Glosse zur TV-Show „Der Bachelor“: Billig, oberflächlich und kaum zu ertragen

"Kann ich dich kurz weg entführen?"

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Wolle Rose kaufen?

Von Mara Schumacher. Wenn du denkst, das Fernsehprogramm geht gar nicht mehr, kommt von irgendwo der Bachelor her. Für die mittlerweile sechste Staffel wurde der hoffnungsvolle Junggeselle in Berlin ausfindig gemacht: Leonard ist 30 Jahre und Unternehmensberater. Optisch liegt er ziemlich mittig zwischen Baby-Hase und Disney-Prinz.

In seinen Pausbäckchen scheint er Vorräte versteckt zu haben, vermutlich für den Fall, dass er nicht genug an seinem Frauenrudel nagen kann. Er ist nicht unattraktiv, aber RTL hat (wie jedes Jahr) die Ecken und Kanten am vermeintlichen Traummann vergessen. Dafür gibt es umso mehr Kurven, die sich vor allem im Dekolleté einiger Kandidatinnen finden lassen. Natürlich ist Leonard groß, sportlich, muskulös, hat stechend blau-grüne Augen, perfekte Zähne und keine Bierplauze. Glattgeleckt wie eine Briefmarke.

Halt Stop, er hat ja doch vermeintliche Makel! Einen leichten Silberblick! Und er lispelt ein bisschen. Aber das finden die meisten Frauen „ganth süth“, wie er selbst sagt. Dennoch: Würde der kleine Sprachfehler überhaupt irgendwem auffallen und interessieren, wenn man ihn nicht zum Aushängeschild des Bachelors gemacht hätte? Hach ja, der Schönling mit dem Sprachfehler. Er steht zu seinen Makeln. So sympathisch, so authentisch. Wie im echten Leben. Ist klar. Mit Nachnamen heißt Leonard übrigens Freier. Passt ja in vielen Hinsichten, wenn man an das unterwürfige Frauenrudel denkt: Freie Auswahl am blond-brünett Buffet, Freier hofft auf Dreier und so weiter.

Auch für Leonards charakterliche Züge wurde offenbar eine Märchenfigur als Vorlage genommen: Der 30-Jährige liebt Sport, Autos und Reisen. Er ist tierlieb, er liebt seine Eltern und liebt es, sich für soziale Zwecke zu engagieren. Mit seiner Ex-Freundin hat er eine einjährige Tochter, die liebt er auch. Vielleicht liebt er auch noch die Ex und vor allem sich selbst. Wer weiß das schon. Aber Leonard ist nicht nur voller Liebe, sondern auch zielstrebig. Mit 16 bezog er seine erste eigene Wohnung, verließ das Gymnasium mit dem Realschulabschluss und wurde Filialleiter einer Eisdiele. Und nun ist er der Bachelor, der zu lange an seinen Rosen schnuppert. Eine sagenhafte Karriere.

Nur leider hat es mit Mrs. Right noch nicht geklappt. Deshalb sucht Herr Freier nun in einer Protzbude in Miami unter 22 Kurzkleid-Kandidatinnen seine Traumfrau. Wieso fliegen die eigentlich immer ans Ende der Welt für den Dating-Spießrutenlauf? Warum nicht mal Mühlheim an der Ruhr? Da gibt’s auch Häuser. Oder Sektsause bei Barbie im Traumschloss? Da passen doch alle ganz gut hin. Die langatmige Begrüßung der Damen vor der Villa hätte von fast zwei Stunden auch gut auf zwei Minuten eingedämmt werden können, weil jedes Kennenlernen mit den gleichen peinlichen Smalltalk-Faseleien und Flirt-Fauxpas' abläuft, nämlich in etwa so: „Hiiiiii. Ich bin so aufgeregt. Meine Hände sind schweißnass, ich umarme dich besser.“ „Ich bin auch aufgeregt.“ „Glaub ich.“ „Du siehst toll aus“. „Du auch“. „Und sonst so?“ „Ich habe Eltern.“ „Toll. Geh bitte rauf und und trink was."

Vier Damen kommen ebenso wie Leonard aus Berlin. Da kommt natürlich die Frage auf, warum sie sich noch nie über den Weg gelaufen sind. Wie kann das passieren in einer Stadt mit über 3,5 Millionen Einwohnern? Wieso sahen sie sich nie am Bahnhofs-Klo oder auf der Rolltreppe im KaDeWe? Das Schicksal kann so fürchterlich fies sein. 

Die meisten der im Schnitt Zwanzigjährigen haben es dank exzellenter Schminktechniken geschafft, auszusehen wie Olivia Jones auf der Reeperbahn nachts um halb 1. Kein Wunder, viele der Mädels sind beruflich als irgendwas in der Kosmetik-, Show- oder Modelbranche unterwegs. Leonard meint dazu „Mir gefällt, was ich sehe.“ Oder wenn ihm nix Besseres einfällt: „Hammer Figur“. Deshalb dreht er sich zu jeder Kandidatin nochmal mit einem schmachtenden Blick, um auch wirklich jedes Körperteil abgesegnet zu haben.

Gerne begleitet der Bachelor auch einige der Damen die Treppe zur Wohlfühl-Villa hinauf. Anscheinend weiß nicht jede, wie eine Treppe funktioniert oder wie diese mit dem augenscheinlichen Karnevalskostüm bewältigt werden soll. Tipp für die siebte Staffel: Treppenlift. Trotzdem sind alle Damen hellauf begeistert von ihrem süßen Leonard und rasten schon bei der Anfahrt in der Limousine komplett aus, obwohl nur zu erkennen ist, dass ein Mensch vor der Tür steht. Es hätte auch Hugh Hefner im Bademantel sein können, aber egal: KREEEEISCH! SÜÜÜß! TOOLL! Wer so leicht zu begeistern ist, sollte in der Villa auf keinen Fall den bereitgestellten Sekt trinken, damit das Denkvermögen stabil bleibt. Aber die Mädels tun es natürlich trotzdem. Wie eine nervige Wespen-Plage scharen sie sich um den Bachelor, als sei er selbst der süße Sekt, von dem sie sich vorher wahrscheinlich zu viel genehmigt haben.

Alle wollen Leonard für sich, aber nur ein paar trauen sich, ihn mit einer sprachlichen Glanzleistung aus dem Tussi-Tempel zu ziehen: „Kann ich dich mal kurz weg entführen?“ Nach ewig langen Laber-Gesprächen, die mit einem Baum genauso spannend gewesen wären, bekommt noch eine Dame die weiße Rose. Oh mein Gott, die gab es sonst nicht, was hat es mit der auf sich? „Dich will ich zuerst flachlegen“ ist eine naheliegende Bedeutung. „Du darfst mir die Füße küssen, wann immer du willst“ auch. Vielleicht ist sie auch eine unterschwellige Warnung: „Geh' und renne so schnell du kannst!“ Aber nein, das weiße Exemplar ist quasi die Ausspann-Rose! Ein Joker! Diejenige, mit der weißen Rose darf ein Mädel rauskicken, das zu einem Einzeldate berufen wird und sich selbst dazu einladen. Tja, einerseits eine Ehre, andererseits auch die Gefahr, dass man sich Feinde macht, fassen die Damen schlüssig zusammen. Eine Kandidatin bringt es noch präziser auf den Punkt: „Die Bedeutung der weißen Rose ist schon KRASS!“

16 Mädels bekommen noch die rote Rose, fünf Damen gehen leer aus und fangen fast an zu weinen, tun aber so als sei das überhaupt nicht schlimm, während sie insgeheim vermutlich denken “Verdammt, ich wollte doch nächstes Jahr ins Dschungelcamp“. Aus der Traum vom Bachelor und der Zukunft als Unternehmensberater-Gattin und Trash-TV-Dauerbrenner. Vielleicht sollten das nächste Mal Seifenblasen verteilt werden. Die platzen schneller als Rosen verwelken.

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