Es gibt da oben mehr als nur Wolken

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Dieses Bild hat Jan-Christopher Hoffmann gezeichnet.

Asendorf - Ich möchte über einen Menschen schreiben, der in meinem Leben eine große Rolle gespielt hat. Es muss ja nicht immer gleich eine Showgröße wie Barack Obama oder eine Legende wie Michael Jackson sein, die jeder kennt. Ich erzähle Euch von einer Frau, die immer für mich und meine Familie da war.

Die in ihrer Vergangenheit oft mehr einstecken musste, als ich mir heute vorstellen kann - zum Beispiel den Zweiten Weltkrieg überstehen und den Verlust eines gefallenen Geliebten. Ich schreibe über meine Oma, Ruth Czybulka.

Als kleines Kind war ich oft bei ihr, und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir spazieren gingen, gespielt und gelacht haben. Ich habe mich bei meinen Großeltern immer sehr wohl gefühlt. Meine Oma war ein sehr lebensfroher Mensch. Sie fuhr oft mit meinem Opa in Urlaub. Und wer dabei nie fehlen durfte: ihr Dackel.

Meine Großmutter hat immer versucht, Streitereien und Ärger zu schlichten und anderen zu helfen. Vor fünf Jahren begann dann plötzlich ein anderer Lebensabschnitt. Der Arzt stellte Demenz bei meiner Oma fest. Und kurz darauf auch noch Darmkrebs. Unsere Familie war schwer getroffen, besonders meine Mom.

Ein gutes Jahr lebte meine Oma noch zu Hause, zusammen mit meinem Opa. Aber sie vergaß von Tag zu Tag immer mehr Dinge, vertauschte Zeiten, erkannte Leute plötzlich nicht mehr richtig wieder. Auch das Laufen fiel ihr schwerer. Mein Opa hat die ganze Arbeit auf sich genommen. Er hat sich um sie gekümmert, ohne fremde Hilfe. Die beiden waren mehr als 50 Jahre verheiratet. Aber irgendwann ging auch seine Energie langsam zur Neige, er ging schließlich auch schon auf die 80 zu und brauchte unbedingt eine Pause.

Die Alternative hat uns viel Überwindung gekostet, aber es schien uns allen irgendwann die beste Lösung zu sein: Das Altersheim... Besonders schwer war dieser "Umzug" natürlich für meine Oma selbst. Sehr schwer!

Tja, wir besuchten sie von da an, und jedes Mal hatte ich das Gefühl, das würde ihr Heimweh nur noch mehr verstärken. Sie weinte meist. Irgendwann schien ihr Lächeln ganz zu verfliegen. Und ihr Lebensmut.

Als Ersatz für ihren geliebten Dackel hatte sie einen Plüschhund bekommen, der half ihr in einigen schwierigen Momenten, sagte sie. Aber auch nicht lange.

Wenn wir sie besuchten, freute sie sich natürlich, aber sie weinte auch jedes Mal, und wenn man sie fragte: "Ruth, warum weinst Du denn?", wusste sie keine Antwort. Uns wurde gesagt, Demenzkranke bräuchten eine lange Eingewöhnungszeit, um sich zurechtzufinden. Ein schwacher Trost.

Die Sache mit der Nahrungsaufnahme verlief auch nicht reibungslos. Meine Oma hatte meist keinen Hunger und verweigerte das Essen. Oft saß ein Pfleger bei ihr, der es ihr mit viel Überredungskunst praktisch "reinzwängen" musste. Ich weiß, das hört sich hart an, aber man konnte sie ja schlecht verhungern lassen, oder?

Zwei Monate lang hab ich selbst als Aushilfe im Altenheim gearbeitet und bei der Pflege meiner Oma mitgeholfen. Mein Opa war viel da, das hob ihre Stimmung ein bisschen an - solange, bis sie es wieder vergessen hatte... Er reichte ihr oft das Essen an, und mit seiner Hilfe gelang es zumindest, dass sie mal aufaß und austrank. Aber die Zeit verging, und es wurde immer schlimmer...

Meine Oma baute ab ohne Ende - geistig, aber auch kšrperlich. Sie wog nur noch knappe 40 Kilo, der Darmkrebs machte sich immer stärker bemerkbar. Von da an begann eine noch grausamere Zeit - für sie und auch für alle anderen Beteiligten. Jede Bewegung löste Schmerzen aus, und sie erkannte inzwischen auch mich nicht mehr. Ich war nur noch "der junge Pfleger" für sie. Ich weiß, es klingt komisch, aber ich begann, meine eigene Oma mit "Ruth" oder "Frau Czybulka" anzusprechen, um sie nicht noch mehr zu verwirren.

Das erleichterte auch mir die Pflege ein wenig, die ansonsten immer schwieriger wurde. Das Anziehen, die Grundpflege, fast jede Berührung löste bei ihr Schmerzen aus. Man hätte sie nur mit Wattepads anrühren dürfen. Hört sich für viele vielleicht verrückt an, aber so war ihr Empfinden. Temperaturen konnte ihr Körper auch nicht mehr richtig einordnen. Die meiste Zeit verbrachte sie jetzt im Rollstuhl oder im Bett, und sie weinte immer vor sich hin.

Irgendwann war es dann gar nicht mehr möglich, sie im Rollstuhl für ein paar Minuten rauszusetzen. Sie war zu dünn, die Knochen drückten auf ihre Haut. Sie bekam Morphium verschrieben, was wenigstens ihre Schmerzen linderte.

Natürlich haben wir ihr alle einen schnellen Tod gewünscht. Denn all diese Qualen hatte meine Oma, eins der liebsten Geschöpfe Gottes, in keiner Weise verdient.

Der Großteil ihrer Sprache war inzwischen versiegt, sie stammelte nur noch von morgens bis abends "Bitte, bitte, lieber Gott...". Das war geradezu unheimlich, und ich dachte beim traurigen Anblick meiner Oma mit tiefem Hass an diesen Gott, zweifelte an seiner Existenz und fragte ihn in Gedanken grimmig: "Wenn es Dich wirklich gibt, warum lässt Du sie so leiden? Sie hat sich doch nie was zu Schulden kommen lassen, warum erlöst Du sie nicht endlich von diesen Qualen?"

Es dauerte noch zwei Wochen, bis sie ins Koma fiel und einschlief. Endlich. Ich war zwar tief traurig, aber ich verlor keine Träne. Mein bester Freund fragte mich, ob ich gefühllos wäre, weil ich nicht um sie weinte. Ich hatte mich so oft und so lange von ihr verabschiedet.

Aber in einer Nacht, ein paar Wochen nach ihrem Tod, hatte ich einen Traum, der wohl doch mehr war als nur ein simpler Traum, da bin ich mir sicher. In diesem Traum traf ich auf Oma, und nun weinte ich wirklich, obwohl ich es nicht wollte. Sie sprach immer wieder auf mich ein, mit ihrer sanften und ruhigen Stimme. "Es geht mir gut, Jan, glaub mir..." Ich hielt sie nur in meinen Armen und heulte wie ein Schlosshund. Ich sah ihr Lächeln, das wir alle so lange vermisst hatten. Und dann war es leider vorbei, ich wachte auf. Aber der Traum hat mich zum Nachdenken gebracht. Und wenn ich jetzt mal in den Himmel schaue, denke ich, dass es da oben doch mehr gibt als Wolken...

Jan-Christopher Hoffmann (21 Jahre) aus Asendorf

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