Wie fühlt es sich an, blind zu sein? chili-Autorin Katrin wollte es rausfinden – beim „Café im Dunkeln“ im Bremer „Universum“

Ein Date mit der Dunkelheit

Katrin Roßmann (22 Jahre) aus Cluvenhagen war für zwei Stunden "blind".

Bremen – Meine rechte Hand tastet unsicher suchend nach der Kuchengabel. Irgendwo hier muss sie doch liegen. Oder auf der anderen Seite? Nein. Ist sie mir runtergefallen? Hab ich was scheppern gehört? Nee... Oder doch?

Ich fühle mich hilflos, als ich mit ausgestreckten Händen stumpf auf dem Tisch rumpatsche. Endlich klingt etwas metallisch, und ich spüre die spitzen Forken der Gabel. Ich bin erleichtert. Vorsichtig umfasse ich das Besteck und fange ich an, meinen Kuchen zu essen. Meine wachsende Verzweiflung und der Ärger über mein Unvermögen werden langsam weniger – genauso wie meine anerzogenen Tisch- Manieren.

Am Anfang versuche ich noch, ein kleines Stück vom Kuchen abzustechen, es aufzugabeln und zum Mund zu führen. Bald stelle ich fest, dass es einfacher geht, wenn ich den Kuchen auf dem Teller festhalte und ihn mit den Fingern auf die Gabel schiebe. Und dann beschließe ich, gleich nur noch mit den Händen zu essen. Beim ersten Kuchenstück geht das noch ganz gut – als mir Sahnekuchen serviert wird, wird’s schmierig. Appetitlich kann man das, was ich hier mache, schon lange nicht mehr nennen.

Keine Sorge, ich habe nicht plötzlich das Essen verlernt. So wie jetzt gerade stelle ich mich normalerweise nicht an. Der Totalausfall ist ganz simpel zu erklären: Ich sehe nichts. Gar nichts. Absolut nichts. Ich bin blind! Und der Verlust einer meiner wichtigsten Sinne lässt mich zu einem verunsicherten, hilflosen Menschen werden. Zum Glück ist dieser Zustand nur von kurzer Dauer, und ich habe mich freiwillig für diese Erfahrung entschieden.

Um einen Blick in das Leben blinder Menschen zu werfen, besuche ich das „Café im Dunkeln“ im „Universum“ Bremen. Hier kann man jeden ersten Freitag im Monat für zwei Stunden probeweise erleben, wie es ist, nicht sehen zu können. Begleitet werden meine sieben Tischnachbarn und ich für diese Zeit von Werner. Werner hatte mit 21 Jahren einen Unfall, bei dem er sein Sehvermögen komplett verloren hat. Heute ist er 63 Jahre alt und betreut mit ein paar anderen blinden und sehbehinderten Menschen die Veranstaltungen das Cafés und das „Dinner im Dunkeln“.

Man redet automatisch lauter

Zuerst gibt’s eine kleine Einweisung: Wir werden gebeten, auf unsere Lautstärke zu achten. Man redet automatisch immer lauter, weil man das Gefühl bekommt, dass der andere einem nicht zuhört, wenn der bestätigende Blickkontakt wegfällt. Und sollte jemand Panik bekommen oder wieder aus dem Raum rauswollen, sollen wir einfach unseren Begleiter informieren, der würde uns rausbringen. Eine Möglichkeit, die die blinden Menschen nicht haben, denke ich mir.

Und dann geht’s auch schon los. Wie bei einer Polonaise im Altersheim geht’s, die Hand auf den Schultern des Vordermannes, im Schneckentempo vorwärts. Die Dunkelheit erschlägt mich fast. Sie ist überall. Sie wickelt uns ein, sie raubt uns die Orientierung und das Selbstvertrauen. Dankbar greife ich nach Werners Hand, als er mich zu meinem Platz im Café bringt. Ungelenk setze ich mich – sehr zu meinem Glück – auf den Stuhl und nicht daneben. Die zweite Hürde stellt das Kaffee-Einschenken dar. Treffsicherheit und ein Gespür dafür, wann der Becher voll ist, sind dafür wichtig.

Später erfahren wir, dass es für blinde Menschen einen Füllstandsanzeiger gibt. Das kleine Ding hält man ins Glas, und bei einer gewissen Höhe piept es. Benutzt wird es eher selten. „Wir fühlen mit einem Finger nach“, erklärt mir eine blinde Frau später lachend, „und mit der Zeit entwickelt man ein Gefühl und Gehör dafür, wie viel man einschenken muss. Zur Not füllt man den Becher immer einfach nur halb voll und schenkt sich bei Bedarf nach.“

Ich bin erstaunt, wie viele Hilfen es für Blinde gibt. Bücher in Blindenschrift, spezielle markierte Spiele, Apparate zum Erkennen von Kleingeld und Geldscheinen; Scanner, die Briefe vorlesen, Sockenringe, damit die Strümpfe nach dem Waschen gleich sortiert sind, Maschinen, die die Farbe eines Kleidungsstücks erkennen… Werner und seine Frau Hannelore, die einen winzigen Teil ihrer Sehkraft noch besitzt, benutzen nur einige dieser Hilfen. Neben einem Scanner, der ihnen wichtige Dokumente vorliest, besitzen sie noch eine Schreibmaschine, mit der man in Braille schreiben kann. Die Brailleschrift besteht aus Punktmustern, die erfühlt werden können.

Werner war nach seinem Unfall zwar für eine Zeit auf einer Blindenschule in Hannover, hat diese Schrift aber nie gelernt. Im Alltag kommt er auch so zurecht. Einmal pro Woche kommt eine Einkaufshilfe, die mit seiner Frau in den Supermarkt geht. Alles andere erledigt das Paar alleine. Auch das Putzen. „Jede Woche schnallt sich Hannelore Knieschoner an und wischt dann auf allen Vieren den Boden.“

Solche Geschichten zeigen, dass Blindheit oft zu kreativen und außergewöhnlichen Einfällen führt. Bis vor einigen Jahren hat Werner als medizinischer Bademeister gearbeitet und Massagen gegeben, mittlerweile ist er Rentner. Die drei Kinder der beiden sind inzwischen erwachsen und aus dem Haus. „Wenn wir aber mal Hilfe benötigen, kommen sie jederzeit vorbei“, erzählt Werner. Auch die Hilfsbereitschaft fremder Menschen sei groß. „Die Menschen versuchen uns immer zu helfen, das ist toll.“

Straße überqueren? Auf Verdacht und möglichst schnell

Schlechte Erfahrungen hat er bisher nur selten gemacht. Allein in die Innenstadt geht Werner trotzdem nicht – „gerade am Wochenende ist dort viel los, das ist mir zu anstrengend.“ Mit den Jahren hat sich Werner auch einige Tricks angeeignet, so erkennt er die Nummer einer nahenden Straßenbahn oft schon am Geräusch. Aber auch die Alltagshilfen in der Stadt haben sich in den Jahren vermehrt. „Früher gab es noch kein Klicken, das bei Ampeln blinden Menschen die Grünphasen verrät. Da hat man eine Straße oft schnell und auf Verdacht überquert. Mittlerweile ist es wesentlich sicherer.“

Wenn ich Werner so zuhöre, habe ich das Gefühl, dass er sich mit seiner Blindheit arrangiert hat. Die ersten Jahre nach dem Unfall waren aber sehr schlimm für ihn: „Am Anfang hat man vor allem eins“, sagt Werner: „Hoffnung. Aber irgendwann realisiert man, dass man nicht mehr sehen wird. Damit klarzukommen, das ist hart.“ Werner kann nicht genau sagen, wie lange es gedauert hat, bis es für ihn wieder so was wie Normalität gab.

Während er von Tandemfahrten und Geschichten aus seinem Alltag erzählt, mühe ich mich immer noch mit meinen Kuchen ab. Drei verschiedene Stücke habe ich serviert bekommen. Den Bienenstich erkenne ich sofort, den Apfelkuchen nach einigem Überlegen, beim letzten Stück tappe ich wortwörtlich im Dunkeln. Außerdem stelle ich fest, dass das Essen im Dunkeln anders schmeckt. Den Gedanken, nicht nur jetzt, sondern ganz grundsätzlich nicht mehr sehen zu können, was ich esse, finde ich beunruhigend. Und ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie ich und mein Platz nach dem Verzehr von Suppe, Spaghetti, Salat oder Reis aussehen würden.

Die Dunkelheit ist gewaltig. Während ich gebannt Werners Erzählungen lausche, schließe ich die Augen, um sie dann wieder schnell zu öffnen. Zu. Auf. Zu. Auf. Zu, auf, zu, auf. Egal, wie schnell oder angestrengt ich es versuche, ich sehe immer: Nichts. Ich nehme die Hand vors Gesicht, aber ich sehe nicht mal einen Umriss. Je länger ich über diese Dunkelheit nachdenke, desto mehr beunruhigt sie mich. Ich krame in meiner Erinnerung nach bunten Bildern, um mich zu beruhigen. Ich rufe mir die Gesichter meiner Eltern und Freunde ins Gedächtnis.

Ich könnte in der Nase popeln

Auch Werner hat noch die Gesichter seiner Familie im Kopf, erzählt er. Er kann sich erinnern. Er hat einen Teil all der schönen Sachen auf der Welt schon mal gesehen. Von Geburt an blind sein oder irgendwann erblinden – was ist schlimmer? Werner kann mir diese Frage nicht beantworten. Ich stelle fest, dass ich Geräusche ganz anders wahrnehme, während ich nichts sehe. Schräg vor mir sitzt eine nervige Frau. Ihre Stimme quietscht unnatürlich. Nach fast zwei Stunden in diesem dunklen Raum würde ich sie unter Hunderten wiedererkennen. Die Dunkelheit macht mich nicht nur ängstlich, sondern auch müde. Ich stützte meinen Kopf etwas unelegant ab. Sieht ja keiner, denke ich mir. Ich könnte auch Grimassen schneiden oder in der Nase popeln – keiner würde es merken. Ich mach es trotzdem nicht. Aus Anstand – und weil man ja nie weiß, ob wir nicht vielleicht doch heimlich gefilmt werden.

Ich habe viele Fragen an Werner, und er ist ein guter Erzähler. Er geht auf alles ein, dabei wird er diese Fragen bestimmt schon unzählige Male beantwortet haben. Gespräche im Dunkeln verlaufen etwas komplizierter als im Hellen. Man fällt sich häufiger aus Versehen ins Wort, weiß nicht immer genau, mit wem man gerade spricht und ob der andere noch zuhört. Als nach zwei Stunden eine Mitarbeiterin mit einer Laterne reinkommt, bestaune ich neugierig die Umgebung. Das Chaos ist überschaubar. Aber in der Hauptsache bin ich einfach nur froh und dankbar, wieder sehen zu können.

Werner hat uns gezeigt, dass ein Leben als Blinder trotzdem funktioniert. Er hat eine Familie und Freunde, einen Beruf und Hobbys. Und doch muss ich immer daran denken, dass er 21 war, ein Jahr jünger als ich jetzt, als er für den Rest seines Lebens erblindete. Für immer ist verdammt lang. Er hat nie die Gesichter seiner Kinder gesehen. Er wird nie mehr einen blauen Himmel oder eine grüne Wiese sehen. Das macht mich traurig – und gleichzeitig dankbar für das, was ich habe und bisher als selbstverständlich ansah.

Ich nehme mir vor, in Zukunft genauer hinzusehen, und vieles, was ich erlebe, intensiver auf- und wahrzunehmen. Zwei Stunden des Nichtsehens haben mir in dieser Hinsicht tatsächlich die Augen geöffnet.

Katrin Roßmann (22 Jahre) aus Cluvenhagen

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