Eine Prise Nostalgie

Eine Liebeserklärung an ICQ

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Was gab es besseres, als den ganzen Tag bei ICQ online zu sein?

WhatsApp, Snapchat & Co. – heutzutage sind die Möglichkeiten der Kommunikation grenzenlos. Aber seien wir mal ehrlich: Eigentlich vermissen wir doch alle die gute alte Zeit, in der es nichts Wichtigeres gab als ICQ. 

„Gehst du heute Abend noch on?“  – Keine Frage habe ich in meiner frühen Jugend öfter gehört. Nach Schule und Hausaufgaben machen folgten meistens Tanzen, Schwimmen oder Badminton. Dann ging es mit dem Rad nach Hause. Ganz schnell, es war ja schon gleich 18 Uhr. Denn dann traf ich meine Freundinnen der 8a wieder. 

Zuhause angekommen beförderte ich meinen Eastpak direkt in die nächstbeste Ecke, hechtete zum Rechner und wartete auf das Hochfahren der alten Gurke. Endlich ertönte das Schiffshorn und ich konnte erleichtert aufatmen. Online.*klopf, klopf* Eine nach der anderen trudelte an diesem magischen Ort ein. ICQ. Drei Buchstaben. Mehr nicht. Erinnert ihr euch auch? Das vertraute „Ah Oh!“ klingelt noch immer in meinen Ohren. 

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Ein Zufluchtsort

ICQ war ein Ort, an den ich aus dem Schul-Alltag und vor den motzenden Eltern entfliehen konnte. Ein Ort, an dem ich meine krassen Probleme in tiefgründigen „Away-Nachrichten“ verarbeiten konnte. Oder der Welt einfach nur mitteilen konnte, was ich mache. „Was passiert jetzt?“, stand dort in blassgrauer Schrift. Mittwochs teilte ich meinen Freunden immer dasselbe mit: „Grey‘s Anatomy gucken“. Und dafür war ich nicht online, sondern abwesend. Zumindest fast. Wenn aber nicht Mittwoch war, galt es ein Wahnsinnszitat mit einer tiefgründigen Message zu finden. Mein Favorit: „Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker.“ Das wusste auch schon mein 13-jähriges Ich. Klar, denn in der achten Klasse hatte ich viel durchzustehen: nervende Lehrer, nervende Eltern und dann noch der heimliche Schwarm. Blöd nur, dass ich zu schüchtern war, ihn in der Schule anzusprechen. Das nervte auch. Aber dafür gab es ja diese Plattform. 

Ob ich ihn in meiner Kontaktliste hatte? Klar. Eine ICQ-Nummer war ein hohes Gut. Und mit ihr zu dealen ein gutes Geschäft. *lol* Nun konnte also das Herumscharwenzeln beginnen. Wer ist zuerst on? Wer schreibt wen an? Liest er wohl meine geheimnisvolle „Away-Nachricht“? Nach zehn Minuten ist nichts passiert. Also gehe ich off. Und dann wieder on. Nichts. Nochmal off, und dann wieder on. Hm, dann versuche ich es eben später nochmal. Zu signalisieren, dass ich um 23 Uhr noch online bin, ist eh besser. Das ist nämlich cool.

Affe versus Zebra

Neben Selbstinszenierung ging es bei ICQ aber auch ums Vergnügen. „Zoopaloola“ nannte sich in unseren Kreisen das In-Game. Nach dem Ausknobeln, wer welche Spielfigur nahm, ging ich mit dem Affen im blauen Gewand an den Start. Mein Gegenspieler war meistens das Zebra in lila. Fokussieren und los! Zack, schon stand es 1:0. Streitereien über mögliches unfaires Spielverhalten wurden selbstverständlich mit einer Revanche ausgetragen. Moment, mit einer? Den Überblick konnte doch kein Mensch behalten! Und wenn es nach stundenlangem Spielen noch immer keine Einigung gab, wurde die Diskussion über den Chat ausgetragen. Reden? Auf keinen Fall. In die Tasten hauen und los. Nicht selten sind dadurch schon Romane entstanden, deren Wust aber niemand verstand. Teenie-Probleme eben. 

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In der Spielewelt von ICQ konnte aber nicht nur mit den eigenen Kontakten gespielt werden. Nein, auch mit fremden. An diesem Beispiel können sich Tinder & Co. ruhig mal eine Scheibe von abschneiden. Meine Freundin Sarah hatte nämlich Glück unter den Fremden. Sie hatte beim Zoopaloola-Duell ihren Herzbuben kennengelernt. Die Beziehung hatte sich sogar über den ICQ-Tellerrand deutlich hinaus entwickelt, bis hin zu einer späteren gemeinsamen Wohnung. Im realen Leben, versteht sich. Ich sage ja: ein magischer Ort. 

Ein Ort, an dem es sich aber auch lohnt, die vorhandene Zeit zu nutzen. Denn viel zu schnell konnte der Abend am Computer zu Ende gehen, wenn meine Eltern von der sich abzeichnenden PC-Abhängigkeit ihrer Tochter abgenervt waren und die LAN-Verbindung auf einmal unterbrochen wurde. Huch. „Du hast schon viereckige Augen, ab ins Bett. Internet gibt es morgen wieder“, hieß es dann. So ganz konnte ich den motzenden Eltern dann also doch nicht entfliehen. 

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Nach flehenden Bitten, doch noch einmal on gehen zu dürfen, weil ich mich ja noch von Gaylord_x3, Hausmeister und B4_tHe_NiGhT_iS_oVeR verabschieden musste, zeigte meine Mutter Erbarmen. *freu* Ein gekonnter Klick und schon ertönte wieder das Schiffshorn. Online. „Ah Oh!“ - Hausmeister war sauer, weil ich einfach so abgehauen bin. „Sorry, ich musste nur kurz afk“, schrieb ich als Entschuldigung. Eine Runde Zoopaloola, dann war wieder alles tutti. 

Ich gehe off. Und dann wieder on. Mist, das scheint meinen Schwarm nicht zu interessieren. Nochmal. Off. On. Auch jetzt nicht. Mist! Egal, dann versuche ich es eben morgen wieder. Zum Verabschieden gab es eine kleine Auswahl an Abkürzungen: „cu“, „bye“ oder „gn8“ waren die gängigsten bei uns. Ich wählte „cu“ („cu“ = see you = wir sehen uns, ließ ich mir erst vor Kurzem erklären). Am nächsten Morgen sah ich Gaylord_x3, Hausmeister und B4_tHe_NiGhT_iS_oVeR wieder. Im Offline-Leben.

Die gute alte Zeit

Warum ich so nostalgisch werde? Es gab an diesem Ort etwas, das es bei vielen anderen Medien heutzutage nicht gibt. Eine Art Verbindlichkeit. Wenn mich jemand angeschrieben hat, hatte ich nur die Möglichkeit, hier und jetzt zu antworten. Und das wollte ich auch. Letztendlich gab es auch keine Ausreden. Ein Computer war nun mal eine feste Größe. 

Wenn heute mein Handy klingelt und das vertraute grüne Symbol mit dem weißen Telefonhörer in der Sprechblase erscheint, denke ich oft: „Das passt jetzt gar nicht.“ oder „Ich antworte später.“ Bis dann „später“ eintritt, vergehen nicht selten einige Tage. Das ist natürlich keine Absicht! Aber oft komme ich doch darüber hinweg. Und dann bekomme ich zu hören: „Das wirkt ein bisschen so, als wäre ich dir nicht wichtig genug.“ 

Ganz allgemein betrachtet sehe ich die Vorteile der orts- und zeitunabhängigen Kommunikationsmedien. Aber eigentlich stresst es mich auch sehr. Das war bei ICQ eben anders. Da hatte man sein festes Zeitfenster. Ein magischer Ort eben. Schade, dass er sein Funkeln verloren hat.

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