfolgt, sondern Musik gemacht, wie sie aus meinem Herzen kommt. Gechillte statt aggressiver Mucke.“

Mit wem würdest Du gern mal zusammenarbeiten? Mit Herbert Grönemeyer.

Mein Lieblingssong von Dir ist „Rosarot“, weil ich dieses Spiel mit den Gegensätzen mag: „Weit weg ist nah, volle Kraft voraus, als würden wir uns nicht im Kreise drehen“. Kommt mir bekannt vor. Was bedeutet der Song für Dich? „Ich war mal davon überzeugt, dass es falsch wäre, sich einem anderen Menschen hinzugeben. Ich hatte ein Mädchen aus Indien kennengelernt und mich unfassbar verknallt. Trotzdem hab ich mich zurückgenommen und mir gesagt, dass ich meinen Weg gehen muss statt mich in meinen Gefühlen für sie zu verlieren. Irgendwann bin ich selbst nach Indien gereist, und als ich bei einem kleine Dorf im Meer schwimmen war, ist mir klar geworden, dass die Freude, die ich im Leben suchte, dieses Mädchen ist. Dass ich nur Angst hatte und mir diese Freude verboten habe. Deswegen heißt mein Album ,Meer’, weil im Meer dieser blitzartige Gedanke kam, Dinge zuzulassen.“

Hast Du das Mädchen wiedergefunden? „Als ich zurückkam, hatte ich eine wunderschöne Zeit mit ihr. Als ich mich endlich dieser Liebe hingab, merkte ich, dass Sachen, die mir vorher unmöglich erschienen, möglich wurden. Alle Regeln und Prioritäten, die ich mir gesetzt hatte, waren verschoben. Da ist mir erst klar geworden, was für eine krasse Macht die Liebe hat.“

In Deinem Song „Richtung Meer“ singst Du, dass Du alles, was Du hast, verlieren möchtest. Und dass Besitz Dich nicht verkörpert, sondern verstört. Ist das so? „Man braucht immer Sachen im Leben. Allein, dass man auf Toilette gehen, was essen und trinken muss, dadurch ist man ja schon an Dinge gebunden. Aber ich denke, dass einem nicht alles total wichtig sein sollte, sondern dass man sich auch mal frei macht von Verpflichtungen und festgesetzte Ansichten.“

Gibt es nicht trotzdem irgendwas in Deinem Leben, auf das Du auf gar keinen Fall verzichten könntest? „Irgendwie überlebt man ja eh immer, aber wenn mir ein Arzt sagen würde, ich könnte nicht mehr singen oder keine Musik mehr machen, hätte ich auf jeden Fall daran zu beißen. Wenn ich aber mein Portemonnaie oder Handy verliere, würde ich mich zwar ärgern, aber ich könnte drauf verzichten.“

Zeit für die Schnellfragerunde, Fayzen. Was hast Du gerade an? „Meinen Kapuzenpulli und Boxershorts.“

Lernen oder leben? „Wenn man lebt, lernt man eh den ganzen Tag.“

Schulabschluss machen oder gucken, was kommt? „Auf jeden Fall Schulabschluss.“

Zug oder Auto? "Zug."

Schokolade oder Chips? „Chips.“

Liebe auf den ersten Blick? „Ja.“

TV oder Buch? „Buch.“

Werden Träume wahr? „Nicht immer. Ist aber auch ganz gut so.“

Lieblings-Sciene-Fiction-Figur? „Yoda.“

Die letzte Sache, die Du gekauft hast? „Kopfhörer.“

Pläne fürs Wochenende? „Feiern!“

Groupies oder treu sein? „Natürlich treu sein.“

Nachts Musik hören: laut oder leise? „Unbedingt laut.“

Wohin geht’s, wenn Du mal viel Zeit hast? „Einen Kumpel im Studio besuchen, ans Klavier, an die Alster oder Schanze in Hamburg.“

Langschläfer oder Frühaufsteher? „Langschläfer, weil ich manchmal bis fünf Uhr morgens Musik mache.“

Geht gar nicht: „Menschen, die Themen wie Umweltkatastrophen oder Tierquälerei einfach nur aus Sensationslust für einen Smalltalk aufgreifen, aber nicht aktiv handeln und konstruktiv etwas beitragen. Hauptsache, in ihren eigenen vier Wänden ist alles in Ordnung.“

Danke. „Bitte!“

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