Soundgewitter, Schlafsack und Schüttelkorn: Ein Wochenende beim „Hurricane“-Festival

„Klingt wie der Schrei einer überfahrenen Schildkröte“

Soundgewitter, Schlafsack und Schüttelkorn: Ein Wochenende beim „Hurricane“-Festival

Scheeßel – Gleich nach Lennarts Englisch-Business-Prüfung geht’s los nach Scheeßel – wir fahren zum „Hurricane“, dem größten Festival in Norddeutschland. Der frühe Vogel kann uns mal – natürlich sind wir nicht die ersten. Am Arsch des Areals finden wir endlich einen Zeltplatz – 1,14 Kilometer bis zum Festivalgelände. Viel weiter weg geht nicht. Aber wir sind ja nicht zum ersten Mal hier und gut vorbereitet.

Heißer Tipp für alle Festivalgänger: Nehmt immer eine Sackkarre mit! In Lichtgeschwindigkeit bauen wir unser Zelt auf, und dann: Ab zu den Bühnen! Und wir hören: „Madsen“. Inspirierende Indiegruppe, authentisches Auftreten, gute, einfache, deutschsprachige Texte zum Mitsingen, ihr wichtigster Song: „Du schreibst Geschichte“. Als Tier wäre die Brüder-Band ein junger Esel (ein bisschen wegen des störrischen Gesangs von Frontmann Johannes, aber vor allem, weil Esel einfach sympathische, bodenständige Charaktertiere sind), als Essen ungesäuertes Brot, als Getränk Schüttelkorn und als Bettwäsche ein Schlafsack. Alles zusammen live beim „Hurricane“ – ein echter Stimmungs-Hammer!

Im Nachmittagsprogramm: Die US-Emorocker „The Get up Kids“. Essen: Hot Dog (isst man aus irgendeinem Grund nicht oft, merkt dann aber immer, wie gut der Scheiß schmeckt), Tier: Schäferhundwelpe, Bettwäsche: mit Instrumentenmotiven, Getränk: Cola mit Eiswürfeln. „Biffy Clyro“ aus Schottland (Essen: Stücke aus Bergen, Tier: Seeungeheuer, Bettwäsche: mit „Mon the Biffy“-Aufdruck, Getränk: ein Schluck aus dem Ozean) mit progressivem Rock. Singer-Songwriter Frank Turner (Vollkornspaghetti mit Tomatensoße / Adler / Flanelldecke mit Karomuster in Rottönen / Gin Tonic). Folkrock von „Alberta Cross“ (Kartoffel-Möhren-Suppe / Katze / Landhaus-Stil / O-Saft mit ‘ner Kugel Vanilleeis). Alternative aus England von der „Band of Skulls“ (Essen: Wüstensand mit Erdbeersoße / Tier: Wüstenfuchs / Bettwäsche: Sand / Getränk: Wasser aus einer Quelle). Und Schwedenpop von „Moneybrother“ (Pommes mit Jägerschnitzel / Beagle / Bettwäsche: schick & teuer / Alkoholfreier Cocktail mit Papierschirmchen).

Weiter geht’s für uns mit den „Shout out Louds“. Der Frontsänger Adam Olenius macht insgesamt zwar eine schöne Show, aber das Konzert zieht sich sehr in die Länge. Der Rest ist Durchschnitt, die Stimmung der Zuhörer etwas lustlos. Die Band selbst kann vielleicht gar nicht mal so viel dafür. Ihr Genre trifft genau die Hauptstilrichtung des Festivals und ist damit wahrscheinlich einfach nur überspielt. Das Essen zur Band: Pizza-Vier-Jahreszeiten mit Freunden, Tier: Hängebauchschweine im Streichelzoo, Bettwäsche: weiß, Getränk: Schwarzer Tee mit einem Schuss Sahne. Die „Dropkick Murphys“ heizen uns wieder ein. Ganz klar: Tiger. Und knusprige, angebratene Nudeln mit Tabascosoße.

Der Irish Folk mit Dudelsack und Tin Whistle macht schon beim ersten Stück Lust auf einen Pogokreis, und die Stimmung geht direkt hart steil – eine kumpelhafte, positiv-aggressive Energie. Total krass wird es, als die Band ein Stück mit einem Titanic-My-heart-will-go-on-Intro einleitet oder eine irische Version von „An der Nordseeküste“ spielt. Allem Anschein nach wechseln sich die Stimmungsbomben und Enttäuschungen gut ab. „Danko Jones“ (ihr größter Song: „Lover Call“ – das Lied verkörpert den kompletten Sexappeal der Band) ist die nächste eher mäßige Gruppe. Der Sänger mit asiatischer Abstammung macht eine agressive Show, die zum „Garage-Blues-Rock“ der Band passt. Tier: Löwe / Essen: Chili con Carne / Bettwäsche: Steine mit Motörhead-Aufdruck. Der Typ haut auch einige coole Sprüche raus, die Stimmung bleibt aber gedämpft. Oder liegt einfach nur ein Fluch auf der „Blauen Bühne“?

Zeit für die Headliner. Auf der „Grünen Bühne“ spielen die „Beatsteaks“, die zu Recht als eine der besten Livebands Deutschlands gelten. Das Essen zum Auftritt: Soljanka, Tier: Hummeln im Hintern, Bettwäsche: zusammengenähte Fanbriefe, Getränk: Berliner Weiße und dann alles, was da ist. Nebenan betreten „Mando Diao“ die „Blaue Bühne“. Essen: Köttbullar, Tier: Wal und Seemöwen, Bettwäsche: junge Frauen. Die hochgejubelten Jungs aus Schweden treten zwar etwas hochnäsig und schleimig auf, aber das Konzert ist gewürzt und hat das gewisse Etwas. Das wäre ein guter Ausklang des ersten Tages – wenn da nicht noch „Mr. Oizo“ wäre. Ihr erinnert Euch bestimmt an den „Flat Beat“; im Video zum Song raucht Eric, ein hässliches gelbes Stofftier, Würstchen wie Zigarren. Jedenfalls: Ein unverhoffter Akustik-Traum von perfekt gemixten Elektrosounds. Das Programm ist eintönig elektrisch und entspricht damit so überhaupt nicht dem ursprünglichen Mainstream des „Hurricane“. Aber dafür gibt es dieses Jahr zum ersten Mal extra die neue vierte Bühne, die „White Stage“ für elektronische Musik. „Mr. Oizo“ mixt bekannte Discosongs wie „Riverside Motherfucker“ ganz anders zusammen. Unglaublich!

Wenn man dann noch auf „Mr. Oizo“ himself blickt, einen 36-jährigen, schon leicht krummrückigen, vollbärtigen Mann, der auf der Bühne trinkt und raucht, dem Publikum kaum einen Blick schenkt und vor allem seine eigene Musik feiert, ist man selbst dabei, den Sound bis zum letzten Beat zu leben. Ein aufgedrehtes, sehr gelungenes Ende des Freitags. Am nächsten Morgen: Aufwachen… Tobi an Lenni: Haben wir eigentlich Waschlappen mit? – Nein! Handtücher oder sowas zum Duschen? – Nein! Okay, das ist „Hurricane“...

Erst mal eine Dose aufmachen und den Grill anfeuern. Bratwürstchen und Bier zum Frühstück. Das ist ein Leben! Kurz gechillt, und schon ist es Zeit, zu den ersten Konzerten aufzubrechen. „Coheed & Cambria“ sind der perfekte Start in den Tag! Ein Mix aus tiefgespielter Gitarre mit viel Bass, Schlagzeug und der seltsamen, hohen Stimme des Frontsängers Claudio Sandchez erzeugen eine mystische, dunkle Atmosphäre. Auf dem Banner im Hintergrund ist ein dünner Mann mit aufgeschlitzter Kehle abgebildet, das passt zur Band wie Bonbons zu dicken Kindern. Aber wirklich böse wirkt hier nix. Das Konzert umgibt ein Hauch von Freundlichkeit – kann allerdings auch die Tageszeit sein. Wer weiß, wie der Auftritt bei Dunkelheit wirkt?

Weiter geht’s mit „Skunk Anansie“. Tier: Puma, Essen: Jamaicanisches Jerk, Getränk: Cuba Libre, Bettwäsche: Hunderte Hetero-Frauen, die nicht lesbisch sind, aber trotzdem mit Sängerin Skin knutschen würden. Spätestens bei diesem Konzert sind alle wach! Die energiegeladene, krasse Frontfrau springt rum, singt sogar beim Stagediven weiter, ihre hohe Stimme rockt die Menge. Unglaublich, dass sie bei der geilen Bühnenshow nicht zusammenbricht, sondern immer mehr ausflippt – genau wie das Publikum. Ein unvergesslicher Auftritt! Die Show von Jack Johnson ist im Gegensatz dazu leider vor allem eins: Deutlich zu leise. Wer nicht direkt vor der Bühne steht, hört die gemütlichen Gitarrenklänge des Surferboys bestenfalls als Hintergrundmusik. Wirklich schade, denn der Kerl steht für Sommer, wundervolle Beschwingtheit, Festivalgefühl, Schlafen unter Palmenwedeln und Banana-Pancakes. Er trägt ein lockeres Holzfällerhemd und trinkt zur Einstimmung erst mal einen Schluck Milch aus einer Kokosnuss. Wir müssen also feststellen: Auf der „Blue Stage“ liegt kein Fluch. Es ist einfach nur die Technik, die nicht stimmt.

Wir wechseln zurück zur neuen „White Stage“ und versuchen, zu „Frittenbude“ in das komplett überfüllte Zelt zu kommen – keine Chance! Die Security kommt nicht mehr gegen die drängenden Massen an. Was man aus der Entfernung hört, ist super! Ein krasser Mix aus bekannten Partyliedern wie „Song 2“ von „Blur“ und „Krawall und Remmi Demmi“ von „Deichkind“ – perfekt zum Feiern. Eine Band wie ein Dönertier. Doppelte Pommes, Milkshake, Cola, schlafen muss man nicht. Leider finden das zu viele – der Auftritt muss abgebrochen werden, die „Weiße Bühne“ wird gesperrt. (Am nächsten Tag ist das Zelt allerdings umgebaut und alles läuft wieder. Ein Lob an die Organisation!)

Als nächstes haben wir „Bonaparte“ im Programm. „They own the factory, but we’re on strike. Say Anti Anti!” – das Lied ist die internationale Antwort auf „Rage against the Machine“, und der Streik wird zu einer riesigen Kostümparty. Während des Auftritts ist die Band komplett verkleidet. Geile Gruppe. Als Tier: Wiesel, als Getränk: Gin. Es geht richtig ab! Bis wir keine Luft mehr kriegen. Wir beeilen uns, um zu „Billy Talent“ zu kommen. Und die Alternative- Rocker aus Kanada liefern echt eine einzigartige Show ab – wie der Schrei einer überfahrenen Schildkröte, wie rohe Frühlingszwiebel als Vorspeise und Spiritus als Aperitif. Die Stimmung befindet sich praktisch dauerhaft auf dem Höhepunkt. Frontmann Benjamin Kowalewicz springt auf der Bühne rum und schreit seine Texte ins Publikum wie ein Affe auf Ecstasy. Ein wunderschön energiegeladenes Konzert!

Und schon ist er da, der letzte Festivaltag! Die Sonne geht auf, das Zelt wird zur Sauna. Also raus. Zum Frühstück gibt’s Ravioli für Lenni und Sauerkrauteintopf für Tobi. Eine Achterbahnfahrt für den Magen, sowas geht einmal im Jahr. Eine Runde „Flanky Ball“ mit den Zeltnachbarn, und dann einen kleinen Schnelldurchlauf: Die englische Indietronic-Gruppe „Does it offend you, yeah?“ (Mondkalb / Trockene Spaghetti / Cola-Energy / neongelbe Decke, neongrünes Kissen). Die Pop-Punks von „Zebrahead“ (angemaltes Pferd mit Streifen / gebügelter Bettbezug / Pommes rot-weiß / bis 18 Uhr Sprite, danach Alster). Das Disco-Projekt „LCD Soundsystem“ von Musikproduzent James Murphy (Hühnchen aus der Tube / Plastikplanen / Astronautennahrung / Eiswürfel zum Lutschen). Hardcoremetal mit Elektro-Experimenten von den Kaliforniern „Horse the Band“ (Tier: Gameboy / Essen: Super Marios Feuerblumen mit Wassereis-Bröckchen, Getränk: isotonischer Sportdrink). Indiepop aus Frankreich von „Phoenix“ (Raupe kurz vorm Verpuppen / Schokocrossies zum Abendessen / Kakao mit Schuss) und Punk aus Flensburg von „Turbostaat“ (Terrier, bissig / Käsebrötchen mit ganz vielen Gurken / Salzwasser).

Wir wollen weiter zu „Dendemann“ (Tier: Lama, Bettwäsche: Türkise Trainingsjacke aus Ballonseide. Getränk: Jägermeister, Essen: ‘ne schöne Bulette – in etwa wie die Frikadunsen von der Maus von Sven Marquardt). Der Hip-Hopper („Stumpf ist Trump“) hat groteske Sounds und Styles eingepackt. Die Technik läuft, wie sie soll, die Boxen schießen die Basswellen bis nach ganz hinten. Das Thema heißt „80er“. „Dendemann“ trägt Jeans und bunte Schirmmütze. Sein Gesicht ziert ein Schnurrbart, die Haare sind an den Seiten kurz und nach hinten etwas über Schulter lang. Seine Band, die „Freie Radikale GbR der Herzen“, ist ähnlich gestylt. Die Show ist nicht unser Fall, kommt aber super bei allen anderen an.

Weiter geht’s zu „Revolverheld“. Dass diese Jungs eine riesen Freude haben, beim „Hurricane“ auf der Bühne zu stehen und ihre Fans glücklich zu machen, sieht man ihnen an. Die im Vorfeld angedachten Schubladen (Bettwäsche: die hässliche von KiK, Tier: Qualle, Getränk: Tomatensaft mit viel Tabasco, Essen: Frisches 69-Cent-die-Packung- Toastbrot) schließen sich schnell wieder. Die Chartstürmer legen einen unerwartet rockigen Auftritt hin. Sie kommen sympathisch und natürlich rüber, die Songs sind live deutlich besser. „Arbeit nervt“ – das Lied passt einfach am besten zur Botschaft der Band „Deichkind“. Klingt wie ein Faultier auf Red-Bull-Fanta, das sich von Mausespeck mit Zigeunersoße ernährt, in buntem Baby-Brei badet und Mittagsschlaf in den Bällen aus dem „Ikea-Smalland“ hält.

Qualitativ betrachtet, sind „Deichkind“ einfach mal schlecht. Aber wie heißt es so wunderbar passend in der Bandbeschreibung im Festivalheftchen: „In einer Welt, in der Menschen Drogen nehmen müssen, um in ihrem Job funktionieren zu können, sind Deichkind die Retter vor dem großen Stumpf.“ Und egal, was die Hamburger Hip-Hop- Elektro-Formation tatsächlich musikalisch kann – ihre Show ist der pure Wahnsinn! Anarchie auf der Bühne! Mit leuchtenden Pyramiden auf dem Kopf und Neonfarbe im Gesicht hüpfen sie während der Show auf Trampolinen oder fahren in Gummibooten über die Massen. Sogar die hintersten Reihen feiern mit. Ein Live-Erlebnis!

Zeit für „The Prodigy“. Tier: Eine Kreuzung aus magerer Ratte und verstrahltem Warzenschwein. Getränk: Magensäure oder Wodka-Red-Bull mit Senf. Essen: Zigarettenstummel und Menschenfleisch. Bettwäsche: Ein rostiges Nagelbrett. Die Elektropunkband aus England gibt es seit 20 Jahren, und alter Verwalter! Die Jungs gehen immer noch so richtig ab! In der Musik steckt viel Bass, viel Tempo, viel Energie, die sich sofort in Bewegung umwandelt. Die Menge rastet völlig aus, alle sind am Tanzen. Wow. Das „Hurricane“ endet mit „The Strooks“ (Tier: Eidechse. Essen: Eine Tasse Kaffee und eine Zigarette. Bettwäsche: schmutzig. Getränk: Kaffee in einer Designertasse mit Warhol-Aufdruck). Die Band aus New York macht seeeehr gute Rockmusik, der sie einen ganz eigenen Touch verpasst. Der Sänger hat einen Coolnessfaktor, aber auf der Bühne geht er mit klassischen Moves wie Lufttritten ab. Die Lichteffekte sind super abgestimmt, im Publikum herrscht allerbeste Stimmung. Es hätte nicht besser sein können! Ein super Abschluss. Tobias und Lennart Schmidt (19 und 16 Jahre) aus Syke sowie Kai Pröpper und Miriam Unger aus der chili-Redaktion

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