„Ich hab dabei an meine Matheaufgaben gedacht“

Aus ihrem Alltag hat eine Ex-Teilzeitprostituierte aus Berlin der chili-Redaktion berichtet.

Berlin - Sonia Rossi kommt aus Sizilien. Mit 20 verließ sie ihre provinzielle Heimat, um in der verheißungsvollen Großstadt Berlin Mathe zu studieren. Aber die Realität war wenig erfolgsversprechend: Deutschland war teuer und kompliziert.

Immer fehlte es an Geld, und weil sie wegen ihrer ausländischen Herkunft keinen Anspruch auf BAföG hatte, entschied sich Sonia irgendwann, heimlich „anschaffen“ zu gehen. Über ihren Alltag als fleißige Studentin und abgeklärte Hure schrieb sie ein Buch. „Fucking Berlin“ stand lange auf den Bestsellerlisten. Jetzt veröffentlicht sie die Fortsetzung: „Dating Berlin“. chili-Autorin Reike Raczkowski hat die 27-Jährige zum Interview getroffen.

Sonia Rossi ist nicht Dein richtiger Name, sondern ein Pseudonym, das Deine wahre Identität schützen soll. Wie viele Leute wissen wirklich, wer Du bist?

Etwa 15. Enge Freunde. Und natürlich mein Freund. Meine Eltern wissen es mittlerweile, ihre Liebe ist grenzenlos. Meine Oma ist 80, die soll es nicht erfahren. Sie würde das nicht verstehen und einen Herzinfarkt bekommen. Auch meine Arbeitskollegen ahnen nichts. Ich will nicht immer die sein, „die dieses Puffbuch geschrieben hat“. Blöd ist, dass ich oft lügen muss, wenn ich Lesungen habe oder Interviews gebe. Heute habe ich erzählt, ich hätte einen Zahnarzttermin.

Auf den ersten Seiten Deines Buches schreibst Du: „Ich bin weder als Nutte geboren, noch habe ich in meiner Kindheit geträumt, eine zu werden.“ Was ist passiert?

Ich hatte kein Geld. Ich habe es erst mal mit normalen Jobs versucht – kellnern, babysitten, Callcenter. Man kann als Studentin sein Leben aber nicht komplett mit solchen Jobs finanzieren. Außerdem musste ich meinen damaligen Mann mitfinanzieren. Irgendwann kam auch noch unser Kind – und drei Leute zu ernähren für fünf Euro die Stunde geht nicht.

Du hast zuerst bei einem Erotik-Chat gearbeitet, bei dem Du Dich vor der Webcam ausgezogen hast. Dann in einem Salon, in dem erotische Massagen mit „Abschluss“ angeboten wurden. Später hast Du gegen Geld „richtigen“ Sex mit Deinen Kunden gehabt. Welcher dieser Schritte war für Dich der größte?

Zwischen den Massagen und dem richtigen Sex seh ich keinen Unterschied. Für mich waren das alles sexuelle Handlungen. Bei den ersten Massagen sind die letzten Barrieren gefallen. Alles, was danach kam, war kein großer Schritt mehr.

Ich fand die Beschreibungen Deiner Dienstleistungen „auf Zimmer“, wie Du es nennst, im Buch sehr kalt und distanziert. Warum hast Du das so beschrieben?

Das Buch hat meinen damaligen Seelenzustand gespiegelt. Man gibt „auf Zimmer“ seine Seele nicht preis. Man hat in dem Moment auch keine Gefühle. Ich hab an meinen Einkaufszettel gedacht oder an meine Matheaufgaben. Ich wollte kein Schmuddelheft für Voyeure machen. Oft wurde ich angesprochen: „Der Sex in Deinem Buch ist langweilig, immer nur normal oder oral oder so fünf Minuten-Nummern...“ Ja, was soll denn im Puff groß passieren?

Kommt es eigentlich bei Prostituierten auch mal vor, dass der Sex Spaß macht?

Man darf das nicht falsch verstehen. Wenn ich „Spaß“ sage, meine ich: Mir fiel das Abschalten nicht so schwer wie sonst. Das ist wie beim Zahnarzt – der hat auch Patienten, die er netter findet als andere.

Wie bist Du damit umgegangen, wenn Du einen Kunden hattest, der Dich wirklich anekelte?

Man darf sich ja nichts anmerken lassen. Die Zeit ging dann ewig nicht vorbei. 20 Minuten können furchtbar lang sein. Ich habe mir dann immer den Moment vorgestellt, an dem alles besser wird, ich einen gut bezahlten Job habe und das nicht mehr tun muss.

Wer waren Deine Kunden?

Es waren alle Arten von Männern. Kleine, große, dürre, fette. Alt und jung, ungepflegt und trainiert, gebildet und grob. Manche wollten den niedrigsten Preis runterhandeln, andere haben große Trinkgelder gegeben. Das hatte dann auch nichts damit zu tun, ob es reiche Geschäftsmänner waren oder arme Rentner. Im Puff siehst Du das ganze Spektrum der Männerwelt.

Du beschreibst die Männer, die zu Dir kamen, als zerrissene Wesen. Ich zitiere: „Sie haben Liebeskummer und trösten sich mit Nutten. Sie vögeln Dich gegen Geld und fangen mittendrin an zu heulen. Sie (...) erzählen Dir drei Sekunden später, dass Du auf Dich aufpassen sollst – Dein Studium zuende machen, einen guten Job ergreifen, einen netten Mann heiraten. Einen wie sie selbst.“ Du hast sowas oft gehört. Wie hat der Job Dein Verhältnis zu Männern verändert?

Da ist nichts kaputtgegangen. Ich kenne aber auch genug Frauen, denen das anders geht.

Könntest Du Deinem Freund verzeihen, wenn er in den Puff geht?

Das wäre mir lieber, als wenn er mich „normal“ betrügt. Denn ich kann mir relativ sicher sein, dass da zumindest seitens der Frau keine Gefühle im Spiel sind. Tröstlich ist, dass ich weiß, dass es nicht unbedingt mit unerfüllter Sexualität zu tun hat, sondern oft nur mit einem Bedürfnis nach Abwechslung. Mein Freund sagt, er will eine Frau erobern und sie nicht kaufen. Ich glaube ihm das. Es gehen ja auch nicht alle Männer in den Puff, sondern viele. Ich hoffe, meiner gehört nicht dazu.

Schockiert hat mich, dass Du schreibst, Sex sei in Berlin schon für 20 Euro zu haben. Das ist sehr wenig Geld ...

Die Frauen müssen ja auch noch Abgaben an den Laden leisten. Wenn dann noch Männer kommen, die mit einem handeln wollen, wird man schon sauer. Ich habe meinen Preis nie drücken lassen, da bin ich hart geblieben. Auch, weil man dann leicht Ärger mit anderen Mädchen bekommt.

Bezahlt der Kunde vor oder nach dem Sex?

Normalerweise immer davor.

Gibt’s so eine Art Geld-zurück-Garantie, falls es mal nicht klappt?

Ist dann eben sein Problem. Hatte auch schon Streit mit Freiern darüber, das kam vor, aber bei mir gibt’s sowas nicht. In einer Bäckerei beißt Du auch nicht in den Kuchen und gibst ihn dann zurück.

Was machen Prostituierte eigentlich, wenn sie ihre Regel haben?

Weiterarbeiten. Es gibt so Schwämme, so genannte „Softtampons" ohne Schnur. Die kriegt man in Sexshops. Praktische Dinger.

Kam es jemals vor, dass Du von einem Freier kein Geld genommen hast?

Ein einziges Mal. Da hatte ich mich in einen schönen, türkischen Kunden verguckt. Im Nachhinein war das wohl einfach ein Moment der Schwäche von mir.

Hast Du einem Typen nach dem Sex mal Komplimente gemacht?

Wenn der Sex gut war, auf jeden Fall. Aber auch wenn’s blöd oder langweilig war, schmeichelt man dem Kunden natürlich. Man will ja, dass er wieder kommt.

Hast Du sehr viele Orgasmen vorgetäuscht?

Na, aber natürlich!

Hast Du überhaupt jemals einen Orgasmus bei der Arbeit gehabt?

Sehr schwierig, weil viele Männer ja immer nur 20 Minuten gebucht haben. In dieser kurzen Zeit, naja, das geht nicht so einfach. Aber es kam vor – wenn auch sehr selten.

Wie ist Deine Familiensituation im Moment?

Ich lebe in einer festen Beziehung, bin sehr verliebt, habe aus meiner Ehe einen dreieinhalb Jahre alten Sohn. Mein Mathematik-Studium habe ich jetzt beendet, habe einen guten Job in der IT-Branche und verdiene genug Geld, um meinem Sohn ein anständiges Leben zu bieten.

In Deinem neuen Buch „Dating Berlin“ suchst Du nach dem „Richtigen“. Ist dieses Thema im Vergleich zu Deinem ersten Roman nicht unheimlich brav?

Ich kann ja nicht immer über das Leben im Puff schreiben, ich hab das Kapitel ja selbst auch abgeschlossen. Mein erstes Buch kam so gut an, weil alle neugierig waren, wie das Leben einer Hure so ist. Mein zweites Buch ist ganz anders. Auf der Suche nach dem richtigen Mann habe ich viel Spannendes erlebt – zum Beispiel Speed-Dating. Hat nicht viel gebracht, war aber witzig. Es geht um die großen Erwartungen – und dann kommt es doch ganz anders.

Und wie geht das Buch aus?

(lacht): Naja, ich bin jetzt kein Single mehr. Am Ende taucht dieser neue Mann auf... Ich habe ihn im Internet im Chat kennengelernt. Ich bin immer noch total verliebt.

Kannst Du Dir vorstellen, noch mal Sex für Geld zu haben?

Eigentlich nicht mehr. Denn ich habe es getan, weil ich wirklich dringend Geld brauchte. Ich bin jetzt qualifiziert, verdiene gutes Geld. Dieser Job hat mit meiner Lebensrealität nichts mehr zu tun. Aber ich habe mittlerweile verstanden, dass man nie weiß, was kommt.

Zu was für einem Mann willst Du Deinen kleinen Sohn erziehen?

Er soll Respekt vor Frauen haben. Er soll jemand werden, der aufmerksam ist und um seine Partnerin bemüht. Er soll ein Gespür bekommen für die Bedürfnisse anderer Menschen. Er soll gut und glücklich werden.

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