Freiheit statt Büroalltag

Reiseblogger: Die ganze Welt als Arbeitsplatz

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Das Internet ermöglicht es, von nahezu überall zu arbeiten. Sebastian Ritter und Jenny Mitscher vom Blog „22places“ nutzen das. 

Sich jeden Tag in das selbe Gebäude zu schleppen, den selben Ausblick vom Arbeitsplatz zu haben und sich vorgeben zu lassen, wann Urlaub und wann Freizeit angesagt ist - darauf haben viele Menschen eigentlich gar keine Lust. Und so gibt es immer mehr Leute, die Mut und Kreativität zusammennehmen, den Rucksack packen und sich auf die große Reise begeben.

Nicht, um mit der Zivilisation zu brechen, in einer Höhle zu wohnen und nur von Geschenken der Natur zu leben. Im Gegenteil: sie sind auf moderne Technik angewiesen. Denn „Digitales Nomadentum“ oder ortsunabhängiges Arbeiten funktioniert nicht ohne Internet. 

Besonders beliebt ist das Bloggen. Klar, über das zu berichten, was man unterwegs erlebt, bietet sich an. Also Füße in den Sand und Laptop auf? Ein bisschen mehr gehört schon dazu. Was genau und wie das aussieht, haben uns vier Blogger erzählt. 

Persönlicher Kontakt mit Freunden wichtig

„Ich habe es mittlerweile geschafft, dass 98 Prozent meiner Arbeitstage ideal sind: Ohne Wecker aufstehen, ausgiebig frühstücken und anschließend mit meinem Hund im Wald spazieren gehen, währenddessen ein interessantes Hörbuch hören, etwa fünf bis sechs Stunden am Tag arbeiten (Buch oder Artikel schreiben, Recherche betreiben), danach erneut lange mit dem Hund in der Natur sein, abends kochen und anschließend einen Film anschauen, ein Buch lesen oder eine Freundin treffen“, berichtet die Kölnerin Ute Kranz, die den Blog „Bravebird“ betreibt und damit laut eigenen Angaben rund 35.000 Leser im Monat erreicht. 

Ute Kranz sagt, dass unterwegs 98 Prozent ihrer Arbeitstage „ideal“ sind. Dazu gehören viele Freiheiten.

Die Umstellung vom „9-to-5-Job“ auf eine freie Tagesgestaltung ist laut Kranz kein Hexenwerk: „Im Grunde ist es wie mit fast allem im Leben: Wenn man es sich entsprechend einrichtet und sich für alles diesbezüglich öffnet, ist es genauso unproblematisch wie das klassische Leben zu Hause.“ 

Ihr helfen dabei Routinen und auch ihre feste Basis in Deutschland will sie nicht missen. „Gerade überwiegend allein reisend halte ich einen Austausch mit Bekannten für sehr wichtig und das nicht nur über das Handy.“ 

Es geht nicht nur um persönliches Glück

Das Label „Digitale Nomadin“ will sie sich aber nicht anheften: „Aus heutiger Sicht wäre ich - wenn man nach einem Begriff suchen würde - ganz profan eine Selbstständige, die ortsunabhängig arbeiten kann.“ 

Eine Erkenntnis hat sie bei dieser Lebensart besonders überrascht: „Ich dachte immer, es ginge um mein persönliches Glück. Aber einmal dort angelangt, hat sich herausgestellt, dass es mir nicht weiterhilft, wenn ich allein glücklich bin.“ Für sie gehören Gemeinschaft und Verbindungen dazu. Unterwegs versucht sie, die Welt und die Umwelt „ein bisschen besser zu machen“.

170.000 Leser im Monat

Sebastian Ritter und Jenny Mitscher vom Blog „22places“ haben sich ebenfalls ein Ziel gesteckt: Sie wollen die 22 schönsten Orte der Welt finden. Dafür haben sich die beiden Berliner vor drei Jahren entschieden, ortsunabhängig zu leben und an ihrem Blog zu arbeiten, der es nach eigenen Angaben auf mehr als 170.000 Leser im Monat bringt. 

Arbeitstage der Blogger von „22places“ sehen auch mal „erstaunlich normal“ aus.

„Wenn wir reisen, sind wir meistens den ganzen Tag unterwegs und bespielen währenddessen unsere Kanäle wie Instagram. Abends bearbeiten wir Fotos und beginnen meistens schon, unsere Blogartikel zum jeweiligen Reiseziel zu schreiben“, berichten die Traveller. Nummer eins auf ihrer Liste ist derzeit übrigens Myanmar.

Internet unverzichtbar

Es gibt aber auch Zeiten, in denen Exotik und Abenteuer nicht im Vordergrund stehen: „Wenn wir nicht reisen, sieht unser Arbeitstag erstaunlich normal aus: Frühstücken, arbeiten, Mittagessen, arbeiten, Abendessen. Gerade sind wir für drei Monate in Chiang Mai (Thailand, Anmerkung der Redaktion) und haben hier eine ganz normale Routine. Wir stehen früh auf und sitzen dann mehr oder weniger den ganzen Tag an unseren Rechnern.“ 

Wie bei vielen Selbstständigen ist es für die beiden unerheblich, ob es Montag, Sonnabend oder Sonntag ist. Wenn Arbeit anfällt, wird sie erledigt. Vor allem eine Sache ist dabei unverzichtbar: „Internet. Da unser Business komplett auf online ausgerichtet ist, sind wir ohne Internet nahezu handlungsunfähig.“ 

Typisch deutsch: Arbeit braucht ein Büro

Wichtig seien außerdem warme Temperaturen, ein bequemes Bett und guter Kaffee, die Grundvoraussetzung sei aber: Selbstdisziplin. „Um auch wirklich zu arbeiten und nicht nur zu Reisen und am Strand zu liegen. Wenn man Selbstdisziplin hat, ist das ortsunabhängige Arbeiten nicht wirklich komplizierter als das Arbeiten in einem klassischen Büro.“ 

Sieht aber anders aus. Denn obwohl die beiden mittlerweile gut davon leben können, gebe es immer noch viele Menschen, die diese Art zu arbeiten nicht ganz ernst nehmen. „Wir bekommen noch immer oft die Frage, wie lange wir das noch machen wollen und wann wir uns wieder einen richtigen Job suchen. Das ist auch wieder so ein deutsches Ding: Ein Job ist nur ein Job, wenn ich täglich in ein Büro gehe. Und einen Blog schreiben, ist ja eigentlich auch nur ein besseres Hobby.“

Geld verdienen mit Produktempfehlungen

Anstelle eines klassischen Büros mieten viele Digitale Nomaden Arbeitsplätze in Co-Working-Spaces, die es mittlerweile in den meisten großen Städten auf der Welt gibt. Die Betreiber stellen dort die Infrastruktur wie Schreibtische, WLAN und Drucker bereit. Auch Cafés sind beliebte Arbeitsplätze – natürlich nur, wenn es dort Internet gibt. 

Für die meisten unterwegs Arbeitenden lohnt sich das Schreiben im Internet finanziell nur, wenn sie dabei mit Unternehmen kooperieren, also letztlich Werbung und PR machen. So finden sich in vielen Blogs Packlisten mit Produkt-Empfehlungen. Nach eigenem Bekunden stellen sie nur Dinge vor, von denen sie wirklich überzeugt sind, weil sie ihre Authentizität und das Vertrauen ihrer Leser nicht aufs Spiel setzen wollen.

Gespür für soziale Medien

So sind die „22places“-Blogger Markenbotschafter für Huawei, haben den Text auf ihrer Website auch entsprechend gekennzeichnet. 

Weitere ortsunabhängige Einnahmequellen sind Bücher, Vorträge und Kurse - unter anderem darüber, wie sich unterwegs Geld verdienen lässt. 

Um damit dauerhaft erfolgreich zu sein und sich sein Leben zu finanzieren, reicht es nicht, ab und zu mal ein Foto zu posten. Dafür braucht es einen ansprechenden Internetauftritt, der regelmäßig gepflegt und aktualisiert wird, vernünftige Bilder und ein Gespür für soziale Medien.

„Alles ist im Flow“

Dennoch klingen manche Schilderungen im ersten Moment vielleicht einfach zu paradiesisch, um damit „richtige“ Arbeit zu assoziieren. Schließlich sehen festgefahrene Vorstellungen vom Erwerbsleben wohl eher selten so aus, wie ihn Felicia Hargarten schildet: „Hier in Brasilien sitze ich immer draußen auf der Terrasse im Schatten und habe schnelles Internet. Dazu schlürfe ich meine Kokosnuss.“

Der große Vorteil am Reisen: „Alles ist im Flow. Du kannst deine Situation jederzeit selbst ändern“, meint Felicia Hargarten.

Das klappt natürlich nicht immer. Vor allem eine unzuverlässige Infrastruktur kann Probleme bereiten. „Es kann immer mal was nicht so laufen wie geplant. Du findest keine gute Unterkunft, kein schnelles Internet, du hast nicht genug Ruhe um produktiv zu sein, du hast Schwierigkeiten dich gesund zu ernähren, Sport zu machen unterwegs oder fühlst dich einsam da keine Gleichgesinnten um dich herum sind oder fängst dir plötzlich Dengue Fieber ein“, berichtet Hargarten, deren Blog „Travelicia“ nach eigenen Angaben von rund 70.000 Lesern besucht wird. 

„Es kann auch passieren dass du in einem Land landest wo es dir irgendwie so gar nicht gefällt“, so Hargarten und ergänzt den entscheidenden Punkt: „Aber das Gute ist: Alles ist im Flow. Du kannst deine Situation jederzeit selbst ändern.“ 

 pp

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