Hurricane-Festival in Scheeßel

Schlaflos in Scheeßel (oder: Warum Louisa Heyne heute rechteckige Abdrücke im Gesicht hat)

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Mit chili mittendrin: Sevda und Louisa beim Hurricane-Festival mit zwei leider viel zu seltenen Vertretern der Schnauzbart-Fraktion.

Die Lehrer von Louisa Heyne (15) werden heute Morgen wohl gerätselt haben: Was hat sie da für komische rechteckige Abdrücke im Gesicht? Wieso gähnt diese sonst so topmotivierte Schülerin ständig? Und warum zur Hölle ist das Mädchen voller Staub? Unsere Schuld. Sie war für uns beim Hurricane.

Unsere Festival-Reporter Sevda (links) und Louisa

Wir haben Louisa zusammen mit ihrer Freundin Sevda Kurt als chili-Reporter zum Hurricane-Festival in Scheeßel geschickt. Heute morgen ist Louisa zurückgekommen, knallhart direkt in die Schule gegangen, und irgendwann zwischendurch hat sie auch noch ein paar Minuten geschlafen - auf ihrer Computer-Tastatur. Jaha, das ist Engagement und Arbeitseifer, Freunde! Und es erklärt nicht nur Staub und Schlaflosigkeit, sondern auch die quadratischen Abdrücke im Gesicht. Zum Glück sind die inzwischen wieder verschwunden. Die Erinnerungen ans Wochenende aber noch lange nicht. Wie war alles? Wollen wir jetzt natürlich alle wissen. Und trotz der Strapazen der letzten vier Tage (die Mädels haben seit Donnerstag vom Festivalgelände gepostet) erzählt Louisa am Stück und ohne einzuschlafen:

Von Louisa Heyne   (15 Jahre) aus Scheeßel    -    Mein erstes Hurricane-Festival ist vorbei, und nun soll ich sagen, was besonders besonders war – puh, ganz schön schwer! Abgesehen davon, dass mir und meinem Laptop noch der Staub und der Schlafentzug in allen Poren stecken, lässt sich dieses Festival eigentlich gar nicht in ein paar Sätzen zusammenfassen. Es sind einfach zu viele Dinge, die das Hurricane 2014 ausgemacht haben. Aber ich fang mal an:

DIE BANDS

Überraschung: Wir haben uns auf einem der größten Musikfestivals Deutschlands doch tatsächlich Bands angehört! Und was für welche! "Bastille", "Macklemore und Ryan Lewis", "Passenger" oder Ed Sheeran gehörten in diesem Jahr zu den Headlinern. Klar, dass wir uns diese Publikumsmagneten einfach mal live angucken mussten. Dafür haben wir uns auch gerne freiwillig von Menschenmassen zerquetschen lassen. Und in der Menge umgehört. Die Reaktionen auf den von der Technik her einwandfreien "Macklemore"-Auftritt reichten von "Na, wenigstens hat er diesmal weniger rumgelabert und mehr Musik gemacht“ bis „Das beste Konzert vom ganzen Hurricane!“ Wir selbst fanden den Auftritt genau dazwischen. Der Sänger hat zwar seine Fans, die Stimmung machten – er selbst schaffte es aber nur zwischenzeitlich ein bisschen, die Menge mitzureißen. Die meiste Zeit wirkte seine Bühnenshow auf uns ziemlich gestelzt. Dafür war die Musik okay, und er hatte lustige Kostüme – sehr coole Perücken zum Beispiel.

DIE HEADLINER

Von Macklemore hab ich ja gerade erzählt. "Kraftklub" brachte die Massen zum Ausrasten. Ich selbst finde die Band zwar immer noch doof, aber das Publikum hat super mitgemacht.

Ed Sheeran

Ed Sheeran hat zwar ein paar seiner beliebten Schmonzetten gespielt, aber sonst war sein Auftritt, musikalisch gesehen, noch anspruchsvoller und besser als das, was man von ihm kennt. Er kann ja nicht nur singen, sondern auch rappen und beatboxen, dazu hammergut Gitarre spielen – da waren ein paar richtig geniale Soli dabei – er ist so ein Multitalent! Über seine Stimme muss ich nicht mehr viel sagen, eine Band hat er gar nicht gebraucht. Ein toller Auftritt. Bei "Passenger" standen Sevda und ich ganz vorne und waren begeistert. Nicht unbedingt von ihm und seinen Songs, sondern insgesamt von der Stimmung, die er verbreitet hat. Und Wahnsinn, wie die ganzen verliebten Mädels vor der Bühne ausgerastet sind!

Passenger

Bei "Bastille" waren wir nur für ein paar Songs.  Fanden wir okay, das Konzert war nichts Außergewöhnliches. Okay eben. Während Ed Sheeran und "Passenger" ja totale Publikumslieblinge sind, beide auf ihre eigene sympathische Art, und auf die Festivalgäste reagierten, haben Bastille eher so ein Programm abgespult, ihre Songs gesungen und sind dann wieder gegangen. Das soll nicht vernichtend klingen, die Fans ganz vorne fanden's wahrscheinlich super, aber ganz hinten und mit einer Körpergröße von 1,55 Meter konnte man nicht wirklich viel mitkriegen und der Funke ist einfach nicht übergesprungen.

DER GEHEIMTIPP

Der Wuschelkopf-Sänger von "The 1975"

Im Vorfeld haben wir immer wieder und überall gehört, das wäre auf jeden Fall in diesem Jahr die Band „The 1975“. Als wir dann versuchten, bei den Indie-Jungs aus Manchester direkt vor die Bühne zu kommen, wurde sofort klar: Der Titel "Geheimtipp" ist schon längst überholt. Die Musiker mit ihrer Mischung aus Indie, Rock, Soul und R'n'B haben schon eine feste Fangemeinde. Undzwar eine kreischwütige und größtenteils weibliche. Spätestens nach dem zweiten Song hagelte es BHs auf den Leadsänger und seinen Wuschelkopf.

DIE HORIZONTALE SPERRE

Liegt es am Alkoholpegel? Oder an der Hurricane-Grundeinstellung? Oder war irgendwas im Trinkwasser oder in der Luft? Fest steht auf jeden Fall, dass wir bisher nirgendwo anders so viele seltsame Begegnungen auf einem Haufen gemacht haben. Obwohl es kein warmes, schönes Sonnenscheinwochenende war - überall nur gechillte, entspannte, gutgelaunte Leute. Beispiel: Ich gehe nach dem Aufstehen ganz arglos über das Festivalgelände, stolpere über etwas und sehe – erst mal gar nichts und dann einen Typ, der völlig entspannt ausgestreckt auf dem Boden liegt. Die erste Alkoholleiche, und das schon um zwölf Uhr vormittags? Nein, lächelt er. Er habe bloß seine Freunde verloren und wisse nun auch nicht, was er machen solle. Die für ihn interessanten Bands würden ja erst abends anfangen. Naja, und da hätte er sich dann einfach mal hingelegt. Direkt so aus dem Stand an Ort und Stelle. Dass er damit einen Festival-Trend gesettet hat, war ihm da bestimmt noch nicht bewusst. Nach vier Stunden hatte der namenlose Liegende bereits so viele Nachahmer - viel zu viele, die mir mein Rennen zur nächsten Band unmöglich machten.

DIE ENTTÄUSCHUNG

"Hurricane" stand drauf - aber war auch Hurricane drin? In der Erwartung, neben der Musik auch einfach diese große Festivalstimmung zu erleben, viele schräge Typen, neue Ideen, coole Kultsachen und junge Trendsetter zu sehen, stürmten wir den Eichenring-Wall – und waren erst mal ein kleines Bisschen enttäuscht. Keine "Helga!"-Suchtrupps, kaum geistreiche Pappschilder, nicht mal Schnurrbärte gab’s. Dafür Regenschauer, vermehrt muffelige Minen und amorphe Abhänger. Selbst auf den Zeltplätzen, hatte ich den Eindruck, lungerten mehr mehr pseudoerwachsene Teenies ohne Plan rum als „echte“ Festivalgänger-Originale. Werden Festivalbesucher etwa jünger, aber immer unkreativer? Hoffentlich nicht - holt "Helga!" zurück! Bitte! Wir sind doch nicht nur wegen der Musik hier.

Verlosung

DIE STANDARD-SÄTZE

Nix mit "Helga!", nix mit "Sorry wegen der Sache mit Deinem Zelt, Kumpel..." - Viele Leute plus viel Alkohol plus viel Festivalstimmung gleich viele sinnfreie Gespräche. Unsere Liebings-Wortfetzen:

„Kann ich hier durch? Ich muss mal, und ich hab auch Titten!“

„Zu spät – es lebt noch es lebt noch!“

„Aber my name is Danny!“

„Hol die Palme, wir brauchen die Palme!“

„Ihr wisst schon, dass Euer Pavillion offen ist, oder? Was, wenn es von unten anfängt zu regnen?“

„Haha Alter, er kann den Delfin!“

„Wolln wa nicht ma wat für die Laubbäume tun?“

„Die da kenn ich aus 'nem Porno, tick ihr mal auf die Schulter!“

„Guck mal das Krokodil da - nein, er ist ein Igel!“

„Mach das weg, das ist ja wie in meinen Socken!“

DIE FESTIVAL-KLAMOTTEN

Tierkostüme waren in diesem Jahr im Trend.

Kostüme gehören zum Hurricane wie Hashtags zu Instagram. Aber wo waren dann in diesem Jahr all die Morphsuits, Superhelden und Pappschilder, von denen ich vorher immer gehört und gelesen hatte? Jedenfalls nicht auf dem Hurricane. Der Trend geht in diesem Jahr eher zu vier Beinen: Bären, Frösche, jede Menge Tiger, Affen und, äh, Einhörner. Tierwesen, wobei oft nicht ganz klar war (auch den tierischen Freunden selbst nicht immer), was da alles auf dem Gelände so kreuchte und fleuchte. Zugegeben, nicht alle Kostüme waren die Spitze der Evolution, aber auf jeden Fall lustig. Weniger witzig, aber auch schön: Blumenkränze auf den Köpfen haben wir in diesem Jahr überall gesehen. Auch gern verwendet in Tateinheit mit Glitzerwangen oder anderen Farbtupfern. Ist das der Hinweis auf ein todsicheres Hippie-Revival?

DIE GRÖSSTEN PERSÖNLICHEN ENTDECKUNGEN

Ja gut, eigentlich ist es ja allgemein üblich, sich erst für eine Band zu begeistern, zu gucken, wo sie auftritt und sie sich dann live anzugucken. Das Tolle an Festivals ist aber, dass man zwar wegen irgendwelcher Bands hingeht, aber mit vielen Neuentdeckungen zurückkommt. So bin ich zufällig auf meine aktuellen absoluten Favoriten gestoßen, von denen ich bisher noch nix gehört hatte - was sich ab sofort drastisch ändern wird. "The Subways" haben mich zum Beispiel am Samstag auf die Green Stage gelockt und mich umgehauen mit ihrem gutgemachten Grunge-Garagen-Rock. Zwei britische Brüder und eine Ex-Freundin, die als Schüler Nirvana gehört, sich ihre Instrumente selbst beigebracht und sich in Unterführungen zurückgezogen haben ("Subways" = Unterführung, versteht Ihr?), wenn die Schule und das Leben sie mal wieder genervt haben. Und "Dispatch" habe ich für mich entdeckt. Die drei Jungs sind in den USA schon ziemlich bekannt. Sie machen eine coole Mischung aus Rock, Reggae, Funk und Folk, und ihr neuestes Album „Circles Around The Sun“ werde ich mir nicht nur jetzt gleich auf meine Spotify-Playlist packen, sondern sogar kaufen und ins Regal stellen.

DIE ERFAHRUNG FÜRS NÄCHSTE MAL

Lang und breit habe ich vor meinem ersten Festival-Besuch recherchiert und gut durchdachte Packlisten geschrieben, um wirklich perfekt vorbereitet zu sein. Nach diesen drei Tagen stelle ich jetzt aber fest, dass sowas gar nicht geht – gut auf ein Festival vorbereitet sein. Nicht einen Moment habe ich die Gummistiefel gebraucht, die ich so mühevoll aus dem Schuppen gegraben, entspinnenwebt und auf den Zeltplatz geschleppt habe. Genauso wenig wie mein Regencape. Auch wenn's ab und zu geregnet hat - braucht man nicht. Was nützlicher in jeder Lebens- und Wetterlage gewesen wäre: Ein Hut. Sonnencreme braucht man auch unbedingt, selbst wenn es bewölkt ist. Zum Glück hat der ADAC neonfarbene Sonnenbrillen verteilt. Nicht nur optisch sehr brauchbar. An Ohropax hatte ich auch nicht gedacht – dumm. Ich bin wohl doch nicht so hartgesotten, was Dezibel angeht, wie ich erwartet hatte.  Wenigstens hatte ich an den Klassiker gedacht: Eine Rolle Panzertape, über die ich sehr dankbar war – spätestens, als sich meine Tasche spontan entschieden hat, eine Clutch zu werden...

Du willst wissen, wie es aussah? Dann guck Dir Louisas Bilder an. Hier in unserer Fotostrecke:

So war's beim Hurricane:Unser Festival in Fotos

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