Das Ende der Party

chili-Autor Philipp.

Wietzen - Wir saßen bei einem Freund, hörten Musik, redeten und tranken Cola mit Weinbrand. Wir redeten und soffen, das ging immer so weiter. Irgendwann war es spät und wir total betrunken.

Daniel und ich wollten bei mir pennen. Die Mutter unseres Freundes war so nett, uns nach Hause zu fahren. Daniel bekam eine Tüte für den Fall, dass gewisse Bedürfnisse aufkommen. Zum Glück ging es mehr oder weniger gut, bis wir bei mir waren.

Ich stieg aus, bedankte mich bei der Mutter und half Daniel, sich mühsam aus dem Wagen zu pellen. Ein paar Minuten draußen an der frischen Luft, und... Daniel kotzte auf den Grünstreifen in unserer Einfahrt. Zweimal. Ich fand’s semicool. Daniel machte weiter. Ich führte ihn nach hinten in den Garten. Dort blieben wir eine Weile. Daniel lag auf dem Rasen, keuchte und übergab sich. Weil ich Gruppenzwang mag, setzte ich mich in einem gewissen Abstand zu ihm und ließ auch ein wenig Mageninhalt raus.

Nachdem eine Weile nichts passierte und wir es geschafft hatten, Daniel notdürftig mit einem Handtuch zu säubern, gingen wir ins Haus. Daniel lag auf meiner Couch und wimmerte. „Nie wieder Alkohol...“

Und ich habe in der Nacht noch etwas gelernt: Hyperventilieren kann man manchmal auch mit einer Plastiktüte nicht aufhalten. Es war beängstigend. Daniel gab mir zwischen lautem und hektischem Ein- und Ausatmen seine Kette und bat mich, sie seiner Freundin auszuhändigen, falls er sterben müsste. Ich war genervt, aber er ist mein Kumpel, darum tat er mir auch leid. Es wurde immer schlimmer, irgendwann japste er: „Ruf --- den --- Notarzt!“

Ich tat es. Sagte meinen Namen, meine Adresse, was los war, und sie kamen. Draußen regnete es, das blaue Licht färbte unsere Fassade. Hollywoodreif. Die Sanitäter baten mich, mit zu fahren. Die nächtlichen Straßen zogen an uns vorbei, hinten im Wagen hyperventilierte mein Kumpel, und ich fragte mich, wieso zur Hölle wir an roten Ampeln hielten.

Im Krankenhaus angekommen, wurde Daniel angenadelt, und mit meiner Hilfe gab er seine Daten an. Ich musste ihm noch mal versprechen, dass ich seine Kette weitergebe und seine Freundin sofort anrufe. Ich wählte also ihre Nummer und erklärte ihr alles, sie war geschockt, und ich flehte den Tarifgott an, gnädig zu sein. Als ich zurück ins Zimmer kam, schlief Daniel. Ich verfluchte ihn im Stillen und machte es mir auf dem Boden neben der Heizung gemütlich.

Am nächsten Morgen wurde Daniel auf eine andere Station verlegt. Wir warteten auf einen Arzt, Daniel wollte auf eigene Verantwortung gehen. Wir warteten lange, weil natürlich auch alle anderen kranken Menschen verlangten, dass sie am Samstagmorgen von einem Arzt angeguckt werden.

Weil ich einen Hang zur Langeweile habe, machte ich mich auf einen Streifzug durch den Laden. Hätte ja sein können, dass irgendwo ein Supermodel Aua hat und ich pusten kommen muss. Leider nicht. Ich hatte Hunger, aber kein Geld dabei. Um Zeit totzuschlagen, trank ich Wasser. Viel Wasser.

Als Daniel endlich gehen durfte, tauchte ein neues Problem auf: Wie sollten wir weg kommen? Wusste ja keiner, wo wir waren. Sollte auch keiner wissen. Taxi? Zu arm. Bus? Keine Ahnung. Zu Fuß? Zu viel zu Fuß. Daniel konnte sich irgendwann durchringen, seinen Vater anzurufen. Sehr peinlich.

Während wir warteten, geschockt und verkatert von der letzten Nacht, in unseren ungewaschenen, vollgekotzten Klamotten, erlebte ich auf dem Parkplatz plötzlich die Hölle aus Übelkeit, Ekel, Magenschmerzen und viel zu viel Wasser in meinem Bauch. Irgendwann rollte der Wagen von Daniels Vater vor, und je besser es Daniel ging, desto schlechter schien es bei mir zu werden. Ich saß im Auto, spürte ein Zucken, Daniel und sein Vater unterhielten sich. „Tschuldigung?“ Vielleicht zu leise? „Tschuldigung?“ Schon suchten sich gefühlte 40 Liter Wasser den schnellsten Ausgang, mitten in des Vaters Auto. Ach, was für ein Druck von mir genommen war. Leider trat dafür an seine Stelle der Druck des eisigen Schweigens, bis wir zu Hause ankamen.

Ich widersetzte mich dem Drang, in eine Kreissäge zu rennen, ging duschen und danach ganz schnell ins Bett.

Meine Eltern wissen von dem Wochenende bis heute nichts. Bewirkt hat es trotzdem was. Ich trinke keinen Alkohol mehr. Dankeschön.

Philipp Schockenhoff (20 Jahre) aus Wietzen

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