„Ist ganz schwer, das Zeug wieder aus den Haaren zu bekommen“

+
"The Baseballs" im Interview mit Chili-Autorin Louisa Beßling

Hamburg - „The Baseballs“ sprechen im Interview über Frisuren, Fanpost, Flirts und Frauen im Tourbus

Ich bin ein Riesenfan von „The Baseballs“, ich liebe Rock‘n‘Roll und die 50er Jahre. Am Wochenende hatte ich die Chance, auf ein Konzert der Band im Hamburger Stadtpark zu gehen und vorher Sam, Basti und Digger, die drei Frontsänger, zu interviewen. Entdeckt habe ich die Band auf der „Echo“-Bühne 2010. Sie spielten ein Medley aus drei Popsongs. Das ist ihr besonderes Rezept: Sie covern Stücke aus den aktuellen Charts und packen sie in das Rock‘n‘Roll-Kleid der 50er. Aber Sam (Sven Budja, 26), Basti (Sebastian Raetzel, 28) und Digger (Rüdiger Brans, 28) bringen nicht nur auf ihre eigene Art den Klang von Elvis, Jerry Lee Lewis und Little Richard zurück, sondern auch den Stil der Zeit. Sie kämmen sich ihre Haare zu einer Tolle und tragen Lederjacken. Beim Interview habe ich erfahren, dass die drei charmante, witzige, gut aussehende Jungs sind – jetzt bin ich ein noch größerer Fan.

Habt Ihr schon immer gerne Lederjacken getragen und die Haare gegelt?
Digger: Ja, man kann sagen. Wir haben uns tatsächlich deswegen auch damals alle so kennen gelernt. Wir haben, auch bevor wir uns kannten, den Rock'n'Roll-Stil schon immer so gelebt, und Lederjacken gehören schon immer dazu. Weil die auch am wenigsten peinlich waren, wenn man die zwischendurch so angezogen hat.

Was tut Ihr Euch da in die Haare?
Sam: Das ist Pomade. Also quasi so das Gel der 50-er. Das ist eine Mischung aus Vaseline und Wachs. Es ist auch ganz schwer, das Zeug aus den Haaren wieder raus zu bekommen, man muss sich glaube ich vier, fünf Tage hintereinander nichts reinschmieren, um das richtig rauszukriegen.
Digger: Und auf jeden Fall duschen!
Sam: Ja, genau, und auf jeden Fall waschen. Aber das Zeug hält am Besten. Und vor allem: Wenn die Tolle mal auseinander fällt, kann man schnell den Kamm nehmen und wieder nachkämmen. Das geht halt nur mit der Pomade. Bei Gel würde das nicht funktionieren.

Und wer braucht länger für die Frisur? Ihr oder Eure Freundinnen?
Basti: Äh. Freundinnen? Digger: Wir haben mal gesagt, also auch auf die Frage, was wir uns an einer Freundin wünschen, wenn wir Wünsche äußern könnten, wie unsere Traumfrau ist: Wenn wir Freundinnen bekommen, wollen wir Freundinnen haben, die im Bad nicht so lange wie wir brauchen. Damit wäre schon ein Großteil unseres Beziehungswunsches erfüllt.
Sam: Die müssen dann aber auch nicht extrem schnell sein. Basti braucht ja schon 30, 40 Minuten oder sogar eine Stunde.
BastI: Für die Haare brauche ich vielleicht zehn Minuten...
Digger: Bei Dir sind das dann noch diese gemeinen Nasenhaare...

Wie seid Ihr denn zum Rock’ n’Roll gekommen?
Sam: Ich glaub, man kann sagen, dass unsere Eltern oder unsere Familien Schuld dran hatten. Bei mir war es mein Bruder, der eine Elvis-Platte in seiner Plattensammlung hatte. Ich hab die gesehen und wollte das unbedingt anhören. Und dann hab ich gesagt: Geil, das ist die Musik, die ich möchte. Da war ich sechs Jahre alt oder sieben. Und bei Basti war's so ähnlich...
Basti: Ich hab immer die Elvis-Filme geguckt, mit meinen Eltern, und dazu gab's immer Kakao und Kuchen. Das ist so meine Erinnerung an Elvis, meine erste - das wir beim Kaffeetrinken immer Elvis-Filme angeguckt haben.
Sam: Und Digger hat unterm Weihnachtsbaum gerockt.
Digger: Es gibt so ein Video, wo ich sechs Jahre alt bin und im Pyjama und mit Pantoffeln zu "Hard Headed Woman" gerockt hab. Sam: Das Gute ist, wenn man so jung ist, also so sieben Jahre, da denkt man nicht wirklich drüber nach, was der Song oder der Text für 'ne Message transportieren möchten. Da ist man ein ehrlicher Zuhörer. Ich weiß nur, dass meine Gefühle waren, dass ich tanzen will und dass es Spaßmusik ist.

Also kann man sagen, dass Elvis auch euer größtes Vorbild ist?
Sam: Ja, auf jeden Fall. Es gibt zwar auch noch andere, die zu der Zeit gut waren...
Digger: ...aber er hat damit angefangen. Sam ist ein ganz großer Elvis-Fan. Wenn Du 'ne Frage hast zu Elvis, dann kannst Du Dir sicher sein, dass Sam weiß, wo man das nachschlägt - nein, er weiß das dann so. Und Basti steht mehr auf die ersten Boy-Groups aus den 60-ern.
Basti: Das hört sich jetzt komisch an, wenn Du das so sagst. Digger: Und ich steh mehr auf die Pianisten des Rock'n'Roll wie Little Richard und Jerry Lee Lewis.

Versucht Ihr, möglichst nah an Eure Vorbilder heranzukommen?
Digger: Was uns ganz ganz wichtig ist: Wir wollen keinen imitieren. Wir wollen mehr oder weniger eine Brücke schaffen zu den Leuten, die den Rock'n'Roll noch nicht gehört haben, jüngeren Leute, die nicht von vornherein mit der Musik konfrontiert wurden. Es gibt zwar uns, aber es gab eben auch früher Leute, die uns das gezeigt und vorgemacht haben. Wir versuchen mehr oder weniger, den Rock'n'Roll aufleben zu lassen.

Wie und wo habt Ihr Euch gefunden?
Digger: In der Gosse. (Alle lachen) Es war ein regnerischer Tag. Wir hatten kein Geld...Wir haben uns einen Burger geteilt.
Basti: Ne, es war so ähnlich. Wir haben uns ein Kaltgetränk geteilt.
Digger: Ja, geteilt...
Basti: Nein, wir hatten alle ein eigenes. Genau gesagt hatten wir mehrere, aber das ist eine andere Geschichte. Es war vor vier Jahren, es war in einem Proberaumkomplex mit vielen Proberäumen. Wir waren da mit unterschiedlichen Bands, und da gibts dann einen Raum, wo man die ganzen Bierkästen hinstellt. Da haben wir uns zum ersten Mal gesehen und sind uns sofort an den Frisuren aufgefallen. Weil das ist doch sehr verbreitet, dass in solchen Proberäumen eher so Heavy-Metal-Bands unterwegs sind. Da war uns relativ schnell klar, dass wir nicht zu dieser Fraktion gehören und sind deswegen ins Gespräch gekommen und haben auch noch ein bisschen Musik an dem Abend gemacht.
Sam: Richtig. Wir haben am selben Abend, als wir dann mit den eigentlichen Bands fertig waren, mit denen wir da waren, in diesem Proberaum nochmal zusammen gesetzt und ein bisschen über die 50-er gequatscht, über Elvis und Co., und haben dann auch "Blues Suede Shoes" als erstes zusammen gejamt. Und das Besondere war eigentlich daran, dass wir uns nicht von vornherein abgesprochen haben, wer welche Stimme jetzt singt, sondern dass ich meine Gitarre rausgeholt hab und angefangen hab, und die zwei sind dann eingestiegen. Dann haben wir so'n Dreierklang gehabt. Dieses harmonische Singen, was ausschlaggebend war. Man kann sagen: Das war die Geburtsstunde des Voc'n'Roll.
Digger: Schön gesagt.
Sam: Du hast jetzt auch Tränen in den Augen.
Digger: Ja. Und mir ist schlecht.

Warum nennt Ihr Euch "The Baseballs?"
Digger: Das ist eine lange Geschichte gewesen. Das ist glaube ich in jeder Band so. Wir waren ja auch schon vor "The Baseballs" in Bands, und da ist das Problem immer, mit mehreren Leuten zu entscheiden, wie man eine Band nennen will. Bei uns war es so, dass wir uns alle erst einmal einig waren, dass ein "The" im Namen vorkommen soll. Dann haben wir halt überlegt, dass wir nicht gerne nur so klingen wollen wie viele Rockabilly-Bands. Oft haben die Tiernamen wie mit "Cat" am Ende. Wir wollten irgendwas haben, was mit den 50-ern zu tun hat, aber nicht unbedingt sofort mit Rock'n'Roll in Verbindung gebracht wird. Und wenn etwas neben dem Rock'n'Roll in den 50-ern wirklich groß und beliebt war, und auch heute immer noch ist, dann ist das Baseball. Deswegen haben wir gesagt, okay, wir nennen uns "The Baseballs". Es hat ja einen Bezug zu den 50-ern, aber wir schlagen den Leuten nicht sofort Rock'n'Roll direkt aufs Auge.

Sind denn mit "The Baseballs" Ihr drei Sänger gemeint, oder die ganze Band?
Basti: Wir drei sind immer auf den Fotos vorne drauf. Aber wir verstehen uns gerade auf der Bühne als diese Siebener-Band, wir könnten nicht viel anfangen, wenn wir die vier anderen nicht dabei hätten. Digger: Sie sind auch unglaublich wichtig für die Songs, die wir arrangieren. Wir agieren auch authentisch, die Plattenfirma sagt nicht: Nun macht mal die Songs, sondern wir verkriechen uns dann wirklich 'ne Woche in den Proberaum mit der kompletten Band und arrangieren. Insofern gehören sie wirklich schon sehr zu uns. Aber es ist dann tatsächlich auch so, dass es bei Interviews erstmal nur wir drei sind, die die Antworten geben. Sonst wären wir sieben Leute, und die sind auch genau solche Plappermäule wie wir. Da würde man noch viel mehr rauskürzen oder -schneiden müssen.

Kann man jeden Song im Rock’n’Roll-Stil oder Voc'n'Roll Still machen?
Digger: Ver-Rock'n'roll-lisieren meinst Du?
Sam: Also jeden Song nicht. Grundvoraussetzung ist, dass der Song, damit er in Voc'n'Roll verwandelt werden kann, im Original viel Text haben sollte oder 'ne gute Melodie. Wir habens mal spaßeshalber versucht, einen Techno-Song von Scooter zu ver-Rock'n'roll-lisieren. Das hat dann auch funktioniert - für 30 Sekunden, danach ist es echt ätzend geworden.
Digger: Wie im Original eigentlich auch.
Sam: Ja, das ist eben Grundvoraussetzung, dass der Song ne schöne Melodie hat, und auch nicht zu mollig, Moll ist immer sehr traurig.

Hat jeder von Euch eine bestimmte Aufgabe in der Band? Musikalisch und wie ihr auftretet?
Digger: Basti haben wir eigentlich nur dabei, weil er sehr gut kochen kann. Und dann ist uns aufgefallen, dass er auch singen kann.Aber auch nur, weil Sam und ich beide sehr gute Bauchredner sind.
Basti; Auch wenn ich hier rede - Du musst aufpassen, einer von den anderen hält immer den Mund.
Digger: Das ist bei uns so, dass wir uns stimmlich sehr unterscheiden. Aber hinterher dann ergänzen. Sam hat wirklich so eine super softe 50-er Stimme. Egal, was Sam singt, es ist gleich mit so einer 50-er-Attitude. Und Basti ist eher so der Schmalzkopf bei uns. Sam: Im wahrsten Sinne des Wortes.
Digger: Wenn es irgendwelche Balladen gibt, dann ist Basti meistens der Richtige. Ich freu mich dann immer, wenn es ein bisschen rockiger wird, wenn man dann ein bisschen brüllen kann. Wobei am Ende, wenn wir einen Dreiklang erzeugen, sind unsere unterschiedlichen Stimmen gegessen. Und ich glaube jeder von uns Sieben aus der Band erfüllt seinen Job gut und ist ein guter Teil des Ganzen. Es gibt glaube ich keinen Charakter doppelt vorkommend, auch stimmlich nicht. Und ansonsten schmeißen wir ihn raus.

Könntet Ihr Euch auch vorstellen, die Band zu erweitern, den Sound zu verändern zum Beispiel mit Bläsern?
Digger und Basti: Sehr gut!
Basti: Ist tatsächlich so. Digger: Wenn man sich auch die Geschichte des Rock'n'Roll, gerade die Geschicte von Elvis Presley anguckt: Der hat sich ja auch immer wieder weiter entwickelt oder auch neu erfunden.
Sam: Richtig.
Digger: Und wenn man sich ne Show von Elvis anguckt, dann hat er auch zum Beispiel Frauenbackgrounds dabei und eben auch Bläser. Man kann tatsächlich das ganze Konstrukt auch viel weiter spinnen. Wir haben auch zum Beispiel gestern nach dem Konzert am Piano bisschen rumgeklimpert mit unserem Pianisten, und dann fingen wir plötzlich an, in so eine Gospelrichtung zu gehen. Da denkt man dann natürlich sofort darüber nach, ob es irgendwann vielleicht möglich wäre, mit 'nem ganzen Gospelchor auf der Bühne zu stehen. Und auf jeden Fall hoffen wir natürlich, mit unserer Band und ganz vielen anderen Leuten noch möglichst lange und noch auf möglichst vielen Bühnen zu stehen.

Hat sich Euer Leben verändert, seit Ihr so erfolgreich seid?
Digger: Wir sind scheiße reich, haben ganz viele Frauen.. .(Gelächter)
Basti: Das ist für eine Jugendseite, oder?
Digger: Nein, wir machen gerade alle unser Abitur nach.
Basti: Haben aufgehört zu rauchen.
Digger: Wir sind total froh, dass wir irgendwie so viele Leute ansprechen können, aber trotzdem noch so eine authentische Band sind. Was sich wirklich sehr verändert hat ist die Zeit, die wir haben. Wir haben kaum noch Zeit mal mit unseren ursprünglichen alten Freunden aus der Heimat was zu machen, außer mal zu chatten. Unsere Eltern sehen wir natürlich auch voll selten. Nun sind wir auch ständig auf Tour, wobei man auch sagen kann, dass man mit den ganzen Baseballs-Leuten, mit der Crew und der Band, auch sowas wie ne gute Ersatzfamilie gefunden hat. Wenn man dann mal Zeit hat, kann man im Wald zusammen spazieren gehen. Man lernt halt seine Freizeit oder die Zeit, die man hat, seinem Tour-Alltag anzupassen. Das heißt im Moment dreht sich ja unglaublich viel um die "Baseballs", aber das ist auch gut so. Das sind auch gute Möglichkeiten, sich sein altes Leben in Teilen zu bewahren.

Wie viel Fanpost bekommt Ihr denn - und wer bekommt die meisten Mails und Briefe von Mädchen?
Digger (zu Basti): Das musst Du jetzt beantworten.
Sam: Ja, weil er sammelt sie nämlich und gibt sie uns niemals.
Basti: Ich leg das immer so aus, dass das so aussieht, als würde ich mehr bekommen. Nein Quatsch - die Post kommt gar nicht bei uns selber an, sondern beim Management. Deswegen kriegen wir das dann nur bruchstückhaft mit, aber man kann schon sagen, dass sich das ganz gut verteilt. Das passt dann auch dazu, dass wir vom Typ her doch eigentlich relativ unterschiedlich sind. Digger kriegt dann auch die ein oder andere offensivere Anfrage. (Gelächter).
Digger: Und ich geb auch offensive Antworten.

Und warum wohl?
Digger (stottert): Ich kann...also... Ich bin schon immer jemand gewesen, der gerne flirtet, das macht aber jeder von uns eigentlich und gerne mal aus Spaß. Nicht so von wegen: Ich nehme jetzt jemanden mit. Wir sind, was Frauen auf Tour angeht, wirklich alle sehr große Gentlemen. Wir nehmen keine Frau mit auf den Tourbus. Obwohl, gestern war meine Mama mal dabei, die hat sich das Konzert angeguckt. Und sonst sind wir, was den Kontakt mit Frauen angeht, sehr gentlemenlike und versuchen wirklich, den Respekt vor dem weiblichen Geschlecht zu bewahren. Wir sind alt genug und haben genug Erfahrungen, so dass wir wissen, das Frauen keine Objekte sind - und wenn dann nur für eine Nacht. (Alle lachen). Nein nein, Du weißt, was ich meine...Wir versuchen das nicht auszunutzen, dass wir Fanpost bekommen. Wir versuchen, immer zu antworten, aber wenn es dann darum geht, Handynummern rauszugeben, sowas machen wir nicht. Wir versuchen, jede Menge Leute anzusprechen, und dann geht es wirklich bei einem 6-Jährigen los, geht bis hin zur 70-jährigen Oma. Und wir sind froh, dass wir so ein breites Publikum ansprechen, da soll keiner wirklich groß bevor- und benachteiligt werden.

Louisa Beßling (13 Jahre) aus Syke

Das könnte Sie auch interessieren

Die Toten Hosen in der Bremer ÖVB-Arena

Die Toten Hosen in der Bremer ÖVB-Arena

Regierungspartei fordert Rücktritt Mugabes

Regierungspartei fordert Rücktritt Mugabes

Mitmach-Tag in der Kindertagesstätte Dörverden

Mitmach-Tag in der Kindertagesstätte Dörverden

Staatsanwaltschaft will Puigdemont an Spanien ausliefern

Staatsanwaltschaft will Puigdemont an Spanien ausliefern

Meistgelesene Artikel

Starke Psycho-Serie auf Netflix: „The Sinner“ macht süchtig

Starke Psycho-Serie auf Netflix: „The Sinner“ macht süchtig

Irgendwas stimmt nicht! Dieses vermeintliche Festival-Foto macht das Netz verrückt

Irgendwas stimmt nicht! Dieses vermeintliche Festival-Foto macht das Netz verrückt

Sieben Tage, sieben Bilder - Facebook wird jetzt schwarz-weiß

Sieben Tage, sieben Bilder - Facebook wird jetzt schwarz-weiß

#RauchenfürDeniz als Zeichen der Solidarität 

#RauchenfürDeniz als Zeichen der Solidarität 

Kommentare